Eine erdige Revue

Willy DeVille, Unplugged in Berlin

Als Willy DeVille im Jahr 2003 mit seinem Acoustic Trio Berlin eine Referenz abstattete, war er 53 Jahre alt und hatte in Deutschland nicht nur ein festes Publikum, sondern in bestimmten Kreisen wurde er bereits als Ikone gehandelt. Der 1950 in Stamford an der amerikanischen Ostküste als William Borsey geborene Willy DeVille hat mit den exzentrischen und oft verstörenden, zwischen den Genres liegenden Rock- und Bluesinterpretationen etwas Einzigartiges geschaffen, das zusammen mit seinen unvergleichlichen Bühnenauftritten korrespondierte und abgerundet wurde. Von manchen Konzerten schwärmen viele noch heute, obwohl sie bereits zwanzig Jahre zurück liegen.

Das Berliner Konzert aus dem Jahr 2003 war anders. Zum einen weicht das Acoustic Trio von dem sonstigen Ensemble-Aufwand dramatisch ab, zum anderen ist das Programm nicht ein Abbild der gegenwärtigen Schaffensphase oder zurückliegender Erfolge, sondern ein Verweis auf die beiden großen Einflüsse auf sein eigenes Wirken. Mit Titeln wie Trouble In Mind, Hound Dog, Junkers Blues und Shake, Rattle And Roll verweist Willy DeVille auf den Rock ´n Roll und Blues, ohne deren Stilkomponenten seine Eigenkompositionen nicht zu verstehen sind. Spanish Harlem hingegen deutet auf die Latinoeinflüsse, die im Gesamtwerk ebenso prägend waren. Und dazwischen liegen die starken Balladen, mit denen der 2009 an Krebs Verstorbene, in dem viele stets auch einen Sinti oder Roma vermuteten, reihenweise die Frauenherzen brach. Heaven Stood Still ist mehr als ein gelungener Schluss, der Titel könnte auch als Überschrift figurieren, als mache der Künstler bewusst eine Pause, um sein bisheriges Werk zu reflektieren und er nicht wisse, wie und ob es weitergeht.

Die Interpretationen selbst haben jenseits der elektronischen Einbettung nicht nur nichts an Kraft verloren, sondern sie sind näher am Wesen, Willy DeVille trifft den Ton und die Botschaft mit seiner mal verkommen rauchigen, mal mit einer seidenen Intonation und zuweilen läuft es einem kalt den Rücken herunter bei dem Gedanken, es habe alles um eine Vorahnung des abrupten Endes sein können und der Mann sei noch einmal zu seinem treuesten Publikum gekommen, um ihm in intimer Atmosphäre die Wahrheit zu sagen.

Die schrägen, schnoddrigen und anrüchigen Erklärungen, Kommentare und Verweise, die illustrieren, um was für einen Paradiesvogel es sich bei Willy DeVille handelte und die nicht aus den Aufnahmen geschnitten wurden, machen das Album zudem zu einem Dokument über den Künstler. Obwohl das Konzert bereits in minderer Tonqualität auf dem Markt war und somit nichts Neues präsentiert wird, handelt es sich um eine vielleicht typisch deutsche, intime Referenz an einen Nischenkönig, der zuweilen Geniales zustande brachte wie die Interpretation von Jimi Hendrix´ Hey Joe, der aber auch sehr erdig und vertraut sein konnte.