Archiv für den Monat Mai 2011

Zerstörte Karrieren

Kaum eine Woche vergeht, als dass nicht eine Persönlichkeit von Rang und Einfluss ganz abrupt vom Berg des Ansehens stürzt. Die Medien sind nicht nur voll davon, sie scheinen zu einem Großteil von der Demontage der Reputation zu leben. Die Namen, die in den letzten Jahren im schillernden Bild der öffentlichen Meinung zerflossen sind, erreichen die Legion. Die Delikte, die dazu beitrugen, wiederholen sich, tangieren allerdings immer wieder neue Themen, die sich dann als feste Größen entpuppen. Von der Steuerhinterziehung bis zur sexuellen Belästigung, von der urkundlichen Fälschung in betrügerischer Absicht bis zur Manipulation von biographischen Daten, von der Umgehung der Zollbestimmungen bis zum Schmuggel, der Verletzung der Devisenbestimmungen und dem Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz ist vieles vertreten, das in früheren Zeiten als Kavaliersdelikt gewertet wurde.

Nur haben sich sowohl die Wertvorstellungen, der Charakter der medialen Öffentlichkeit als auch die Karrierewege geändert. Das Ergebnis der zahlreich zu verbuchenden zerstörten Karrieren hat sowohl positive als auch negative Ursachen. Generell ist die Vorstellung, dass eine Steuerhinterziehung oder ein akademischer Betrug gesellschaftlich nicht mehr als ein verzeihliches Delikt einer bestimmten Klientel zugestanden wird, die mit ihrer hedonistischen und dekadenten Lebensführung in einer rechtlichen Grauzone jenseits der Gesellschaft lebt, zu begrüßen. Eher besorgniserregend bei der Geschichte ist die meutenhafte Jagd auf lediglich Beschuldigte, deren Ruin bereits beschlossene Sache ist, bevor eine rechtssichere Verurteilung vorläge. Da fällt dann der Habitus weit hinter die reklamierten Werte zurück und es liegt ein Geruch von Revanchismus in der Luft, der nichts Gutes verheißt.

Dramatisch wird es, wenn man sich die Verlaufsmuster der geschilderten Karrieren ansieht. Vieles deutet darauf hin, dass eine erfolgreiche Biographie, die in die besagten Funktionen oder Positionen führt, kaum noch auf Täuschungen und Betrügereien verzichten kann, um zum Ziel zu kommen. Das ist der eigentliche Skandal, der beunruhigen sollte. Wir scheinen es mit einem System der Machterlangung zu tun zu haben, das die bürgerliche Vorstellung von Leistung und Verdienst tendenziell außer Kraft setzt und somit ein Paradoxon produziert, das gar nicht mehr funktionieren kann. Denn wie sollte es sein, dass Funktionäre, die durch eine systematische Verletzung des bürgerlichen Leistungsprinzips an die Macht gekommen sind, dazu beitragen, das Konstitutionsprinzip der Leistungsgesellschaft zu retten oder bei seiner Weiterentwicklung positiv zu begleiten.

Konfrontiert wird die Gesellschaft nicht nur mit dem Paradoxon ersten Grades, sondern noch mit dem eines zweiten. Die zerstörte Karriere endet zumeist nicht im Ruin, sondern in bürgerlichem Wohlstand. Da zieht man sich in seine Villa im Tessin zurück, bewirtschaftet die väterlichen Wälder oder entspannt in Brüsseler Wellness-Hotels. Der pädagogische Effekt ist verheerend.

Blockakkorde und reine Lebensfreude

Milt Buckner. Green Onions

Heute hören sich seine Aufnahmen an wie Botschaften aus einer anderen Welt. Der 1915 in St. Louis geborene und 1977 in Chicago verstorbene Pianist und Organist Milt Buckner war ein Pionier ohne großes Gehabe. Er machte, wie man es salopp formulieren könnte, sein Ding. In der historischen Betrachtung gilt er als der Innovator mit dem Stil der Locked Hands. Milt Buckner begann damit, beidhändig gleiche wie divergierende Akkordanschläge zu einem Stilmittel zu etablieren, das im Jazz viele spätere Pianisten stark beeinflusst hat. Die Stilistik eines Red Garland, George Shearing oder Oscar Peterson ist ohne die Spielweise Milt Buckners nicht denkbar.

Auf einem Album, das nach dem Titelsong Green Onions benannt ist und weltbekannt nach der Version Booker Ts geworden ist, finden sich nicht nur Namen wie Roy Gaines (guitar), Roland Lobligeois (bass) sowie Panama Francis (drums) und Francis Silva (drums), sondern eine Reihe von Aufnahmen, die es wert sind, die Zeitmaschine anzuwerfen. Die Recording Sessions fanden am 21. Februar und 4. Juli (!) in Paris statt und waren somit kurz vor Butlers Tod. Mit dem genannten Opener Green Onions kommt eine Urgewalt zum Vorschein, die die ganze Lebensfreude und Wucht des Rhythm & Blues mit einer Emphase dokumentiert, die selten ist. Wer dabei keine gute Laune bekommt, hat weder Elan noch Humor in abrufbarer Nähe. Pour Tout Mes Soeurs ist eine Referenz an den Jazz eines Schnuckenack Reinhardt, was Roy Gaines große Intuition und Empathie bescheinigt. Since I Fell For You und Sleep wiederum sind Stücke, die sehr stark an den seinerseits Buckner sehr beeinflussenden Lionel Hampton erinnern. Und Milt´s Boogie Woogie wiederum ist eine Referenz an Roy Gaines, der zeigt, wie atemberaubend und dennoch lieblich melodisch eine elektrisch verstärkte Jazzgitarre daherkommen kann, ohne eine egozentrische Version der Profilbildung zu verursachen.

It´s The Talk Of The Town ist eine wiederholte Referenz an Lionel Hampton, die lediglich durch die Bass-Phrasierungen zu überzeugen weiß, wie Sweet Georgia Brown noch einmal Tempo und Stil der großen Hammond-Ära Revue passieren lässt und Buckners Virtuosität sowohl auf der Orgel wie auf dem Klavier deutlich macht. After You´ve Gone kann als eine Eskalation der Impulsivität von Orgel, Gitarre und Schlagzeug empfunden werden und zu dem Gefühl führen, dass historische Rekurse ihre zeitliche Begrenztheit haben, bei deren Überschreitung auch der Überdruss stehen kann.

Wie es so ist im Leben, Historie ist solange von großem Interesse, wie sie das Gefühl der positiven Reminiszenz nährt und die Entwicklungslinien in das Heute dokumentiert. Beides liefern die Stücke bis zu einem bestimmten Punkt. Bestand, d.h. emotionale Vereinnahmung wie rhythmische Inspiration liefert vor allem Green Onions. Da ist wahre Kraft im Spiel!

Die Konvergenz von Gut und Böse

Den amerikanischen Polizeibehörden sagt man nach, dass sie bei dem Verdacht auf Steuerhinterziehung, Diskriminierung und sexueller Belästigung weder große Namen noch Verwandte kennen. Der eiserne Arm greift gnadenlos zu und die Vollstreckungsmaschinerie beginnt zu arbeiten. Dass ausgerechnet der Chef des internationalen Währungsfonds am Wochenende aus einem Flugzeug mit dem Ziel Paris in Handschellen abgeführt wurde, gibt eine untrügliche Referenz für die Konsequenz amerikanischer Behörden, wirft aber auch einen gewaltigen Schatten auf die Mächtigen dieser Welt.

Nicht, dass hier der Vorverurteilung das Wort geredet werden soll, wie es, man wundert sich kaum, bis in die Nachrichtensendungen hinein mit süffisantem Grinsen mancher Sprecherin bereits mit Vehemenz geschieht. Es geht vielmehr darum, für einen Moment die Verwirrung zu reflektieren, die die Liquidierung von angemessener Diskretion in der öffentlichen Meinungsbildung hinterlässt.

Sind sich sehr viele Beobachter sicher, dass es sich bei dem IWF-Chef um einen Sexualstraftäter handelt, legen wiederum andere dafür, vor allem Kenner der französischen Politszene, die Hand ins Feuer, dass hinter dem Fall ein Frame-up aus dem Konkurrenzlager Sarkozy zugrunde liegt. Letzterer muss bei den nächsten Wahlen Strauss-Kahn aus dem Lager der Sozialisten als einzigen ernsthaft fürchten. Und ein Präsident, der die Luftwaffe gleich mal los schickt, wenn ein allzu geschwätziger Gaddafi-Sohn im libyschen Fernsehen davon berichtet, wie man die Wahlkämpfe des französischen Präsidenten finanziert habe, dem könne man auch solches zutrauen.

Die Fälle der sehr gegensätzlichen Verdächtigungen mehren sich, teils werden sie sogar zur Regel. Ein Guttenberg war gar beides, nämlich akademischer Fälscher und Reformer der Bundeswehr. Was jetzt als seine Schlampigkeit bei der Reform kolportiert wird, war der Zugriff auf generalistische Besitzstände. Koch-Mehrin war auch beides, zudem sehr naiv, hatte sie doch in Brüssel Listen erstellt von Parlamentskollegen, die regelmäßig den Escortservice bestellten.

Mit dem Weg des Rechts hat das alles sehr wenig zu tun und vieles, was zum politischen Tod führt, hat mit dem Grad der Rechtsverletzung, der dazu herhalten muss, recht wenig zu tun. Der verlogene Moralismus der Diskussionen ist umso deplazierter, je weniger es noch um das Geschäft derjenigen geht, die sich zur Verfügung gestellt haben, um Politik zu betreiben. Die Krise geht mit dem Verlust von Inhalten einher, für die es sich einzusetzen lohnte. Wem es an langfristigen Perspektiven fehlt, der lebt vom skandalumwitterten Mundraub.

Die beobachtbare Konvergenz von Gut und Böse ist nicht nur eine Krise von Politik und politischem Personal, sondern der Offenbarungseid eines Journalismus, der zwar die Rechtmäßigkeit der Verfassung genießt, aber die eigenen Grundlagen aus Quotenprostitution und professionalisiertem Dilettantismus systematisch zerstört.