Archiv für den Monat Oktober 2011

Polemik und Zeitgeist

Kein geringerer als Friedrich Engels war es, der dem damals populären Sozialdemokraten Eugen Dühring am Ende eines Buches als „menschliches Urteil“, das dem Zeitgenossen nach soviel wissenschaftlicher Härte zustünde, die Formulierung zuwies „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“. Und Lenin, in der Verteidigung eines Mitstreiters gegen das gegnerische Lager, bemühte gar das Gleichnis „wohl traf es sich, dass des Adlers Flug, ihn niedriger als Hühner fliegen trug. Doch Hühner fliegen nie in Adlershöhn.“ Die Schärfe politischer Polemik war bis weit in das 20. Jahrhundert nichts für zarte Gemüter. In einem Jahrhundert, in dem es um handfeste Interessen, ökonomische Klassen und politische Systeme ging, wurde im Bereich der Metaphorik bis aufs Messer gekämpft.

Die große Zäsur lässt sich aus heutiger Sicht ausmachen mit dem Zusammenbruch der bipolaren imperialen Welt, dem Niedergang der Sowjetunion und dem temporären Triumph der USA. Letztere stand vor der Aufgabe einer Neubesinnung und weiterführenden Programmatik und wurde begleitet vom Aufstreben Chinas, Indiens, Brasiliens und anderer Länder, die zukünftig eine größere Rolle spielen werden.

Im Alten Europa hingegen verstieg man sich in die Illusion, die Zeiten der Konfrontation und des Interessengegensatzes seien endgültig vorbei und man stünde vor einer Ära des Konsenses. Das milderte insgesamt den Ton und führte zu einer Entschärfung des Meinungsstreits. Die Konsequenz waren die schleichende Einführung moralisierender Inquisitionsinstanzen, die in der Regel zwar keinerlei demokratische Legitimation besaßen, aber dafür ein feines Gespür für den Unwillen der meisten Mitmenschen, einen bestehenden Konflikt gemäß seines tatsächlichen Gewichts auszutragen. So wurde auf der einen Seite eine heile Welt suggeriert, die es in dieser Form nie gab, und auf der anderen Seite verlor das Gros der abendländischen Gesellschaften die Fähigkeit zum Streit.

Das Vokabular des gesellschaftlichen Diskurses wurde zunehmend abstrakter, die angewandte Metaphorik ein Exzess an Bukolik. Das, was mit dem jüdischen Terminus des Tacheles und früheren Zeiten bezeichnet wurde, galt sogar als anstößig. Sieht man sich die gegenwärtigen Diskussionen aus der vermeintlich herrschaftslosen Zeit einmal näher an, so ist zumeist viel Lärm um nichts und nur manchmal, in seltenen Fällen, traut sich noch jemand, tatsächlich zu konfrontieren. Dann ist die Zeit des gewaltfreien Diskurses im Nu abgelaufen und es beginnt ein kurzprozessiges Ausgrenzungsritual, dass man seinen Ohren nicht traut.

Dass wir am Ende des Zeitalters leben, an dem es nichts mehr zu polarisieren gibt, ist ein Stück ideologischer Herrschaftslogik, von der man sich schleunigst verabschieden muss, um nicht wirklich selbst sehr schnell am Ende zu sein. Angesichts der dramatischen Krisen, in die uns die vermeintliche Konsensbehaftung getrieben hat, ist es an der Zeit, und um mit den Worten eines frühen Dadaisten zu sprechen, dass wir uns ins Leben werfen, und zwar mit den Schwertern der flammenden Sapienz!

Differenzierte Entschlüsselungsversuche

Frank Nordhausen, Thomas Schmid (Hg.), Die arabische Revolution

Jenseits der unzutreffenden Schnelldeutungsversuche, die sich auf Titulierungen wie „Generation Facebook“ einigen, ist das, was sich in im letzten Jahr in den arabischen Ländern ereignet hat, ein sehr komplexes und vielschichtiges Phänomen. Neben der vor allem für alle, sowohl die Betroffenen wie die Beobachtenden, völlig unerwarteten und plötzlichen Entwicklung, liegen die Ursachen in den verschiedenen Ländern in sehr differenzierten Problemlagen. Umso mehr ist es sicherlich eine gute Idee gewesen, verschiedene Beobachter und Kenner dieser Länder mit ihrem Expertenwissen zusammenzuholen und aus ihrer Sicht das vertraute Land mit seiner gesellschaftlichen, sozialen und politischen Lage in einer Momentaufnahme zu beleuchten. Frank Nordhausen und Thomas Schmid als Herausgeber ist es in vielerlei Hinsicht gelungen, die richtigen Leute zu einem Beitrag aufzufordern und sie haben sich bis auf eine kurze Einlassung verkniffen, die große Welterklärung daraus abzuleiten.

In insgesamt 11 Aufsätzen werden nicht nur die Ereignisse geschildert, die zu dem geführt haben, was mangels eines besseren Begriffes momentan die arabische Revolution genannt wird. Und selbst das ist wiederum irreführend, weil nach Tunesien, Ägypten und momentan vielleicht noch Libyen immer noch die alten Systeme die lokale Macht beschreiben bzw. die alten Autokraten die Keule der Macht schwingen lassen. Selbst bei den genannten Referenzländern wird deutlich, dass die Ausgangslage in Tunesien eine andere als in Ägypten war und beide sich signifikant von Libyen unterscheiden.

Ja, in vielen Ländern der arabischen Welt geht und ging es um die Chancenlosigkeit einer akademischen Jugend und die Korruption autokratischer Eliten. Aber in Libyen spielen die unterschiedlichen Stämme eine nicht zu unterschätzende Rolle, in Algerien ist es eine wohlhabende Staatsbürokratie, die am Ende ihrer Subventionslogik steht, in Syrien ein Herrscher, der vom Volk bis vor kurzem getragen wurde und dem sein eigener Apparat aus den Händen glitt, im Libanon, der ruhig zu sein scheint, glimmt schon das Pulver, weil dort involvierte Mächte wie Syrien und Jordanien aus der Balance zu geraten scheinen, im Jemen ist es der Wankelmut eines Despoten und im scheinbar unberührten Saudi-Arabien, das seinen Despotismus unter dem Schirm des Westens bisher retten konnte, hat längst eine Erosion eingesetzt, deren Ende noch niemand abschätzen kann.

Die vorliegende Aufsatzsammlung ist in sehr guter Weise dazu geeignet, einen Überblick über die komplexen Zusammenhänge zu geben, die in den unterschiedlichen Ländern der arabischen Welt zu revolutionären Bewegungen geführt haben. Alle Beiträge machen deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Länder sind und dass jeder, der politisch mit ihnen verwoben ist, gut daran tut, sich nicht von halb garen Pauschalurteilen leiten zu lassen. Letzteres übrigens ein Phänomen, unter dem die europäische Politik seit der Entkolonisierung der arabischen Welt heftig gelitten hat und welches unter anderem dazu führte, dass der Westen mehr als konsterniert wirkte, als Tunis, Kairo und Tripolis bebten.

Wer sich der arabischen Revolution nähern will, indem er mehr über die einzelnen Länder erfahren will, ist mit der Lektüre dieses Buches gut beraten.

Nicht drin was draufsteht

Joana Breidenbach, Pal Nyiri, maXiKULTi

Irgendwie tappen die Deutschen gerne in die Mystikfalle. Bei dem vorliegenden Buch, das mit einem ganz anderen Anspruch daherkommt, ist dieses leider auch der Fall. Da steht im Untertitel „Der Kampf der Kulturen ist das Problem“ und dabei wird, wie sollte es anders sein, Bezug auf Samuel Huntington genommen, der in seinem Buch „Clash of Civilizations“ nicht nur richtig übersetzt von einem Zusammenprall oder Aufeinanderstoßen von Kulturen gesprochen hatte. Wie bei Dostojewskis Schuld und Sühne, das in alle Weltsprachen korrekt in Verbrechen und Strafe übersetzt wurde, so ist es auch ein deutsches Phänomen mit dem Kampf der Kulturen.

Richtig hingegen liegen die Autoren mit ihrer Analyse, dass man weder eine geostrategische Konzeption (Huntington) noch eine positivistisch konzipierte Skala (Hofstede) nehmen kann, um für bestimmte Kulturen typisches Verhalten darzustellen und, noch schlimmer, zu trainieren, wie man am Besten mit den Vertretern der fremden Kultur umgeht. Dass dieses in einem ziemlich anrüchigen Beratungs- und Trainingsgeschäft in deutschen Unternehmen zuweilen so zugeht ist beklagenswert, und dass Politikberatung sich teilweise auf kulturelle Verkürzungen verlässt ist verhängnisvoll. Bei beidem handelt es sich aber nicht um Neuigkeiten, die auf 130 Seiten eines 175 Seiten umfassenden Buches ausgebreitet werden müssen, zumal im Untertitel noch die Frage formuliert wird „zeigt die Wirtschaft die Lösung?“

Leider sind auch die Kapitel, die sich auf die Fragestellung beziehen nicht informativ. Es werden Beispiele genannt, die dann auch der Kritik der Verkürzung unterzogen werden. Unterm Strich bekommt die verehrte Leserschaft den Hinweis, man dürfe eben nicht mit einem reduktionistischen Ansatz auf fremde Kulturen zugehen, solle offen sein und sich die Wechselwirkungen bewusst machen, wenn man es mit Migranten zu tun habe, die mit ihren eigenen kulturellen Dispositionen und der neuen, in die sie hineinkommen, wechselseitigen Beeinflussungen unterlägen. Auch das nicht falsch und beachtenswert, aber weit entfernt von den angekündigten Enthüllungen über lösungsorientierte Wege der Wirtschaft, die es tatsächlich gibt. Diese Informationen und Analysen werden geopfert dem Reflex der Traumaaufarbeitung, Huntington und kein Ende, wobei die Differenzierung zwischen Autor und Epigonen nicht einmal vorgenommen wird.

Es ist nicht drin was draufsteht!