Louis Armstrong Plays W. C. Handy
Es ist heikel, ein neues Genre der Musik, welches einer langen Tradition entsprungen ist, einem Individuum zuzuordnen. Beim Blues werden immer verschiedene Namen genannt. Da ist ein Buddy Bolden, der in New Orleans die Marching Bands mit seiner Trompete anführte, bis ihm das Hohe F das Hirn zerfetzte und er verwirrt den Rest seines Lebens in der Nervenheilanstalt von Baton Rouge verbrachte. Da ist ein Robert Johnson, der nur Stücke komponierte, die bis heute zu den großen Hits des Blues gehören und der auf den Bühnen der Honky Tonk Bars spielte, bis ihn ein eifersüchtiger Ehemann bei einem Auftritt erschoss. Und da ist W.C. Handy, der 1873 in Alabama geboren wurde, zunächst Kirchenmusik machte, dann eine Band gründete, in der Beale Street in Memphis mit einer phänomenalen Band residierte und mit dem Memphis Blues etwas einspielte, das später als die Inititiationskomposition des Blues gefeiert wurde. Handy starb im Bett, 1958 in New York, im Alter von 85 Jahren.
Sicher ist W.C. Handy mit seinen Kompositionen einer der Blueser der ersten Stunde gewesen, und es ist kein Wunder, dass die große Figur des Jazz, das Monument schlechthin, Louis Armstrong, sich irgendwann in seiner großartigen Karriere dieser Wurzeln der schwarzen Musik Nordamerikas annahm und die Stücke Handys einspielte, um das essenzielle Band zwischen Blues und Jazz hervorzuheben.
Mit dem schnoddrigen Titel Louis Armstrong Plays W.C. Handy ging Louis Armstrong 1954 ins Studio, um insgesamt 15 Stücke aufzunehmen, die W.C. Handys Werk entstammten. Darunter Hymnen wie den St. Louis Blues, Long Gone, The Memphis Blues, Beale Street Blues, Loveless Love oder die Alligator Story. Das Wohltuende an den Aufnahmen, die auf dem vorliegenden Album als eine überarbeitete Version vorliegen und technisch soweit verbessert wurden, wie das eben geht, sind ihre scheinbar lapidaren, aber hoch professionellen Arrangements. Die Kernaussagen der Songs leiden nicht unter der vermeintlichen Notwendigkeit für den Interpreten Louis Armstrong, dass er sie verfremden müsste, um ihnen seine persönliche Note aufzudrücken. Louis Armstrong war derjenige, der den Blues in den Jazz mit hinüber nahm, und seine Trompete war das hohe Lied auf das Rhythmisch-Binäre. In den vorliegenden Stücken gelingt es ihm, aus einer getragenen, retardierenden Idee etwas ungeheuer Treibendes zu machen, er geht mit dieser Impulsivität auf die Reise, um genau zum richtigen Zeitpunkt wieder dort anzukommen, wo die ganze Erzählung erdacht war.
Es wäre eine beschämende Täuschung, das, was sich auf den Aufnahmen als einfache, vielleicht sogar infantil anmutende Weisen präsentiert, als das zu nehmen, was es zunächst erscheint. Es sind Grundmuster einer einfachen, aber auch größenwahnsinnigen Idee, die Geschichte eines ganzen Kontinents in den Alltag mitzunehmen, sie dort zu erzählen und zu erwarten, dass ihre gewaltige Botschaft gut verkraftbar aufgenommen wird. Das ist ganz große Musik, und wenn Louis Armstrong mit seiner unverkennbaren Kopfstimme in Chantez Les Bas zu erzählen beginnt, bekommt man eine Ahnung davon, mit welcher musikalischen Weisheit man es zu tun hat.
