Ein souveräner Tanz auf dem Parkett der Männer

Texas scheint ein gutes Pflaster zu sein für Frauen, die sich etwas trauen. Bei allen emanzipatorischen Traditionen, die im Blues stecken, so war er doch immer eine Domäne der Männer. Der Machismo, der in den klassischen Blues Songs steckt, ist so schreiend, dass er per se schon jede Frau abschrecken müsste, sich darauf einzulassen. Die 1972 in Houston geborene Carolyn Wonderland ist zwar fast dreißig Jahre nach der aus dem texanischen Port Arthur stammende Janis Joplin unterwegs und ihre Art, den Blues mit Leben zu füllen, ist eine andere, doch an Chuzpe steht sie ihrer großen Schwester nicht viel nach. Sozialisiert wurde sie quasi in der 6. Straße von Austin, wo ein Club neben dem anderen ist und auf jeder Bühne Akkorde angeschlagen werden, wie das dort schon Stevie Ray Vaughan, Albert Collins oder Omar gemacht haben.

Mit Peace Meal bringt Carolyn Wonderland bereits ihr neuntes Album heraus. Nach programmatischen Titeln wie Groove Milk, Bursting With Flavour, Alkohol And Salvation, Bloodless Revolution und Miss Understood, die daher kamen, als beschrieben sie die einzelnen Lebensabschnitte der jungen Frau, ist rechtzeitig zum bevorstehenden vierzigsten Geburtstag die innere Mitte gewonnen.

So handelt es sich bei Peace Meal um einen Überblick über die einzelnen Facetten der Gitarristin und Sängerin. In den meisten Stücken spielt sie in dem ihr vertrauten Trio zusammen mit Cole El-Saleh an den Keyboards und Robert Michael Hooper an den Drums. What Good Can Drinkin´Do, Victory of Flying, Only God Knows When sind Referenzen an das Blues-Klischee schlechthin, gut arrangiert, mit den aus dem Jig entstandenen Riffs auf einer trocken und ehrlich gespielten Gitarre. Die folgenden St. Marks und Golden Stairs sind Blues-Balladen, die von ihrem Design sehr an die siebziger Jahre erinnern, sehr gut realisiert werden, aber dennoch von der Dynamik etwas abfallen und zuweilen eher an Ian Andersons Interpretationen bei Jethro Tull erinnern als an das, was dann folgt. Mit dem Klassiker Dust My Broom, der so alt ist wie der Blues selbst, erwirbt Carolyn Wonderland den Meistertitel, da steht das Herz für einen Moment still, weil man erstmal begreifen muss, dass da eine junge Frau mit klirrenden Stiefeln durch die Männerdomäne tanzt, und man sieht förmlich, wie die sich die Augen reiben und für einen Augenblick dieses blödsinnige Gewese um die Rollenaufteilung vergessen, weil sie von einem Groove über den Holzboden getrieben werden wie kleine Schäfchen.
Die folgenden Stücke sind eine Referenz an das aktuelle Schaffen, vom Electric Blues, über die von der Orgel getragenen Ballade bis hin zu Shine On, einem besinnlichen Rezitat, das nicht nach einer Zuordnung zu einem besonderen Genre schreit.

Carolyn Wonderland galt schon lange als dezenter Tipp, mit Peace Meal stellt man sich die Frage, warum in der Blueswelt immer noch bei Texas nur an Stevie Ray Vaughan, Johnny Winter, Omar, Johnny Guitar Watson und wie sie alle heißen gedacht wird, aber nicht an die großartigen Frauen, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch die, die abends in Austin auf der Bühne stehen!