Archiv für den Monat Mai 2011

Konfiguration des Stillstandes

Seit der Etablierung der Massenpsychologie zu Beginn des XX. Jahrhunderts hat diese nie richtig anerkannte, aber sehr stark genutzte Disziplin immer wieder sehr interessante, aber auch degoutante Themen berührt. Die Wirkung bestimmter sozialer oder politischer Reize auf das Individuum innerhalb der Masse wurde zu sehr durch Diktatoren und Tyrannen genutzt und zu regelrechten Propagandamaschinerien entwickelt, um moralisch anrüchige Interessen durchzusetzen. Und obwohl aufgrund dieser Tatsache vieles aus dem massenpsychologischen Erkenntnisbereich in der Tabuzone der wohl erzogenen Politik liegt, wurden die Einsichten immer wieder genutzt. Von der Werbung bis zur Politik.

Die Wirkung der Reize auf die Massen, auch thematisiert von dem weit weniger suspekten Elias Canetti in seinem Werk Masse und Macht, wird ein Thema sein, das uns bis ans Ende menschlicher Gesellschaften verfolgen wird, ob das nun angenehm ist oder nicht. Und die Durchdringung unseres ganz profanen Alltags mit Techniken, die aus den Erkenntnissen dieses Phänomens kommen, sollte nicht per se ausgeblendet werden.

Neben den Untersuchungen über die Kausalität von Reizen und deren Reaktionen in anonymisierten Massen ist darüber hinaus der Versuch inspirierend, bestimmte charakterologische Prototypen aus dem Gesamtverhalten von Massenverbänden abzuleiten. Skeptisch betrachtet führen derartige Versuche zu Klischees, die, sind sie erstmal etabliert, nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen sind. Andererseits ist die Typologie durchaus hilfreich, nutzt man sie zum Vergleich mit anderen, um Unterschiede in Haltung und Dynamik zu verdeutlichen. In der Marktforschung ist das längst etabliert, im politischen Denken immer noch – offiziell – Tabu.

Die Typisierung von Charakteren ist bei der Akzeleration technologischer und epistemologischer Entwicklung insofern nicht mehr über einen gewissen Zeitraum erhaben, weil verschiedene, teilweise von ihren Verhaltensweisen sehr differierende Generationen in der gleichen Arbeits- und Lebenswelt präsent sind. Es empfiehlt sich, die Typisierung nach Generationen vorzunehmen, um Aufschluss darüber zu bekommen, wie der momentane Ist-Zustand zu dokumentieren ist und welche Prognose sich auf die zu erwartende Zukunft geben lässt.

Eine Studie, die sich mit der Generation der momentanen Funktionsträger hierzulande befasste, käme wahrscheinlich zu Merkmalen wie an gewisse Sozialstatui sehr gebunden, eine signifikante Arroganz gegenüber andersartigen Entwicklungen und eine beträchtliche Interessenlosigkeit an der Innovation. Was die nachfolgende Generation mitbringt, wäre noch zu eruieren und ermöglichte eine Prognose. Allerdings: Etwas ständisch, etwas bräsig und ein gewisses Phlegma, das ist eine Konfiguration des Stillstandes.

Der tiefe Schatten der Clinton-Ära

Der Menschliche Makel. Robert Benton, Regie

Philip Roth war es, der in seinem Roman Der Menschliche Makel ein Thema aufgegriffen hatte, das zu Ende der Ära Clinton in den USA die Gesellschaft tief verunsichert und letztendlich gespalten hat. Die gute Absicht, Minderheiten aller Art vor Diskriminierung zu schützen, führte zu einer moralistischen Verselbständigung, die nahezu eine Zerstörung des gesellschaftlichen Vertrauens geführt hat, wie man es vorher glaubte nur bei Erscheinungen wie der Kulturrevolution im fernen China erlebt zu haben. Es war in den USA die Hochzeit der political correctness, die wahnwitzige Formen annahm und viele intellektuelle Biographien ruinierte.

Der Regisseur Robert Benton griff die Romanvorlage auf und machte daraus mit Darstellern wie Anthony Hopkins und Nicole Kidman einen Film, der heute, im zeitverzögert und ähnlich absurd agierenden Deutschland nicht aktueller sein könnte. Der vermeintlich jüdische, in Wahrheit aber afro-amerikanische Universitätsprofessor Coleman Silk (!), dargestellt durch Anthony Hopkins, wird aufgrund einer Äußerung hinsichtlich fehlender Studenten, die noch nie präsent waren, aus dem Universitätsbetrieb relegiert. Das Gremium der Hochschule kritisiert ihn wegen der Formulierung „dunkle Gestalten“ des Rassismus. Am Ende der tribunalistischen Diskriminierung steht der Tod seiner Frau und das Ende seiner professoralen Existenz.

Coleman Silk wendet sich an den Schriftsteller Nathan Zuckerman, der seinerseits zum Chronisten und Erzähler der absurden Geschichte avanciert. Gleichzeitig entwickelt der gestrandete Silk eine Beziehung zu der jungen, existenziell zerstörten Gelegenheitsarbeiterin Faunia, ihrerseits durch Nicole Kidman dargestellt. Das Liebesverhältnis, seinerseits wiederum im Middle Class Athena ein Skandal, zeigt Coleman Sild die Relativität seiner eigenen Demontage. Faunia, deren Kinder verbrannten, deren Mann ein Vietnam-Veteran und Psychopath ist und die als Kind missbraucht wurde, zeigt Silk die wahren Tiefen gesellschaftlicher Ächtung und individuellen Leids.

Szenisch ist die Relativität diskriminatorischer Betroffenheit intelligent komponiert. Durch Retrospektiven von Silks eigener Biographie, als „weißer“ Sohn in einer schwarzen Familie, sein Scheitern mit einer Weißen skandinavischer Abstammung, deren Diskriminierung durch seine eigene Mutter, bis hin zu seiner Lossagung von der Enge seiner familiären afro-amerikanischen Identität, wird der Film zu einem multi-dimensionalen Spektrum von Selbstbetrug und Ignoranz.

Der Rahmen, der das Desaströse eines schwindenden kritischen Bewusstseins und die damit einhergehende moralistische Diktatur zum Thema hat, wird immer wieder gesprengt, um die Eigenverantwortlichkeit des Individuums gegenüber der eigenen Biographie zu verdeutlichen. Die wahre Gefahr geht von den Katecheten der political correctness aus, ohne dass die Verantwortung der Geschädigten geleugnet wird. Das ist große Literatur, das ist großer Film!

Visionen und Überväter

Philip Roth. Der Ghost Writer

Vielleicht ist Philip Roth ja eines der prominentesten Opfer der political correctness. Denn seit Jahren hält die literarische Welt bei den Stockholmer Beratungen zur Vergabe des Literaturnobelpreises den Atem an, um es vielleicht doch noch zu erleben, dass sein Name genannt wird. Bisher war das Hoffen vergeblich, denn statt den Namen dieses aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur nicht mehr Wegzudenkenden zu hören, sind es andere, kaum beachtete oder wahrgenommene Autoren aus den Randlagen der alphabetisierten Zivilisation, denen diese Ehrung zuteil wird.

Philip Roth steht vor allem für die Auseinandersetzung einer amerikanischen Generation von Juden, die in den Staaten geboren wurden und einen Konflikt mit ihren immigrierten Vätern auszustehen hatten. Wie niemand sonst stellt er den Zerriss zwischen der alten und neuen Welt dar. In seinem 1979, also vor mehr als dreißig Jahren erschienenen Roman Der Ghost Writer ist der in mehreren Werken auftauchende, fiktive Schriftsteller Nathan Zuckerman in der Rolle des Beobachters wie der des Kombattanten. Zum einen besucht er den von ihm verehrten und bereits erfolgreichen Schriftsteller E. I. Lonoff, der selbstverständlich stellvertretend für die europäische jüdische Immigration steht, zum anderen reminisziert er während dieses Besuches den Dauerkonflikt mit seinem Vater, der ihm vorwirft, der jüdischen Gemeinde mit seinen entblößenden Short Stories zu schaden.

Desillusionierend auf den jungen Autor wirkt die Lebensferne und Steifheit des verehrten Lonoff, der von eiserner Disziplin getrieben und mit wenig Kreativität seine literarischen Werke produziert, der in eingefahrenen, stählernen Bahnen lebt und nicht einmal den Mumm hat, sich mit einer jungen Studentin einzulassen, die den großen Meister ebenso bewundert. Zuckerman hingegen projiziert in das anwesende Mädchen die Existenz der Anne Frank, mit der er sich vermählt, um die in seiner Phantasie stattfindende Auseinandersetzung mit dem Vater zu retten, wenn er sich als Brautstein einen Epitaph des alten jüdischen Europas wählt.

Das Skurrile der langsam und bedächtig fortschreitenden Handlung ist das Innovative, zu dem Roth in starkem Maße beigetragen hat. Übernahme psycho-analytischer Grundmuster in die Textur des Romans vor der Folie dieses jüdischen Vater-Sohn-Konfliktes war zur Zeit der Entstehung des Romans richtungsweisend. Es verstörte die Leserschaft anders als heute, und allein das, die doppelte Verstörung, ist Grund genug, sich das Werk noch einmal vorzunehmen.

In Ghost Writer blitzt bereits das auf, was Philip Roth in vielen nachfolgenden Romanen bis zur Meisterschaft getrieben hat. Es geht um Generations- und Kulturkonflikte, um Triebe und Leidenschaft und die Ramponierung aller Beteiligten, bei denen auch der sublimierteste Intellekt nicht vor der Verletzung schützt.