Kein geringerer als Friedrich Engels war es, der dem damals populären Sozialdemokraten Eugen Dühring am Ende eines Buches als „menschliches Urteil“, das dem Zeitgenossen nach soviel wissenschaftlicher Härte zustünde, die Formulierung zuwies „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“. Und Lenin, in der Verteidigung eines Mitstreiters gegen das gegnerische Lager, bemühte gar das Gleichnis „wohl traf es sich, dass des Adlers Flug, ihn niedriger als Hühner fliegen trug. Doch Hühner fliegen nie in Adlershöhn.“ Die Schärfe politischer Polemik war bis weit in das 20. Jahrhundert nichts für zarte Gemüter. In einem Jahrhundert, in dem es um handfeste Interessen, ökonomische Klassen und politische Systeme ging, wurde im Bereich der Metaphorik bis aufs Messer gekämpft.
Die große Zäsur lässt sich aus heutiger Sicht ausmachen mit dem Zusammenbruch der bipolaren imperialen Welt, dem Niedergang der Sowjetunion und dem temporären Triumph der USA. Letztere stand vor der Aufgabe einer Neubesinnung und weiterführenden Programmatik und wurde begleitet vom Aufstreben Chinas, Indiens, Brasiliens und anderer Länder, die zukünftig eine größere Rolle spielen werden.
Im Alten Europa hingegen verstieg man sich in die Illusion, die Zeiten der Konfrontation und des Interessengegensatzes seien endgültig vorbei und man stünde vor einer Ära des Konsenses. Das milderte insgesamt den Ton und führte zu einer Entschärfung des Meinungsstreits. Die Konsequenz waren die schleichende Einführung moralisierender Inquisitionsinstanzen, die in der Regel zwar keinerlei demokratische Legitimation besaßen, aber dafür ein feines Gespür für den Unwillen der meisten Mitmenschen, einen bestehenden Konflikt gemäß seines tatsächlichen Gewichts auszutragen. So wurde auf der einen Seite eine heile Welt suggeriert, die es in dieser Form nie gab, und auf der anderen Seite verlor das Gros der abendländischen Gesellschaften die Fähigkeit zum Streit.
Das Vokabular des gesellschaftlichen Diskurses wurde zunehmend abstrakter, die angewandte Metaphorik ein Exzess an Bukolik. Das, was mit dem jüdischen Terminus des Tacheles und früheren Zeiten bezeichnet wurde, galt sogar als anstößig. Sieht man sich die gegenwärtigen Diskussionen aus der vermeintlich herrschaftslosen Zeit einmal näher an, so ist zumeist viel Lärm um nichts und nur manchmal, in seltenen Fällen, traut sich noch jemand, tatsächlich zu konfrontieren. Dann ist die Zeit des gewaltfreien Diskurses im Nu abgelaufen und es beginnt ein kurzprozessiges Ausgrenzungsritual, dass man seinen Ohren nicht traut.
Dass wir am Ende des Zeitalters leben, an dem es nichts mehr zu polarisieren gibt, ist ein Stück ideologischer Herrschaftslogik, von der man sich schleunigst verabschieden muss, um nicht wirklich selbst sehr schnell am Ende zu sein. Angesichts der dramatischen Krisen, in die uns die vermeintliche Konsensbehaftung getrieben hat, ist es an der Zeit, und um mit den Worten eines frühen Dadaisten zu sprechen, dass wir uns ins Leben werfen, und zwar mit den Schwertern der flammenden Sapienz!
