Geschichte ist nicht nur, wie John Updike es so treffend formulierte, eine Maschine, welche die Menschheit unablässig zu Staub zermahlt, sondern auch ein Phänomen, das in der Wahrnehmung genauerer Beobachter von Wiederholungen lebt. Das mag zum einen daran liegen, dass die Menschheit nicht unbedingt dazu tendiert, aus Erlebtem zu lernen, zum anderen lässt es sich aber auch damit erklären, dass unser Dasein zu komplex ist für die Kürze unseres eigenen Aufenthalts auf diesem Planeten.
Wie dem auch sei: Momentan durchziehen die Nachrichten immer mal wieder Meldungen von dem 50. Jahrestag des ersten Eintreffens türkischer damals so genannter Gastarbeiter in Deutschland. Die Retrospektive ist immer dann gelungen, wenn die Zeitzeugen befragt werden, wenn die heutigen Mitbürger dieser Republik von ihrer eigenen Geschichte erzählen und wir fassungslos hören, wie glücklich sie sind, nun hier zu sein und sich hier dazu zählen zu können. Die Deutschen, seit dem Faschismus in ihrem historischen Bewusstsein irreparabel traumatisiert, begreifen zumeist nicht, wieso diese Menschen aus der fernen Türkei das heutige Deutschland als ihre Heimat begreifen können.
Wäre da nicht das Trauma, und wäre da etwas mehr Orientierung an der eigenen Geschichte, dann würde gar nichts verwundern, sondern deutlich werden, dass Migration und Integration zu den Regelerscheinungen der Moderne zählen. In Hamburg, der Stadt Deutschlands, die vor dem Durchbruch der Luftfahrt als das hiesige Tor zur Welt betrachtet wurde, schifften sich im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert Millionen von Deutschen ein, um ihr Glück in der so genannten Neuen Welt zu versuchen. Am alten Gebäude der Landungsbrücken stand das Goethe-Zitat: Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt.
Was diejenigen erwartete, die das große Wagnis, in der Regel aus Abenteuerlust und großer sozialer Not, unternahmen, war für die ersten Generationen der nackte Überlebenskampf. Es dauerte Generationen, bis sie sich etablierten und bestimmte Landstriche der USA und Südamerikas sind heute tief geprägt von der Attitüde derer, die aus dem fernen Deutschland kamen und deren Nachfahren heute bewusst nicht mehr vieles davon reflektieren, was sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind.
Unter diesem Aspekt sind die Geschichten, mit denen wir heute als ein gar nicht so wohl wollendes Einwanderungsland konfrontiert werden, gar nicht so beunruhigend. Die Mirganten, die gekommen sind, sind längst ein Teil unserer Welt und Kultur und es wäre undenkbar, wären sie nicht hier. Die Kinder und Kindeskinder der ersten Arbeitsmigranten gehören zum Kern der bundesrepublikanischen Gesellschaft und wer die Zukunft gestalten will, ohne sie zu berücksichtigen und ihnen eine vitale Rolle verweigert, der plant auf Basis einer Illusion, die auf einem ethnischen Purismus beruht, den es so nie gegeben hat.
Diejenigen, die das historische Phänomen der Migration unter einem moralisierenden Aspekt beleuchten, liegen allerdings genauso falsch wie die Puristen. Migration in einen neuen Raum bedeutet immer Reibung, Disput und Verwerfung, bevor sich die Kräfte etablieren können, von denen die Gesellschaft, die damit konfrontiert wird, profitieren kann. Der kritische Punkt der Bereicherung ist längst erreicht. Insofern besteht kein Anlass, die Jubiläen der Immigrationswellen als Mahnwache der Pietisten missbrauchen zu lassen. Es wird alles noch dauern, aber es wird auch werden.
