Am ersten Mai, dem Tag, den man vor nicht allzu langer Zeit als den Kampftag der internationalen Arbeiterklasse tituliert hat, traut man seinen Ohren nicht. Da treten Gewerkschaftsvertreter mit Parolen auf, die aus den frühen Zeiten des Proletariats stammen, als es noch eine Klasse war, deren Zukunft vor ihr lag. Gerechter Lohn, ja, da hört man fast die brüchige Stimme der Ahnen, denn die wahren mit solchen Kategorien angetreten, bevor der Marxismus die Klassenfrage stellen konnte. Nun, mehr als ein Jahrhundert danach, muss man lange suchen, um noch klassische Proletarier im Zentrum Europas auszumachen. Die Geschichte, die damals noch als eine Lokomotive bezeichnet wurde, ist erbarmungslos weiter gezogen und hat die große Mutter Proletariat längst beerdigt. Stattdessen sind neue Schichten und Branchen entstanden, selbst die Analyse der Ware, die Karl Marx in seinem berühmten Kapital betrieben hatte wie in einem Chemiebaukasten, fällt angesichts der Virtualität und Fiktion vieler Dienstleistungen selbst den geschultesten Geistern sichtlich schwer.
Dabei gibt es doch genügend Ergebnisse, die aus dem Kapitalismus resultieren, die die organisierte Opposition so nicht hinnehmen dürfte. Die millionenfache Arbeitslosigkeit zum Beispiel, die nicht der Boshaftigkeit einzelner Kapitalisten zugeschrieben werden kann, sondern nichts anderes ist als die logische Konsequenz der weltwirtschaftlichen Entwicklung, die kein Mensch aufzuhalten in der Lage ist. Was man machen könnte, wäre sich der Tatsache zu stellen, dass der Weltmarkt für diese Menschen keine Chance mehr parat hat. Und dafür zu kämpfen, dass man ihnen mit politischen Programmen Arbeit, Bildung, Selbstwertgefühl und das Bewusstsein vermittelt, dass sie etwas tun, das gesellschaftlich notwendig und wichtig ist.
Oder das Elend, welches sich aus diesem und noch anderen Gründen hinter dem verbirgt, das da Integration genannt wird. Da wären einfache Bekenntnisse erforderlich. Menschen, die sich schon lange nichts mehr unter dem Begriff der internationalen Solidarität vorstellen können, einfach die Jobs zu geben, die sie aufgrund ihrer Qualifikation und Befähigung verdient haben.
Stattdessen kapriziert sich das korporierte Erbe der einstmals so mächtigen Arbeiterbewegung auf moralische Slogans und, wenn es ums Geld geht, auf Budgets, mit der Bürokratisierung aufgebaut und kultiviert wird. Sobald Strukturen und Apparate errichtet sind, bilden sich Industrien, die die Malaise zwar verwalten und von der regelrechte Lobbys leben, die zu der Lösung des Problems weder in der Lage sind noch über die Motivation verfügen, dieses auch zu tun.
So sehr die Fähigkeit, Infrastrukturen und Apparate zu bilden, als eine zivilisatorische Leistung angesehen werden müssen. So wenig hat sie etwas mit dem zu tun, was als der Grundgedanke jeder sozialen Emanzipation zu sehen ist. Es ist das traurige Ende einstiger Macht.
