Hic transit gloria mundi

Da zitiert der Herausgeber der großen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, des Organs des Bürgertums schlechthin, einen melancholischen Briten, der angesichts der Krawalle und Plünderungen in den Inselmetropolen in eine kritische Reflexion über die herrschende Klasse in England verfallen ist. Und er knüpft den Faden weiter, betrachtet die Lage in Europa allgemein und fragt sich, ob die Linke nicht doch Recht gehabt habe, was ihre Kapitalismuskritik betrifft. Selbstsucht, asoziales Verhalten, Ellenbogenmentalität, Missachtung des Gemeinwesens, Egozentrik, Hedonismus und was alles noch wird den Akteuren bescheinigt. Wohlgemerkt, bezogen auf die herrschenden Eliten, und aus dem Munde von einem Konservativen. Eine schlimmere Kritik an den herrschenden Zuständen kann es nicht geben, das Sinnieren über den eigenen Untergang ist der Superlativ des Inneren Verfalls.

Nicht, dass an den beschriebenen Erscheinungen sehr viel korrigiert werden müsste. Seit langem ist deutlich, wie sehr sich die Eliten von dem entfernt haben, was die Lebensrealität des Volkes genannt werden kann. Wie unter einer Gasglocke leben sie in ihren Biotopen, frönen ihrem Hedonismus und faseln immer undeutlicheren Wirrwarr in die medialen Schüsseln. Den um Wertschöpfung Kämpfenden wie den endgültig Ausgegrenzten ist das alles längst nicht mehr erträglich. Sie blenden den Circus, der eigentlich das Volk erheitern soll, angeekelt aus oder, und das ist die eigentlich schlimme Entwicklung, sie erleben ihn als Lehrstück für das eigene Leben.

Das Stück, welches die Eliten im Alten Europa seit Jahren aufführen, ist dank der medialen Propagandamaschinerie, die die Effizienz und Intensität derselben in manch vorgelebter Diktatur bei weitem übersteigt, das eigentliche Problem. Die ungezügelte Gier, das Asoziale und Statusgeile, diese Chiffren unzivilisierten Verhaltens sind mutiert zu regelrechten pädagogischen Programmen, die bis zum Erbrechen über die magischen Kanäle laufen und den armen Geistern auf den Müllhalden der Gesellschaft suggerieren, mit dem Kopieren dieser Dekadenz kämen sie nach Oben.

Und die von den prominenten Konservativen zitierte Linke, die allem Anschein nach mit ihrer Kapitalismuskritik doch im Recht gewesen sei, diese Linke hat nur einen Fehler: sie reproduziert das kritisierte System in den eigenen Reihen. Keine der Parteien, die mit einer generellen Gesellschaftskritik angetreten ist, weist heute Protagonisten auf, die nicht in das gleiche Schema passten wie das beklagte. Platt, selbstbezogen, demagogisch, ungebildet, dafür aber gierig und statusorientiert kritisieren sie ihre eigentlichen Vorbilder. Nie, nie vorher traf das Argument der Herrschenden mehr als in Moment: die Kritiker sind getrieben von Neid und Missgunst, und nicht von einer tieferen Einsicht oder einer qualitativ anderen Vision.

Die regelrecht elegische Stimmung im Lager der Konservativen ist insofern sympathisch, als dass sie ein tatsächlich empfundenes Entsetzen über eine Entwicklung dokumentiert, das bei den Zynikern der Opposition, die schon immer alles gewusst, aber nichts besser gemacht haben, noch nicht angekommen ist. Das Desaster des Konservatismus ist bereits eingetroffen. Das der Linken steht noch bevor.