Archiv für den Monat Juli 2011

Le pain est le droit du peuple!

In der Julirevolution des Jahres 1830 formulierte den Satz der Politiker Saint-Just. Mit der Aussage, das Volk habe ein Grundrecht auf Brot, holte er die französische Revolution, die mit den eher abstrakten Zielen des Bürgertums nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vierzig Jahre vorher der Monarchie ein Ende bereitet hatte, auf eine sozial verbindliche Ebene. Die Forderung war eine Reaktion auf die Proletarisierung der Massen und warf für einen kurzen Moment Ideologie und Ästhetik über Bord. Auch wenn die weitere historische Entwicklung in den europäischen Herzländern sehr unterschiedliche Formen annahm, Saint-Just und seine Bewegung waren diejenigen, die der Revolution der Neuzeit den Finger zeigten und mahnten, das allgemeine politische Programm nie über den Bauch der Massen zu stellen.

Heute, fast Urzeiten nach dem Aufbegehren der Pariser gegen den Hunger und die Ungerechtigkeit, grenzt die Reminiszenz an die berühmte Parole an eine irrwitzige Inszenierung. Obwohl die Sättigung der Meisten im Lande aus materieller Hinsicht mit zunehmenden weißen Flecken immer noch als gesichert gelten kann, ist die Frage der Ernährung ein zentrales Thema sozial relevanter Politik geworden. Nicht die Sättigung, aber die gesundheitsrelevante Ernährung scheint zu einer Klassenfrage geworden zu sein. Auf der einen Seite wird die Nahrungsaufnahme zu einem bedrohlichen Risiko, auf der anderen zu einem ideologischen Zeremoniell. Ein politischer Versuch, bei dem Problem zu vermitteln, ist nicht in Sicht. Zwar existieren ehrenwerte Initiativen bürgerschaftlichen und pädagogischen Engagements, aber in der Politik sind außer dem Verweis auf die Liquidität bestimmter Bevölkerungsschichten und der sozial-exklusiven Abgrenzung keine Initiativen einer Vermittlung zu registrieren.

Ein Besuch in Schulen verdeutlicht, wie es um die Ernährung der Kinder aus armen und nicht gebildeten Verhältnissen bestellt ist: Ihre Gesundheitsrisiken veranlassen zu düsteren Prognosen auf den Gesundheitsverlauf. In den Bildungseinrichtungen des neuen Mittelstandes, der sich zunehmend aus ökologisch bewussten Bildungsmilieus rekrutiert, genießt die Art der Ernährung einen hohen Stellenwert und führt zu einer Zweiklassigkeit in Physis und Wohlbefinden.

Zu Recht verweisen die Vertreter des neuen Mittelstandes auf die Möglichkeit der Einschränkung, welche allerdings aus ihrem Munde wie ein lakonischer Zynismus erscheint. Die Möglichkeit für Arme, sich gesunde Ernährung zu leisten, ohne sich den ideologischen Implikationen des Vegetarismus oder der Anthroposophie auszusetzen, ist mehr als gering. Es ist eine Frage von Bildung, aber mehr noch die Art gesellschaftlicher Produktion und individueller Liquidität, die sich hinter dem Problem verbirgt.

Das Unspektakuläre der Perfektion

John Scofield. A Moment´s Peace

Der Gitarrist John Scofield ist Referenz an sich. Ihn, der nunmehr kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag steht, damit zu schmücken, mit welchen Größen des Jazz er bereits in jungen Jahren gespielt hat, hieße, seine eigenen Verdienste in den Schatten zu stellen. Ein Musiker, der technisch seinen Stil entwickelt hat und diesen exzellent beherrscht und der den Zugang zu auch bekannten Kompositionen so interpretiert, dass seine eigene Note das Stück erschließt, ohne dessen Kern zu zerstören, zählt zweifelsohne zu den Großen seines Faches. Mit seiner neuen CD, A Moment´s Peace, hat er sich das herausgenommen, was ihm zusteht: Er hat Bilanz gezogen in einem Moment der Besinnung und hat dieses der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Auf insgesamt 12 Stücken passieren verschiedene Phasen der musikalischen Entwicklung Scofields Revue, ohne das Unfertige eines Entstehungsprozesses noch zu beinhalten. Technisch sauber und brillant geht er durch die Welten, ohne die Dynamik des Fehlerhaften noch aushalten zu müssen. In den ersten drei Stücken, Simply Put, I Will und Lawns greift Scofield auf seine frühe Phase der Jazzinterpretationen zurück, nur glatter und mit weniger Emphase, als er das historisch gemacht hat. Mit Throw It Away dokumentiert er den Bruch mit seiner eigenen, konventionellen Interpretation und die Genese seines eigenen Stils, der getragen wird durch modal-melodiöse Phrasierungen, die das Kontemplative in den Vordergrund stellen. I Want To Talk About You wirkt demzufolge wie die Stabilisierung dieser neu gewonnenen Dimension, aus der Scofield sich nicht mehr herausbewegt hat. Dieses kann man kritisieren, aber es ist immer wieder die gleiche Paradoxie: Wird der Musiker honoriert für seine Offenheit allem Neuen gegenüber oder schränkt sich seine Anhängerschaft auf das Gewohnte ein und straft ihn ab, wenn er gewillt ist, neue Dimensionen zu erschließen?

Auf A Moment´s Peace bleibt John Scofield bei seinen eigenen Entscheidungen. Mit Gee Baby Ain´t Good To You, You Don´t Know What Love Is und Porgy I Loves You greift er auf in Stein gemeißelte Klassiker zurück, die er in einer sehr inspirierenden, aber in keiner revolutionären Weise interpretiert. Wobei der Blues des erstgenannten Stückes kristalliner nicht zum Ausdruck kommen kann. Ob allerdings dadurch nicht die Leidensgeschichte des Blues verloren geht, sei dahingestellt.

A Moment´s Peace ist eine Referenz an die eigene Entwicklungsgeschichte. Die Interpretationen sind und bleiben brillant, sie verdeutlichen die Sprünge von der Akklimatisierung an den Jazz, den Weg zu den modalen Interpretationslinien und die nun wohl sich abzeichnende Affinität zu den reinen Formen des Genres. Das ist das Werk meisterlichen Könnens, aber keine revolutionäre, innovative Intervention. Wer diese erwartet, wird enttäuscht, wer John Scofield, so wie er ihn kennen gelernt hat, im Stadium der Reife genießen möchte, der kann das ausgiebig tun. Ein exzellenter Scofield ohne Verweise auf die Zukunft!

Politischer Unterdruck

Obwohl es zuweilen Linderung verschafft, einen Boten zu erschießen, führt es nicht zur Lösung des Problems. Es sei denn, man ist Politiker und lebt davon, im Jonglieren der Schuldfrage einigermaßen virtuos zu sein. Momentan rangen sich die negativen Emotionen um die Rating Agenturen. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die vornehmlich für die Börsenkundschaft Expertisen erstellen über die Solvenz und Rentabilität von Wirtschaftsbetrieben, Organisationen und seit einiger Zeit auch Staaten. Letzteres sorgt nun für große Aufregung, weil Prognosen zu Griechenland, Portugal, Irland, und nun auch Italien und sogar die USA katastrophale Auswirkungen auf die jeweiligen Binnen- und Weltmärkte haben kann. Die Überlegung aus dem politischen Lager, nun selbst Rating Agenturen zu installieren, um Staaten zu begutachten, wäre allerdings das Törichtste, was als politischer Lösungsversuch unternommen werden könnte.

Bei der Rekonstruktion dessen, was als Vorgeschichte der jetzigen Problemlage zu identifizieren ist, werden einige Zusammenhänge klarer, als man bereit ist zu glauben. Begonnen hat die Misere mit einer eigentlich erfreulichen Entwicklung: In einigen europäischen Zentren und vor allem in Deutschland entstanden Kapitalüberschüsse, die ihrerseits auf intensive und wohl organisierte Wertschöpfungsprozesse wie über eine kollektive Ausgabendisziplin der privaten Haushalten zurückzuführen sind. Die Besitzer dieses Wertschöpfungsäquivalents ihrerseits erzeugten einen hohen Druck auf die Kreditinstitute, um aus dem Geld mehr zu machen. Dieser Dimension entsprechende, solide Rentabilität versprechende Investitionsobjekte existierten jedoch nicht. Dieses wiederum führte zu einer massenhaften Anlage in luftige Projekte und Papiere. Als diese Blasen platzten oder zu platzen drohten, sprangen die Regierungen ein, um zu haften und die privaten Anlagen zu sichern. Letzteres beraubte diese Staaten genau der Fähigkeit, die ihre politische und damit primordiale Rolle ausmacht: in Strukturen und Kompetenzen zu investieren, auf deren Fundament das Gemeinwesen von morgen steht.

Der Staat als Versicherer privat eingegangenen Risikos erscheint zunächst als ein sich um die Bürgerinnen und Bürger sorgender und niemand vergisst die Bilder zu Beginn der Weltfinanzkrise im Jahre 2008, als Angela Merkel und Peer Steinbrück vor die Kameras traten und beteuerten, die Sparbücher seien sicher. Beim zweiten Hinschauen fällt jedoch auf, dass mit der Haftungsgarantie für private Investitionsabenteuer die Politik ihre eigentliche Domäne nicht nur verlassen, sondern auch ihren Auftrag gegenüber der Gesellschaft sträflich ignoriert hat. Sie hat zugunsten der privaten Insolvenzvermeidung die politische Insolvenz gegenüber einer tragfähigen Zukunftsprogrammatik in Kauf genommen. Für dieses Verhalten erhält sie nun ein exklusiv ökonomisches Rating, was in Bezug auf Staaten natürlich exponierter Unfug, aber das Resultat eines längeren Prozesses der profanen betriebswirtschaftlichen Ökonomisierung des Denkens ist. Umschuldungsprogramme sind aktuell sicherlich erforderlich. Weitaus wichtiger jedoch ist die Notwendigkeit, dass die Politik ihr Primat zurückerlangt.