Neue Atlanten! II.

Kompetenzfelder jenseits messbarer Rationalität

Der große Vorteil, an den wir alle glauben, entspringt der Gewissheit, dass nur wir es wären, die lang andauernde Mangelperioden überleben würden. Grundlage dieser Idee ist unsere tatsächlich vorhandene Kompetenz der Ressourcenökonomie und der Fähigkeit, sich unter strategischen Gesichtspunkten einzuschränken. Das basiert auf einer durchaus realen Selbsteinschätzung. Die Täuschung ergibt sich erst aus dem zweiten Aspekt: Wir nehmen an, dass es so etwas wie ein weltweites Belohnungssystem für diese Tugenden gibt. Das hieße, wer sich diszipliniert, seine Ressourcen einteilt und an die Zukunft denkt, der hat im globalen Lauf die Nase vorn, während die Mundräuber der Weltwirtschaft irgendwann aufgrund ihres unverantwortlichen und irrationalen Handelns scheitern müssten.

Wenn jedoch ein Trugschluss im Abendland existiert, dann ist es dieser. Seit dem frühen Imperialismus und der Etablierung von Kolonialreichen hat sich der Westen für die neuere Periode der Geschichte die Erde untertan gemacht und sie anhand seiner Maßstäbe gemessen und gewogen. Der Reichtum dieser Welt, auch wenn er in entfernten Regionen liegt, wird bewertet und weltweit wiederum in den Umwandlungsprozess der Produktion und des Handels eingebracht.

Die politische Herrschaft über natürlichen Reichtum oder Ressourcen wird nicht abgeleitet von der Qualität einer Regierungsführung oder dem Maß an politischer Legitimation. Zu oft hat uns die Geschichte gezeigt, dass gerade dort der natürliche Reichtum überwiegt, wo sich die Despoten auszuhalten pflegen. Das ist kein Zeichen göttlicher Fügung, sondern eher ein Indiz für den Zwang zur Rationalität aus der Kargheit und dem Mangel heraus und den Hang zu Libertinage und Irrationalität aus dem Überfluss.

Die moralisch tief empfundenen Ungleichheiten auf dieser Welt entspringen einem als ungerecht empfundenen System, das den schlecht Bedachten das Instrumentarium der Wissenschaften und des elaborierten Denkens zur Verfügung stellt, während die im Überfluss Stehenden sich jede Torheit leisten können, ohne vom Schicksal dafür bestraft zu werden.

Die emotionale Spaltung der Welt beruht auf diesem Prinzip und es wurde vor allem getrieben von den protestantischen Rationalisten des Westens, die den satten Süden und Osten dieses Planeten als Garten der Lüste und der Sünde diffamierten, weil dort nicht die protestantische Leistungsethik, sondern die Natur an sich für großen Wohlstand gesorgt hatte.

Die große Kompetenz derer, die von der Natur in diesem Sinne gesegnet waren, bestand nicht in einer produktiven Rationalität, sondern in einer distributiven Genialität. Die versierten Händler und Kaufleute, die nicht jede Unze registrierten, sondern die soziale Beziehung mit in den Handel einrechneten, bezogen diese Kompetenz aus dem natürlichen Überfluss und dem Wissen, einer notwendigen Zirkulation von Reichtum. So wurden Produktion und Handel zu zwei Domänen, die um die Weltherrschaft rangen.

Geographische Ursachen unterschiedlicher Kernkompetenzen

Jeder Kulturkreis unterliegt einer ausgeprägten Tendenz zum zentristischen Weltbild. Die Maßstäbe für das eigene Denken und Handeln sind zurächst auch diejenigen, mit denen der Rest der Welt, zumindest in einem ersten Stadium, betrachtet wird. Der jeweilige Blick auf die Restwelt ist jedoch sehr unterschiedlich, da die Schaffung der Lebensbedingungen und die vorgefundenen natürlichen Rahmenbedingungen verschieden sind. Wüstenvölker haben eine andere Vorstellung von dem Weg zur Prosperität als die der Tropen, und in den gemäßigten Zonen ist die Perzeption der Weltbildung wiederum eine andere.

Der Ressourcenökonomie und Rationalität des Westens steht ein Konzept gegenüber, dass sich nicht auf die Produktion von Wert, sondern auf dessen bestmögliche Distribution konzentriert. Vom levantischen Händler zum arabischen Investor, vom singapurischen Broker bis zum javanischen Goldhändler ist in der östlichen Hemisphäre eine Kernkompetenz zu verorten, die aus Ressourcenreichtum oder der Kenntnis und/oder dem Besitz der Handelswege, sprich der Infrastruktur resultiert. Mit dem Aufenthalt auf den verschiedene Kulturen und Produktionszonen durchschreitenden Handelswegen entstand eine tiefe Kompetenz der interkulturellen Interaktion. Reichte es im Westen, die durchaus ergiebigen Märkte mit einer perfekten Produktion und einem transparenten Zahlenwerk zu befriedigen, so hatte ein Großteil der östlichen Hemisphäre die Märkte mit der Verheißung zu bezaubern.

Es entwickelte sich eine Klasse von Händlern, die in der Lage sind und waren, aus den Essgewohnheiten ihres jeweiligen Gegenübers die Religion, aus den Geschichten, die sie erzählen, ihr Wertesystem und aus dem Umgang mit Fremden ihre Vorstellung geglückter sozialer Beziehungen zu entschlüsseln. Was dem westlichen Händler, den es natürlich auch gibt, völlig fremd zu sein scheint, ist denen des Ostens in Fleisch und Blut übergegangen: Sie rechnen nicht im Detail, sondern sie setzen auf den Ausbau der sozialen Beziehung, ihr Handel schließt ein vereinbartes Verhalten auf anderen Feldern wie dem der Politik ein, und ein geglücktes Geschäft entsteht nur aus einem gemeinsam als angenehm empfundenen Prozess.

Aus diesem Unterschied heraus lassen sich sehr viele gescheiterte Dialoge zwischen Ost und West entschlüsseln, das jüngste Debakel der USA unter der Bush Administration im Irak und dem gesamten Nahen Osten dokumentieren das gänzliche Unverständnis gegenüber einem Kulturkreis, in dem ein Handel von anderen Fakten dominiert wird als von geldmessbaren Größen.

Die Fokussierung von Kompetenzen auf geographische Komplexe, die ihrerseits unterschiedliche Bedingungen von Produktion und Ressourcenverfügbarkeit aufweisen, kann nicht bei dem Unterschied von Mitteleuropa und Zentraleuropa aufhören, auch wenn es aus unserer Sicht zu einem der spannendsten Komplexe der Neuzeit gehört, denn bei genauerem Hinsehen wird deutlich, in welchen Hirnen dilettantischer Kaufleute des Westens des Antisemitismus des XX. Jahrhunderts entstehen konnte.

Grundlagen interkultureller Kommunikation

Produktionsbedingungen und Ressourcenverfügbarkeit scheinen eine wichtige Konstituante für das Rollenverständnis der Akteure eines Wirtschafts- und Kulturkreises zu sein. So, wie die cartesianische Begriffswelt des Westens die Messbarkeit der Dinge in ihrer technischen Präzision zu einer Kollektivsymbolik entwickelt hat und damit die Verhaltensmuster beschreibt, so tun dieses auch andere Regionen gemäß ihrer materiellen Lebensvoraussitzungen und –weisen. Die Welt des Handels aus den östlichen Kulturen definiert sich über die soziale Beziehung und den Prozess. Wenn diese beiden, der Einfachheit hier genannten Komplexe aus Ost und West miteinander kommunizieren wollen, sind viele Faktoren zu beachten, die Bedingung einer gelungenen interkulturellen Kommunikation sind.

Das Maß an Missverständlichkeit wird bestimmt durch die eigene Ignoranz für die Andersartigkeit der anderen Seite. Messen, Zählen, Bewerten, das geschriebene Wort, der definierte Zeitrahmen und der quantifizierte Aufwand sind in der Regel die westlichen Grundlagen für Verhandlungen, die zu Vereinbarungen führen sollen. Atmosphäre, Gruppendynamik, persönliches Wohlbefinden, Respekt, Nonchalance, Gastfreundschaft und Zeit hingegen gehören zu den wesentlichen Vorstellungen der östlich-merkantilen Welt.

Nun sollte man nicht meinen, angesichts reichlich konträrer emotional-semantischer Voraussetzungen sei ein gelungener Dialog mit einem gemeinsamen Ergebnis nicht möglich. Dies trifft jedoch nur solange zu, wie beide Seiten nicht bereit sind,aus ihrem psychosozialen Kokon zu schlüpfen. Das Verständnis des Gegenübers resultiert aus einem Dialog über die jeweilige Vorstellungswelt. Es ist die Investition, die von beiden Seiten verlangt werden muss, um einen dauerhaften Diskurs zu ermöglichen.

Der Westen muss wissen, dass der zentrale Terminus der östlich-merkantilen Denkweise der Respekt ist, der wiederum mit verschiedenen Attributen wie Familie, Kollektiv, Tradition, Würde, Fürsorglichkeit und Wohlbefinden konnotiert wird. Genauso ist der Osten falsch beraten, die reflektierte, auf Aufklärung, Individualität, Freiheit, Transparenz und Zeitlichkeit von Macht basierende Denkweise des Westens nicht als ein zu respektierendes Faktum zu begreifen.

Die Geschichte missglückter Dialoge im Nahen Osten ist die Geschichte beiderseitigen mangelnden Respekts, der sich manifestiert in der nicht zur Kenntnis genommenen Andersartigkeit der Gegenseite. Die Aufhellung der Welt ist dem östlichen Fundamentalismus genauso suspekt wie dem westlichen Fundamentalismus die Marktresistenz durch Tradition.

Interkulturelle Kommunikation, die gelingen will, leitet sich aus einem Verständnis für die jeweils andere Seite eines grundsätzlich unterschiedlichen Denkens und Wirtschaftens ab. Verständnis ist beidseitig und resultiert aus einer Investition in das Wissen um die andere Seite. Die Frage touchiert auch den Komplex der Integration, ist jedoch im Weltmaßstab noch virulenter, weil es jenseits des cartesianischen Westens und merkantilen Ostens noch andere Entitäten existieren, die in Betracht zu ziehen sind.