Archiv für den Monat Juli 2011

Dialektische Wendungen

Die Geschichte ist voll davon und sie sind Ursache für die Unerklärlichkeit der Welt. Vieles, was die historischen Subjekte zu erreichen suchen, wird von ihnen in das Gegenteil verkehrt und jeweils andere Akteure, die genau das Gegenteil wollten, setzen die Ziele in der Realität um, die sie eigentlich bekämpfen wollten. Oder die grandiosen Irrtümer öffneten Türen zu völlig neuen Kontinenten. Der Genuese Christoph Columbus glaubte allen Ernstes, Indien erreicht zu haben, als er seinen Fuß auf die erste, dem amerikanischen Kontinent vor gelagerte Insel der Karibik setzte. Und der Portugiese Magellan hatte den Rio de la Plata für eine Meerenge gehalten und die nach ihm benannte Straße, die die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik herstellt, ursprünglich für einen Fluss. Wie die Irrtümer zu großen, revolutionären Erkenntnissen führten, so verblüffend sind die dialektischen Wendungen.

So kann man aus heutiger Sicht durchaus die These vertreten, dass Politiker wie Schmidt und Kohl mit ihrem Bekenntnis zum NATO-Doppelbeschluss in den achtziger Jahren dazu beigetragen haben, die strategische Überdehnung der Sowjetunion mit auf die Spitze getrieben und somit ihre Implosion mit bewirkt zu haben. Vorher hatte Willy Brandts Neue Ostpolitik, die von einem tiefen Pazifismus geprägt war, von ihrer Wirkung her eher das Gegenteil zur Folge.

In den USA der neunziger Jahre war es ein Präsident Clinton, der der amerikanischen Gesellschaft eine demokratischere Perspektive bieten wollte. Vor allem sein von einem humanistisch geprägten Bild der Integration geprägtes Agieren führte jedoch dazu, dass sich die Anti-Diskriminierung formalisierte und dogmatisierte und von der Bevölkerung letztendlich als Gängelung und Bevormundung empfunden wurde. Die Reaktion auf diese Politik waren acht Jahre George W. Bush, Synonym für Krieg, staatlichen Interventionismus und eine ideologische Polarisierung.

Nach sechzehn Jahren Kanzlerschaft von Helmut Kohl, die stand für Reformunwilligkeit und militärische Bündnistreue, übernahmen 1998 Sozialdemokraten und Grüne die Regierungsverantwortung. Letztere galten bis dahin als die Verkörperung der Friedensbewegung in Reinkultur. Ausgerechnet der erste grüne Außenminister Fischer war es, der, gestützt auf eine Kampagne durchtriebener Kriegspropaganda, die ersten deutschen Soldaten nach 1945 in aktive, nicht auf die Verteidigung bezogene Kampfhandlungen zu trieb. Und nun, im Jahre 2011, beschließen ausgerechnet Christdemokraten das radikalste Ausstiegsszenario aus der Kernenergie der Geschichte.

So stehen anhand der wenigen genannten Beispiele Demokraten und Pazifisten für Gängelung und Krieg und auf der anderen Seite Hardliner und Ordnungspolitiker für Liberalisierung und Vernunft. Es ist der zynische Aspekt von Geschichte, mehr wohl nicht, denn das Eine ist nie ohne das Andere denkbar, die Erkenntnis nicht ohne den Irrtum, der Dirigismus nicht ohne die Liberalität und die Irrationalität nicht ohne die Vernunft. Und es darf nicht davon abhalten, das Richtige tun zu wollen.

Gefährliche Liebschaften

Irgendwie passt es alles nicht mehr zusammen. Da haben wir nun einen Außenminister, der die Welt bereist und immer wieder mal die Karte der moralischen Entrüstung zückt. Mal ist es die diskriminatorische Politik der Chinesen, mal das rüde Vorgehen gegen Demonstranten, wie jüngst in Syrien, oder das despotische Gehabe des letzten aufrechten Libyers wie im Falle Gaddafis. Der Außenminister macht vor allem uns Bürgerinnen und Bürgern im eigenen Land klar, dass er keine Konfrontation scheut, um das Banner der Demokratie und der Menschenrechte hochzuhalten.

Was nicht passt zu dieser Inszenierung sind Schlagzeilen, dass die Bundesregierung derzeit prüft, ob sie nicht zweihundert Leoparden nach Saudi Arabien und ein paar Dutzend Füchse nach Algerien verkaufen soll. Gemeint sind nicht zumindest reizend aussehende Raubkätzchen oder Blut trinkende Gesellen aus heimischen Wäldern, sondern hochtechnologische Kampfpanzer und Panzertransporter. Im Falle Saudi Arabiens handelt es sich um ein Land, das dazu geeignet ist, jeden strategischen Partner von vorneherein zu diskreditieren.

Das Vereinigte Königreich Saudi Arabien ist die letzte intakte Sklavenhaltergesellschaft dieses Planeten. Sie unterscheidet sich allerdings von früheren, antiken Gesellschaftsordnungen dieser Art durch ihr martialisches Gehabe und die absolute Rechtlosigkeit der Unterjochten. Zudem ist es ein Schlupfwinkel des internationalen Terrorismus. Lediglich der Besitz von Öl und die aus den Revenuen für diesen Rohstoff entstandenen Kapitalbeteiligungen in den industriellen Hochzentren bewahren diesen Schandfleck der Zivilisation vor Sanktionen. Doch wer mit dem Anspruch der politischen Hygiene in den Ring geht, der darf sich nicht wundern, wenn er sehr schnell am Boden liegt.

Letztendlich haben wir es mit einem sehr alten Paradigma der Außenpolitik zu tun. Folgt ein Land den ethischen Grundsätzen des eigenen Selbstverständnisses, dann sind Bündnisse und Waffenverkäufe an ein Land wie Saudi Arabien unmöglich. Oder man nennt sich Realpolitiker und paktiert mal mit integren Partnern, mal mit Verbrecherallianzen, ganz nach dem taktischen oder auch strategischen Bedarf. Die Entscheidung muss ein Land selbst treffen.

Was nicht geht, aber zunehmend versucht wird, ist die Mobilisierung der Binnenmeinung nach Gelegenheit. Doch wer diesem Muster folgt, der macht sich nicht nur im eigenen Land unglaubwürdig, sondern auch in der Welt der potenziellen Partner. Wer sich gegen militärische Einsätze sonst wo ausspricht und in andere, sehr heiße Regionen Panzer verkauft, der darf sich nicht wundern, wenn er zur Zielscheibe des Zorns der Geschädigten wird. Für einen Außenminister, der mehrmals wöchentlich die Rolle zwischen Kriegstreiber und Friedensengel wechselt, reicht es nicht einmal mehr zum Demagogen. Für eine Opposition, die sich jetzt lauthals zu Wort meldet, um die Waffenverkäufe zu kritisieren, nach deren Gesetzesänderung in den Waffenexportbestimmungen sich jedoch der Verkauf in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt hat, reicht es nicht zu einer grundlegenden Erneuerung. Und ein Volk, das den argumentativen Unsinn situativer Moralität hinnimmt, verliert die eigene Glaubwürdigkeit.

Und endlich sinkst du auf den Grund der Weltgeschichte

Zum 50. Todestag von Ernest Hemingway

In den frühen Morgenstunden des 2. Juli 1961 legte sich der Kriegsreporter, Großwildjäger, Hochseefischer, Boxer, Bonvivant und Nobelpreisträger Ernest Hemingway im amerikanischen Ketchum, Idaho eine Kugel in seine Jagdflinte und bereitete seinem bewegten Leben ein jähes Ende. Aus heutiger Sicht litt Hemingway an einer bipolaren Störung, die verschlimmert wurde durch exzessiven Alkoholkonsum. Kaum ein Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wurde mehr gefeiert und kaum ein Mann dieser Branche wurde nach seinem Tod mit einer derartigen Rigorosität abgelehnt und in zahlreichen Arbeiten regelrecht post mortem hingerichtet.

Schon im ersten Weltkrieg war Hemingway als Kriegsberichterstatter unterwegs und professionalisierte sich in den frühen zwanziger Jahren durch journalistische Tätigkeit für renommierte Tageszeitungen wie den Kansas City Star und den Toronto Star. Zudem wurde er Polizeireporter in Chicago. Der kurze, sachlich gehaltene und auf den Zeitungsreport fokussierte Stil sollte prägend werden bei der Mutation zum Schriftsteller. Mit seinem Umzug nach Paris im Jahr 1921 begann sein literarisches Schaffen. Im Kreise von Gertrude Stein, F. Scott Fitzgerald und Ezra Pound inhalierte Ernest Hemingway das Lebensgefühl der so genannten Lost Generation, der Amerikaner, die nach dm Krieg in Europa Fuß fassten und die es nicht mehr nach Hause zog.

Die Erfolgsromane Hemingways sind allesamt Menetekel praller Lebensfreude und tiefer Vereinsamung, existenzieller Kämpfe und vor allem die Darstellung des Mannes in seiner archetypischen Formation: Als Jäger, als Krieger, als Kämpfer. Hemingway faszinierte das Boxen genauso wie der Stierkampf, er ging selbst auf Löwen- und Elefantenjagd und freiwillig in den Spanischen Bürgerkrieg, wo er vehement für die Republik Partei ergriff. Ihm gelangen großartige Bücher wie Wem die Stunde schlägt und Der alte Mann und das Meer, lesenswerte wie Fiesta, Schnee auf dem Kilimandscharo und das jetzt neu aufgelegte Paris. Ein Fest fürs Leben, ein exzellenter Essay über die psychologischen Dispositionen des Stierkampfes namens Tod am Nachmittag, sowie furchtbar schlechte Romane wie Inseln im Strom und Gefährlicher Sommer.

Ein Mann, der sich gerne mit Jagdtrophäen fotografieren ließ, der in Stierkampfarenen zuhause war, an Boxringen saß, in den Bars der Weltmetropolen als exklusiver Gast galt und insgesamt fünfmal verheiratet war konnte auch nach seinem physischen Tod die Frauenbewegung nicht überleben. Hemingway, der einer ganzen Generation als Kult galt, wurde in zahlreichen nachbetrachtenden Arbeiten regelrecht zerlegt, wobei die Qualität dieser Werke schlimmer ist als die schlechtesten Schriften des Beklagten, denn sie sind vom Tenor der Kritik so, als würfe man Julius Cäsar heute vor, er habe seinen Müll nicht getrennt. Hemingway war einer der letzten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der sich den Universalthemen von Liebe und Tod fast mit seinem gesamten Werk gestellt hat. Das aus einer Perspektive, die, ist man in der Lage, sie zu historisieren, heute kein Verbrechen ist. Das eine oder andere von ihm zu lesen, könnte unverstellten Geistern durchaus zum Vorteil gereichen.