Seit der Weltfinanzkrise aus dem Jahr 2008, so ist immer wieder zu lesen, interessieren sich vor allem junge Leute für Theorien, die sich mit dem Phänomen des Wertes befassen. Da in den Wirtschaftswissenschaften, die durch den Marktgedanken des Kapitalismus determiniert sind, kaum etwas Brauchbares existiert, das über das Theorem von Angebot und Nachfrage hinausgeht, wundert es gar nicht, dass das Kapital von Karl Marx wieder kräftig gelesen wird. Bei letzterem handelt es sich nicht nur um das wissenschaftlichste Werk seiner Schriften, sondern es beinhaltet eine nach wie vor bestechende Erklärung für die Frage nach dem Wert einer Ware.
Der Doppelcharakter der Ware, so Marx, besteht in der Dualität von einem Gebrauchs- wie Tauschwert. Haftet dem Gebrauchswert etwas Subjektives an, d.h. bestimmt das Individuum, welches eine Ware erwirbt, was sie ihm tatsachlich wert ist, so ist der Tauschwert von objektiven Faktoren bestimmt: der Arbeitszeit, die in der Ware steckt und der Anzahl der Waren, die zur Verfügung stehen. Der Tauschwert stellt volkswirtschaftlich die relevante Dimension dar und er wird seinerseits ausgedrückt durch das Geld, welches Marx das Allgemeine Äquivalent nennt. Dass letzteres nicht immer nur den Tauschwert der Waren anzeigt, sondern seinerseits einer Eigendynamik unterliegt, die ganze Wirtschaftssektoren Amok laufen lassen kann, zeigte gerade die Finanzkrise.
Das, was zur Entstehung einer Ware erforderlich ist, ist ein recht präzise bezifferbarer Aufwand an Energie, Material, Wissen und Technologie, der beschrieben ist in der physikalischen Formel für die Arbeit. Unabhängig davon, wie vage der Arbeitsbegriff in unserer Gesellschaft geworden ist, da er seine Existenz eng an der Leistung fristet und eine Definition der letzteren dem Bann unterliegt, ist es darüber hinaus hoch interessant, Arbeit, Leistung oder den Aufwand zu betrachten, den Gesellschaften betreiben, um etwas zu gestalten.
Der politische Überbau einer Gesellschaft ist der Ort, an dem kollektive Energien aufgewendet werden, um die Geschicke eines Landes zu gestalten. Betrachtet man verschiedene Nationen aus dem globalen Gefüge, so kommt man unter diesem Aspekt zu erstaunlichen Beobachtungen. Die Volksrepublik China, der wirtschaftlich wie politisch aufgehende Stern am globalen Himmel der Macht, wendet fast alle Energien auf, um eine Infrastruktur zu schaffen, die den wirtschaftlichen Vorhaben und Bedürfnissen entspricht, oder um Universitäten ins Leben zu rufen, in denen die Berufe ausgebildet werden, die das wirtschaftliche System braucht oder um Technologien zu entwickeln, die einem ökologischen Overkill des sehr schnell wachsenden Marktes entgegenarbeiten.
Im Gegensatz dazu leben wir in einem Land, dessen Politik, die sich sehr auf die Stimmungen in der Bevölkerung stützt, den gewaltigsten energetischen Aufwand betreibt, um Entwicklungen zu verhindern bzw. Entwicklungspfade zu verlassen. Allein die für das Projekt Stuttgart 21 oder den Ausstieg aus der Kernenergie verwendete Energie, d.h. tatsächlich verwendete Arbeitszeit in Form von Diskussionsforen und Demonstrationen, ausgefallene Arbeitszeit in Form von nicht durchführbaren Aufträgen, Gerichtsverhandlungen etc. beziffern eine Dimension, die ausreichte, um andere Projekte, die die Zukunft gestalten, tatsächlich durchzuführen. Die Disproportionalität von energetischem Aufwand zur Gestaltung und demselben zur Verhinderung vermag den Unterschied zu Gesellschaftsformationen aufzeigen, die sich in der Aufwärtsbewegung befinden. Wie immer an solchen Stellen sollte jetzt folgen, dass damit eine politische Bewertung der Volksrepublik Chinas und der Bundesrepublik Deutschland nicht vorgenommen wurde. Um Missverständnisse zu vermeiden, versteht sich. Aber wenn es so weit ist, dann haben die Zensoren bereits Hochkonjunktur.
