Archiv für den Monat Juli 2011

Die Notwendigkeit von Fehlern

Die allgemein verbreitete Unsitte, jede Unart und jede Marotte sogleich als Kultur zu bezeichnen, wird meistens noch von einer logischen Folgeerscheinung begleitet. Dabei geht es um die Frage, ob man in der eigenen Lebenssphäre bereit ist, Fehler zuzulassen. So hieße es im Euphemismus der absurden Inszenierung, dass wir wahrscheinlich in einer Fehlervermeidungskultur leben. Kluge Leute werden sich sogleich Gedanken darüber machen, woher das kommt. Und die ganz Schnellen von diesen wiederum werden darauf stoßen, dass die kollektive Paranoia vor der Haftung dazu führt, dass man alles zu vermeiden hat, was Haftung nach sich ziehen könnte. Unsere Fehlervermeidungskultur beinhaltet also die prinzipielle Meidung jedweden Risikos.

Ohne eine Prognose für Gesellschaften, die sich in einem derartigen Gemütszustand befinden, anstellen zu wollen, soviel ist gewiss, sie schlingern am Abgrund der Existenz. Denn, so liegt es auf dem grell erleuchteten Seziertisch der Erkenntnis, wer sich sträubt, Fehler begehen zu können, der friert seinen eigenen Intellekt ein und erlaubt sich keine Spekulation, auf die er setzen könnte. Fehler machen zu können ist eine Bedingung, die psychisch noch vor dem Lernprozess selbst steht. Wer nicht den Mut besitzt, Fehler machen zu können, der wird erst gar nicht in die Verlegenheit kommen, kognitive Lernprozesse zu erleben. Letztere nämlich beginnen erst mit der Begehung des Fehlers. Denn nur wer letztendlich einen Fehler macht, erhält den entstandenen Leidensdruck, für das nächste Mal etwas anderes machen zu müssen, um nicht den gleichen Schaden noch einmal zu verursachen.

Organisationen, die diese Erkenntnisse ausblenden, sind paradoxerweise diejenigen, die sich gerne als lernende Organisationen bezeichnen. Absurder könnte es nicht sein, denn es lernt bekanntlich nur der, der Fehler begeht und es sind die Führungspersönlichkeiten, die ihre Hilfe an jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anbieten mit dem Verweis auf die Summe der eigenen Fehler, die das größte Vertrauen genießen. Letztere Reaktion auf Erfahrung und Lernfähigkeit steht aber bereits längst nicht mehr in den offiziellen Journalen, sondern ist zumeist ein von bestimmten Netzwerken innerhalb der Organisation gepflegtes Geheimwissen. Offiziell sind es andere Faktoren, die das Vertrauensranking bestimmen, nur führt das selten zu praktischer Relevanz.

Will man die wahre Kultur, d.h. die gelebten Routinen, die funktionierenden Kontakte und die tatsächlich gültigen Werte einer Organisation identifizieren, so ist man mit dem Lackmustest der Fehlertoleranz in der Regel sehr gut bedient. Denn die Erlaubnis, sich zu irren und bei der dilettierenden Übung nicht perfekt zu sein ist nicht nur Ansporn zur stetigen Verbesserung, sondern auch das Todesurteil gegenüber dem Klientel der Claqueure, das seinerseits jegliches Risiko scheut, nichts bewegt und sich im Irrtum der Aktiven zu sonnen sucht. Sie tragen letztendlich den Sarg, in dem das vermiedene Risiko ebenso wie die Zukunft der Organisation zu Grabe getragen wird.

Politik ist die Herrschaft der Verwaltung im Alltag

Der Kontakt der Bürgerinnen und Bürger mit dem Staat entsteht über das Handeln der Verwaltung. Egal, ob es sich um Steuerangelegenheiten handelt, der Erwerb eines Ausweises ansteht, eine Genehmigung eingeholt werden muss oder eine Lizenz angestrebt wird: je nach Zuständigkeit und gesetzlicher Bestimmung müssen die Bürgerinnen und Bürger zu einer Bundes-, Landes- oder Kommunalbehörde. Das, was sie dort erfahren, ist die sinnliche Wahrnehmung von Politik, was Max Weber zu treffenden Formulierung veranlasste: Politik ist die Herrschaft der Verwaltung im Alltag.

Denn das politische Mandat, welches die Wählerschaft den Gewählten mitgibt, ist die Autorisierung, über Gesetze und deren Vollzug das gesellschaftliche Leben zu gestalten. Verwaltungshandeln selbst hingegen ist bis zu einem gewissen Grad apolitisch, allerdings nur in der Hinsicht, dass sie per se unbestechlich zu Werke gehen muss. Die Auslegung und Interpretation von Gesetzen und gesetzlichen Bestimmungen, die Art und Weise, wie Dienstleistungen ausgeführt werden und die Wahl der thematischen Schwerpunkte sind jedoch Ausdrucksweisen eines politischen Willens, der hinter dem Verwaltungshandeln steckt.

In Deutschlang existiert eine Tradition, die gerne den Irrglauben suggeriert, Verwaltung sei etwas Unpolitisches. Die Denkweise entstand wahrscheinlich in der Verwaltung selbst, um die Entscheidungen, die dort getroffen werden, nicht legitimieren zu müssen. Zwar wird bei der Argumentation immer auf das Recht und die Fachlichkeit verwiesen, es wird jedoch ausgeklammert, dass es zumeist zumindest keine neutrale Fachlichkeit gibt. Sei es im Bereich der Bildung, des Sozialen, der Verteidigung, der Finanzen, des Personals – überall entscheidet die politische Programmatik, wie das Verwaltungshandeln schließlich agiert.

Bin ich für Ganztagsschulen oder insistiere ich auf dem dreigliedrigen Schulsystem, bin ich für eine Alimentierung von Arbeitslosigkeit oder investiere ich in Qualifikation und neue Arbeit, konzentriere ich mich auf die Landesverteidigung oder rüste ich mich für militärische Interventionen, für welche thematischen Schwerpunkte gebe ich wie viel Geld aus, finanziere ich die Entstaatlichung oder investiere ich in Infrastruktur und Bildung und wo will ich als Staat, Land oder Kommune mit welchem Personal präsent sein? Das alles sind hoch politische Fragen, die die Bürgerschaft bewegen und von der Politik beantwortet werden müssen.

Kein Wunder, dass die Bürgerinnen und Bürger sogar das Handeln der Verwaltung im Alltag als konkretes Maß für die Bewertung von politischer Herrschaft nehmen. Das Verwaltungshandeln ist die Tat, an der man die Worte der Politik misst. Eigenartigerweise haben Politiker des Öfteren diese Wirkung nicht auf dem Radar, wahrscheinlich, weil sie auch der Mystifikation unterliegen, die Verwaltung sei politisch neutral. Dabei agiert in und mit ihr eine unsichtbare Macht, die allerhöchst politisch ist.

Gott liebt den Soul

Aaron Neville. I Know I´ve Been Changed

Nirgendwo offenbart sich der natürliche Reichtum so wie in den Tropen. Und nirgendwo lauern die tödlichen Gefahren so wie dort. Die menschliche Vorstellung vom Reiche Gottes korrespondiert am Stärksten mit den Lebensbedingungen im Dschungel. Die Nähe von Paradies zu Untergang wird dort täglich unmittelbar erfahrbar. Die einzige Steigerung zu diesem Biotop, die noch möglich ist, bieten die Metropolen in den Tropen und von diesen wiederum ist es wegen der Diversität New Orleans, das zu einem Inbegriff biblischer Ambivalenz in der Neuzeit avancierte. Dort gab es die Sklaverei und das Zusammenfließen von Einflüssen aller Kontinente und dort gesellte sich zur physischen Sensualität die Unzüchtigkeit einer Musik, die einzigartig ist.

Aaron Neville, ein Kind dieses New Orleans, dessen Name das Zusammenwuchernde der Weltkulturen offenbart, hat mit der Muttermilch den Soul in sich aufgenommen und ist ihn in über 50 Jahren Bühnenpräsenz auch nicht mehr los geworden. Kein Wunder, dass er sich anlässlich dieses Jubiläums zu Aufnahmen entschieden hat, die als Urkanon des Soul per se genommen werden können. Zusammen mit dem Pianisten Allen Toussaints, einer weiteren Legende des Big Easy, entstand das Album I Know I´ve Been Changed, das sich jeder anhören sollte, der die hohe Luftfeuchtigkeit und den Soul liebt.

Egal, welche der zwölf Nummern gespielt wird, sie alle sind tropische Evergreens, intoniert von der süßen und etwas öligen Stimme Nevilles und untermalt von schrägen Bordellakkorden, die das Gewohnte, teilweise Fromme und Innige in eine Leichtigkeit transponieren, die die Vergänglichkeit alles Irdischen intensiv spürbar macht.

Stand By Me ist Hilferuf, Mahnung und Hoffnung in Einem, I Know I´ve Been Changed mutet an wie ein Logbuch des Werdens und Vergehens, Oh Freedom weiß um die Ambivalenz aller Freiheit, die nicht nur die Entfaltung, sondern auch den Untergang in sich birgt und There´s A God Somewhere inszeniert sich wie Bekenntnis und Nonchalance.

Das Kuriose und gleichzeitig Faszinierende an den Aufnahmen von Neville und Toussaints ist die chronische Ambivalenz der Wirkung. Was zunächst als ein Gospel daherkommt und als eine zweifelsfreie Frömmigkeit erscheint, wird immer wieder gebrochen von der Sensualität des Irdischen, von den Gelüsten und Wünschen des fehlbaren Menschen, der sich nichts mehr wünscht, als mit seinen Trieben göttlich zu sein. I Know I´ve Been Changed hat den Charme der augenzwinkenden Selbsterkenntnis. Zu uns sprechen Menschen, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, deren Leidenschaft darunter jedoch nicht leidet.