Die Selbstbezogenheit des Ichs

Über Epochen der Entwicklung hinweg kam die Anthropologie mit wenigen Archetypen aus, unter die sich die einzelnen Charakteristika der menschlichen Gattung subsumieren ließen, ohne den Eindruck zu hinterlassen, Wesentliches missachtet zu haben. Zunächst, vor der Befähigung, Arbeit in einem gesellschaftlich gesetzten Rahmen organisieren zu können, reichten die Kategorien des Sammlers und Jägers. Mit der Etablierung der Landwirtschaft kam noch der Bauer hinzu und mit der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung der Arbeit erschien der Wissenschaftler. Bei der Betrachtung der wesentlichen Verhaltens- und Denkmuster war man mit diesen Typologien gut bedient, bis das Kommunikationszeitalter alle gesellschaftlichen Prozesse durchdrang und einen neuen Typus hervorgebracht hat, der in Managementanalyse zunächst als Entertainer bezeichnet wurde, aber, unter dem Eindruck des letzten Jahrzehntes, noch einmal als Poser spezifiziert werden muss.

War der Sammler von Geduld geprägt, der Jäger von einer finalen Zielerreichung getrieben, der Bauer von der Regelmäßigkeit gesteuert und der Wissenschaftler von einer Emotionslosigkeit und Beobachtungsgabe beherrscht, so ist der Poser auf der ständigen Jagd nach Glorie des eigenen Abbilds. Das, was nicht zu Unrecht als ein Phänomen der post-heroischen Gesellschaft beklagt wird, die Nicht-Existenz einer Wertigkeit, die über die direkten Verwertungsbedürfnisse des Individuums hinaus geht und schlicht als so etwas wie Gemeinschaftssinn bezeichnet werden könnte, ist klinisch sauber aus Hirn und Gefühl verbannt. Der dadurch frei werdende Raum ist durch einen Narzissmus ausgefüllt worden, der die Dimension des Pathologischen längst durchmessen hat. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist diese Dysfunktion – vorausgesetzt, wir definieren das menschliche Ensemble noch als ein soziales – längst kein Makel mehr, sondern eher als ein Überlebensutensil. Die antiquiert klingende Volkswahrheit, dass Klappern zum Handwerk gehört, muss angesichts der Wucht der Erscheinung längst umgemünzt werden in die Einsicht, dass nicht nur das Klappern das Handwerk selbst ist, sondern das Klappern ist die dominante Form einer weit verbreiteten Existenz an sich.

Die große gesellschaftliche Übung, in der, konträr zum Sinne früherer Überlegungen zur Erlangung kommunikativer Kompetenz, eingeübt wird, wie Individuen durch die Selbstinszenierung die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ausstechen, sind die Casting-Shows, die längst nicht mehr nur im Fernsehen laufen, sondern real in jeder politischen Debatte und in jeder Arbeitssitzung. Der Outcome, wie es so schön heißt, über den der Erfolg von Gestaltungsprozessen zunehmend definiert wird, wird zeigen, wie wenig der neue Archetypus des Posers dazu beiträgt, Arbeit und Gesellschaft zu positiven Ergebnissen zu führen. Da kommt dann doch eine Philosophie zurück in den Sinn, die gerade das bloße Strahlen des Moments als existenziell verdächtig enttarnte. In seiner zentralen Schrift Das Sein und das Nichts brachte es Jean Paul Sartre auf den Punkt: Das menschliche Sein ist etwas zu Leistendes!