Heißsporne in Tottenham?

Es begann in Tottenham, da wo die Hotspurs zuhause sind. Tottenham als Initial für Krawalle ist nichts Ungewohntes. Schon in den achtziger Jahre brachen hier bei einem Aufstand die Ordnungsmechanismen zusammen. Heute reagiert ein Großteil der schwarzen Bevölkerung auf den Tod eines jungen Mannes, der bei einer Verkehrskontrolle von der Polizei erschossen wurde. Es war der Anlass, nicht die Ursache. Was in Tottenham begann, weitete sich schnell auf andere Stadtteile Londons aus, und nicht nur solche, wo das Prekariat zuhause ist. Besonders beachtenswert sind Plünderungen und Brandschatzungen in Camden, einstmals proletarisch, heute ein Domizil der Creative Class. Es könnte sein, dass neben dem Flächenbrand, der sich auch in klassische Hochburgen der Unterschicht wie Birmingham und Liverpool ausgedehnt hat, Botschaften an die Politik der Gentrifizierung folgen werden.

Großbritannien und seine Kernlandschaft England waren der große europäische Laborversuch des unzensierten und unbeschnittenen Liberalismus, auch wenn lange Zeit die Regierung eines Tony Blair den Ton angab, nach der Revolte der konservativen Iron Lady Maggie Thatcher regierte der Liberalismus, egal unter welcher traditionellen Parteicouleur. Nirgendwo in Europa wurden so gnadenlos die Institutionen der sozialen Sicherung beschnitten, nirgendwo derartig brutal die Gewerkschaftsbewegung zerschlagen, nirgendwo die soziale Ausgrenzung so konsequent vollzogen, nirgendwo das öffentliche Bildungssystem derartig vernachlässigt und nirgendwo dafür die Ordnungsorgane stattdessen aufgerüstet.

Und nirgendwo wurden die so genannten Yuppies derartig gepeppelt wie in England. Nirgendwo wurde bezahlbarer Wohnraum so rigoros umgewandelt wie in London. Alles, was irgendwo etwas industriellen Flair hatte, wurde zu exklusiven Lofts umgewandelt, die nur noch von Millionären bezahlt werden können. London wurde zum Mekka der europäischen Börsenspekulanten, hier entstand das Epizentrum für die spekulativsten aller Börsengeschäfte, hier trafen sich die windigsten Unterhändler des Finanzkapitals und die fettesten Vertreter der russischen Öloligarchie.

„Der Krieg der Armen gegen die Reichen.. wird im ganzen und direkt in England geführt werden. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen sondern sich schroffer und schroffer, …, die Erbitterung steigt, die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeutenderen Gefechten und Demonstrationen, und ein kleiner Anstoß wird bald hinreichen, um die Lawine in Bewegung zu setzen. Dann wird allerdings der Schlachtruf durch das Land schallen: „Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“ – dann wird es aber zu spät sein, als dass sich die Reichen noch in acht nehmen könnten.“

Man sollte nicht den Fehler begehen, den gegenwärtigen Flächenbrand als eine politische Qualität aufzuwerten. Es ist eher ein Ausdruck für die Auswirkungen einer Politik, die vieles weit in die Vergangenheit katapultiert hat und dokumentiert, wie rückwärtsgewandt der ungetrübte Liberalismus doch wirkt. Die zitierte Beschreibung stammt aus dem Jahre 1845 und ist entnommen aus Friedrich Engels Schrift „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“! Es wird interessant sein, wie der Liberale und Liberalist Cameron, der schockiert seinen Urlaub in der Toskana abbrach, um ins brennende London zurückzukehren, der Entwicklung begegnen wird. Erste Anzeichen sprechen für Krieg, nicht Einsicht. Und in deutschland sei die Prognose erlaubt, das die Sozial- und Integrationsindustrie vor einer Entwicklung al la Tottenham warnen wird, um ihre Budgets zu erhöhen. Same old story?