Un occident désolée oder die Farce Europa

Der tschechische Romancier Milan Kundera war es, der im Jahre 1983 die Welt mit dem Aufsatz aufrüttelte „Un occident kidnappée oder die Tragödie Zentraleuropas“. Noch heute, nach all den Jahren und Veränderungen, schnürt es einem die Kehle zu, wenn man diese Zeilen liest. Kundera wies darin auf die kulturelle Eiszeit hin, die nach den russischen Panzern in das eigentliche Zentraleuropa eingebrochen war, er zeigte die Trauer über das Gefühl, von der Welt allein gelassen worden zu sein mit der Barbarei und die Vergeblichkeit, im damaligen Westen eine moralische Instanz zu finden, die sich der Sache von Humanität und künstlerischer Freiheit hätte annehmen können.

Heute, fast dreißig Jahre später und gut zwanzig nach der Implosion der UdSSR, hat sich das Gesicht Europas sehr verändert. Die formalen Freiheiten sind vielerorts eingezogen, aber eine Qualität im politischen Diskurs hat sich nicht herausgebildet. Die politisch herrschenden Klassen Europas sind nicht unbedingt das, was als Leitbild für eine demokratische Modellierung der Zukunft gelten könnte. Nein, ganz im Gegenteil, es sind immer mehr Menschen anzutreffen, die überall in Europa nächtens durch Paris, Rom, Berlin oder London schleichen wie einst Milan Kundera und sein Freund durch Prag, und sich flüsternd unterhalten über das Unverständnis und die Einsamkeit, die sie umgibt. Sie sind bedrückt durch die wachsende Ignoranz, das Verschwinden historischen Wissens und den Verlust zivilisationsgeprägter Umgangsformen und bestürzt ob der leeren Geschwätzigkeit, mit der die Völker Europas an der Nase herumgeführt werden.

Als seien in diesem schaurigen Makabré ein letztes Mal die Choreographen am Werke gewesen, wählten sie Protagonisten, die das Grauen weit über die Grenze des Erträglichen treiben: Dort ein Gerontopornograph, die mit glatt gezogener Haut die Via Appia hinunter taumelt, da ein magyarischer Napoleon, der mit seinem geschwollenen Daumen den Kampfjets den Einsatz in fremden Ländern befiehlt, und hier ein protestantischer Leierkasten, der eine Frau darstellen soll und die ausgebeulte Melodie des Staatsmonopolkapitalismus bis zur völligen Raserei des Publikums wiederholt.

Die nächtlichen Spaziergänger, die einsamen Seelen, sie mögen sich fragen, wie lange das alles noch gehen soll, im occident désolée, dem Westen, der das Musterbild des neuen Europas hatte sein wollen. Warum, so fragen sie sich, sind die Völker nicht schon längst auf den Barrikaden und murren auf, gegen die unerträgliche Dreistigkeit der Herrschenden, die die Gesellschaften spalten und keinen Sinn mehr stiften.

Vielleicht, so hoffen sie, ist die Überzeichnung des Wahnsinns ein letzter möglicher Anlass, um selbst den phlegmatischsten Bewohnern des Kontinentes klarmachen zu können, dass das alles so nicht mehr weitergehen darf. Vielleicht wie jüngst in Tschechien, als alle Räder zum ersten Mal seit 1989 still standen, weil die Regierung plant, das Rentenalter auf 70 hoch zu setzen, oder vielleicht wie derzeit in Griechenland, wo die einfachen Existenzen nicht zahlen wollen für die Gier von Spekulanten. Es ist die letzte Hoffnung derer, die keinen Schlaf mehr finden, im Freien Westen, der keiner mehr ist.