Zu Zeiten, als noch ein Börsenpapst wie André Kostolany dem interessierten Publikum riet, das Wesen des Aktienbesitzes sei Vertrauen und Langmut, interessierte sich das Gros des Volkes wenig für das, was an den Börsen geschieht. Der Grundgedanke der aktiengestützten Unternehmensfinanzierung war der einer Geldbeschaffung zu einem produktiven Zweck. Anteilserwerb an einer Unternehmung, der man zutraute, dass sie aufgrund von Kreativität, Können und einer vorhandenen Nachfrage eine produktive Prognose rechtfertigte und Anteilsgewährung gegen Geld, um Investitionen in den Wertschöpfungsprozess realisieren zu können.
Seitdem die Kindersoldaten des Finanzkapitals, entrissen von den Tischen des Monopoly-Spiels, in ihren konfektionierten dunklen Anzügen den dicken Max der Finanzmärkte spielen dürfen, hat sich die Börse grundlegend geändert. Vor allem seit die Spieler aus der Kinderabteilung und des verbeamteten staatlichen Bankenwesens sich auf anti-autoritärem Grund in der Spekulation verlustieren, ist die Notwendigkeit einer anderen Art der Bürgschaft und Investition evident geworden. Weder Vertrauen noch Langmut haben in der Welt der spekulativen Geldgeschäfte ihren Platz, Eigenschaften wie diese sind eher hinderlich. Emotionale Grundlage des zeitgenössischen Investments ist die trunkene Gier nach atemberaubenden Renditen, nach blitzartigem Reichtum, nach immerwährendem Müßiggang.
Das Problem, mit welchem die Spekulation aufgrund der inhärenten exzentrischen Moralität konfrontiert wird, ist die Tatsache, dass niemand, der sein Geld aufgrund von schweißtreibenden und mühsamen Prozessen verdient hat, das aberwitzige Risiko bereit ist zu tragen, das bei spekulativen Geschäften das Spiel dominiert. Wer sich mühen muss, um zu etwas zu kommen, investiert nicht in Unterfangen, die das Gegenteil behaupten.
Seitdem der Staat, oder, um genauer zu sein, die Bundesrepublik Deutschland, zu der Auffassung gelangt ist, das Spiel der spekulativen Finanzpolitik tolerieren und kultivieren zu wollen, wurde daher ein Weg beschritten, um Investoren für das tödliche Spiel zu rekrutieren. Der Börsengang der Telekom war ein erster Testlauf, bei dem der Bevölkerung mit einer riesigen Propagandakampagne eine sichere und gleichsam hohe Rendite versprochen wurde, in Wahrheit aber die Sanierung eines absolut maroden Konglomerats finanziert und gleichzeitig eine erste Welle der Volksenteignung ausprobiert wurden.
Seitdem gilt, dass die wohlfeilste aller zeitgenössischen Bürgschaften aus den Mitteln des privaten Volksvermögens bestritten werden kann. Die ideologische Verblendung, mit der dabei jongliert wird, ist zwar alles andere als fein und subtil, aber wenn es wirkt, wer sollte es ändern? Solange der Tenor vorherrscht, die Griechen seien Müßiggänger und faule Wichte, während das Thema nicht aus der Perspektive der hiesigen Spekulation betrachtet wird, solange werden weitere, fortgesetzte Täuschungsmanöver folgen.
Das gegenwärtige Europa ist keine Vision, sondern ein Albtraum. Ganze Völker werden für die Spekulation wohlstandsverwahrloster Karrieristen in Haftung genommen und eine immer terroristischer werdende Bürokratie tariert aus, wie hoch oder tief die Hemmschwelle der Geschädigten wohl liegt.
