Unter Hermeneutik versteht man in erster Linie das Auslegen und Deuten von Texten zur Erfassung ihres tieferen Sinnes. Im übertragenen Sinn kann man diese hochentwickelte und auf tiefem Sprachverständnis basierende Disziplin auf andere Texturen anwenden. Der Begriff des Textes selbst lässt sich sprachgeschichtlich auf ein Gewebe zurückführen. Das Weben und Verweben von Botschaften in sprachlichem Sinn findet in allen Gesellschaften in den unterschiedlichsten Bereichen statt, vor allem aber in der Politik. Ob es nun bewusst ist oder nicht, ist der Versuch, politische Texturen zu entschlüsseln, ein Akt der Hermeneutik.
Sieht man sich die gegenwärtigen Erklärungsversuche der Brandschatzungen und Plünderungen in England an, die von der dortigen Politik und den dortigen Medien kommen, dann wird man überwältigt von kaltem Grausen. Derartig flach und hohl einen Massenausbruch zu verharmlosen, das ist bereits ein Indiz für Ansätze der eigenen Verwahrlosung, die ihrerseits vielmehr als Erklärung für das Desaster geeignet wäre. Fast exklusiv bescheinigen die englische Politik wie die englischen Medien den Triebkräften der Unruhen exklusiv kriminelle Motive. Eine sozialpsychologische Deutung der politischen Textur findet nicht statt. Stellvertretend für die existenzielle Krise der Insel steht Premier Cameron, der zu glauben scheint, Polizeipräsenz allein löse das Problem.
Eine selbstkritische Reflexion über die Entwicklung Großbritanniens findet in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht statt. Und da gäbe es einiges, worüber man sinnieren könnte. Nämlich dass der vermeintliche Sieg im II. Weltkrieg das anachronistische Klassenmodell konserviert hat. Letzteres besaß keine Reformfähigkeit, gebar rigide Trade Unions und starre Manchesterkapitalisten, die sich solange gegenüberstanden, bis seit der Ära Thatcher in den achtziger Jahren der Neoliberalismus und die Couponschneiderei eine Epoche einläuteten, die die Schere zwischen Arm und Reich immer größer werden ließ, die Armen über die Grenze des Randes hinaustrieb und den reichen Eliten in einen dekadenten Hedonismus zugestand, der sie für alle Zeiten unglaubwürdig und handlungsunfähig gemacht hat. Setzt man das Puzzle zusammen, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass die Situation in England noch viel aussichtsloser ist, als es gegenwärtig erscheint. Da steht ein Land am Abgrund.
Anhand der gepflegten politischen Hermeneutik kann man sehen, wie es um die Gesellschaft bestellt ist, aus der sie kommt. Es ist quasi die Erklärung eines Zustandes der Gesellschaft anhand der Erklärungsqualität, die sie selbst hervorbringt. Sehen wir uns also die Erklärungsmuster hier in Deutschland an, die angesichts der englischen Ereignisse hervorgebracht werden, dann können wir feststellen, dass sie immer noch weit kritischer und reflexiver sind als die dortigen, aber auf gutem Wege, Anlass und Ursache nicht mehr auseinanderhalten zu können. Es mehren sich doch tatsächlich die so genannten Analysen, die die sozialen, psychologischen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründe des Ausbruchs ausblenden und alles auf das kriminelle Delikt reduzieren. Neben dem Entsetzen über die Dekadenz der englischen Elite sollte uns auch zunehmend die Sorge umtreiben, ob wir nicht bereits dabei sind, uns gegen gesellschaftliche Wahrheiten zu imprägnieren.
