Mit dem Geigerzähler im Bett

Vor allem im südwestdeutschen Raum, da wo die Avantgarde der revolutionären Bewegung momentan beheimatet zu sein scheint, waren die Geigerzähler kurz nach dem Unfall des Atomkraftwerkes in Fukushima ausverkauft. Seitdem schlafen die Revolutionäre mit diesem Instrument und wenn es nachts zu knattern beginnt, dann sind es keine radioaktive Strahlen, sondern die energetischen Eruptionen der Weltrevolution. Es geht um Nachhaltigkeit schlechthin, den Kampf um ein faschistisches Baumonument, das man als Bahnhof erhalten will und für den Ausbau einer Bürokratie, die nichts auslässt, um der Selbstbestimmung des Individuums den Garaus zu machen.

Das, was sich in der Selbstwahrnehmung als das Revolutionärste erlebt, das in der jüngeren Geschichte in Deutschland zu verbuchen ist, erinnert in Vielem an eine Bewegung in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die unter dem Slogan „Zurück, oh Mensch, zur Mutter Erde“ die eine oder andere Gemarkung für die Ideologieverdrossenheit und die Erosion der Demokratie gesetzt hat. Aus einer vermeintlichen Philanthropie hatte sich eine moralistische Intoleranz gebildet, die der Zivilisation mit ihren weltlichen Konstitutionsprinzipien den Kampf angesagt hatte. Auch dort herrschte die Vorstellung von der moralischen Überlegenheit der Graswurzler, und auch dort lag ein Keim für die Hybris von Herrenrasse.

Vieles von dem, was sich damals beobachten ließ, erlebt derzeit eine Renaissance. Die Hybris ist genauso geblieben wie manch unzivilisiertes Auftreten, das mit der Gerechtigkeit der Sache entschuldigt wird. Es scheint, als sei das einzig Beständige an der Existenz der Deutschen das Sektenwesen, denn herausragende säkuläre Errungenschaften lassen bis heute auf sich warten, während im Bacchanal des Sektierertums alle Rekorde gebrochen werden.

Die Bankenkrise, die sich als weltweites Phänomen entpuppt hat und als solches nur in seinen Ursachen politisch bekämpft werden könnte, wird natürlich und immer noch aus Kränkung für die nicht geleistete eigene Befreiung den USA in die Schuhe geschoben. Weder existierten dort Staatsbanken mit politischem Personal, die es derartig getrieben haben, wie die hiesigen Landesbanken, noch hat die Bundesrepublik als Lehre aus der Krise annähernd Maßnahmen gegen die Spekulation beschlossen wie die US-Regierung. Da ist es aus der Selbstwahrnehmung nur logisch, dass die hiesigen Beischläfer des Geigerzählers es der Widerstandsbewegung Occupy Wall Street absprechen, zu wissen, worum es in Wirklichkeit geht.

Angesichts der hiesigen lauen und unwirksamen Widerstandformen gegen finanzkapitalistische Exzesse, die weit hinter die Massenbasis der Bewegung gegen die Vernichtung des Feldhamsters zurückfällt und mit so herzigen Vorschlägen wie der Verstaatlichung der Banken (!) einhergeht , muss man sich schon fragen, ob es sich dabei um ein rein psychopathologisches Phänomen der Selbstüberschätzung schlechthin handelt, oder ob der Gedanke an die Herrenrasse selbst im Dachstübchen der Zivilisationskritiker unbeschadet überlebt hat.