Katastrophen und Krisen haben auch etwas Reinigendes. Sie können dazu beitragen, die bisherige Entwicklung zu reflektieren und sich bewusst zu machen, wo man steht und wohin die Reise gehen soll. Bei der Betrachtung der medialen und politischen Aufbereitung des 10. Jahrestages der Anschläge auf das New Yorker World Trade Center und weitere amerikanische Ziele ist davon jedoch nicht viel zu spüren. Ganz nach der alten Weisheit der Theorie der Avantgarde, dass nach der Verflüchtigung des Schocks sich mit allem ein Geschäft machen lässt, werden Geschichten darüber erzählt, wie wer wo was erlebt hat. Ja, ich war dabei, das ist oft die Botschaft, die mit dieser seichten Aussage dann auch zu Ende gekommen ist. Viel von dem, was im Jahr 2001 noch als guter Vorsatz formuliert worden war und sich auf eine Standortbestimmung bezog, ist längst im allgemeinen Datenmüll geschreddert.
Ein Bilanz dessen, was in jenem September geschah, ist nicht unbedingt eine diffizile Sache. Die von Osama Bin Laden gegründete Organisation Al Quaida hatte einen gut geplanten und organisierten Anschlag auf die Herzsymbole des amerikanischen Imperiums erfolgreich durchgeführt. Sie waren das Werk einer kriminellen Vereinigung, die sich in Technik und Logistik seit dem Krieg in Afghanistan gegen die UdSSR hervorragend präparieren konnte. Al Quaida war der Zusammenschluss von Warlords aus den herrschenden Klassen vorwiegend islamischer Länder, die über kein politisches Programm für die Weiterentwicklung ihrer Länder verfügten oder verfügen. Die so genannte islamische Welt hat nicht nur bis zum heutigen Tag von keiner einzigen Aktion Al Quaidas profitiert, sondern auch weit mehr Opfer zu beklagen als die westliche Welt.
Dennoch reichte die seichte Propaganda dieser Organisation aus, um die westlichen Gesellschaften in vielen Fällen zu spalten. Vor allem in der Bundesrepublik gab es eine Reihe von Verstehern, die den Anschlägen soziale Motive unterstellten und den USA die Quittung für ihre imperiale Politik bestätigten. Über letzteres kann man streiten, aber Al Quaida, dem politischen Esprit einer Sklavenhalterclique, dieses Recht zuzugestehen, gleicht einer historischen Generalamnesie.
Die Reaktion der USA und der restlichen westlichen Welt war nicht die reinigende, die hätte stattfinden können. George W. Bush schlug zurück wie ein wild gewordener Bär und schmiedete innerhalb der islamischen Welt eine Allianz mit genau den Kräften, die für das Unheil standen. Innerhalb der USA beeinträchtigten und beeinträchtigen die vielen Sicherheitsmaßnahmen das Zusammenleben sehr und sie tragen nicht zu einer Renaissance der tradierten Freiheit bei. Die meisten europäischen Länder haben ihr Verhältnis zu den islamischen Ländern nicht überdacht, auch sie kooperierten mit den alten, reaktionären Kräften aus diesem Teil der Welt, wie sich gerade in jüngster Zeit an den Beispielen Ägyptens, Tunesiens und Libyens gezeigt hat.
In der islamischen Welt hingegen ist bereits direkt nach den Anschlägen eine leidenschaftliche Diskussion geführt worden, die sich vehement gegen den Terrorismus Al Quaidas richtete und eine Perspektive zu einer aufklärerischen Entwicklung öffnete. Man könnte also resümieren, dass der Westen mit seiner Reaktion dokumentiert hat, dass seine spirituellen Erneuerungskräfte nicht im besten Zustand sind, während in der islamischen Welt den jungen Generationen der Blick nicht verstellt war. Sie scheinen erkannt zu haben, dass Terror und Militarisierung nicht das Mittel sind, welches sie weiter bringt. Das ist ein Grund zur Hoffnung, auch wenn sie nicht in der eigenen Lebenswelt beheimatet ist.
