Archiv für den Monat April 2011

Kollektivsymbolik

Die Verwendung von Bildern im Sprachgebrauch einer Gesellschaft spricht Bände. In den einschlägigen Wissenschaften benutzt man für dieses Phänomen den Begriff der Kollektivsymbolik. Es lohnt sich, die verschiedenen Phasen der Moderne aufgrund der in der Sprache verwendeten Bilder zu rekonstruieren, denn man ist ohne großen Aufwand dazu in der Lage, aufgrund der kollektivsymbolischen Verwendungen Rückschlüsse auf den technologischen Zustand und die politischen Verhältnisse der Gesellschaft zu ziehen.

In der Literatur des wilhelminischen Kaiserreiches wie der beiden Weltkriege fallen die vielen Bilder aus der Welt des Militärs und des Krieges auf, ob da von einer Bombenstimmung gesprochen wird, von Blindgängern oder Strandhaubitzen. Analog trifft man es in Bezug auf die Industrialisierung und Mobilität, wo der Sprachgebrauch von Eisenbahnen, Lokomotiven, Dampf und Stahl bevölkert wurde. Und anders geht es uns heute nicht, wo viel die Rede ist von Kommunikationskanälen, Schnittstellen und energetischen Verpuffungen. Anhand der Metaphorik kann man bisweilen sehr deutlich machen, in welcher gesellschaftlichen und technologischen Periode ein Individuum aufgewachsen ist und ob es ihm gelungen ist, das ganze Leben lang zu lernen und gegen die Halbwertzeiten des technischen Wissens anzukämpfen.

Auch die Politik und der Zeitgeist haben der Kollektivsymbolik ihren Stempel aufgedrückt. So verwendete das aufkommende Bürgertum mit der Mongolfière ein nahezu futuristisches Vehikel der Freiheit, der Industrialismus zog mit dem Dampf und der durch sie beschriebenen Maschine zu Felde, die russische Revolution fuhr mit der Lokomotive durch die Weltgeschichte, der Faschismus bevorzugte das archaische Ritual und der Nachkriegskapitalismus wurde nicht selten mit einem schnellen Automobil verglichen. Der politische Wille suchte sich immer ein Kollektivsymbol, mit dem er sich verständlich machen konnte.

Und nun, nachdem wir gelernt haben, uns in Schnittstellen, Festplatten, Formatierungen und Datenautobahnen verständlich zu machen, taucht ein Begriff auf, der nicht in unsere Zeit passt. Der aus der Forstwirtschaft stammende Begriff der Nachhaltigkeit, mit dem das Denken in großen, an den Baumwuchs gebundenen Entwicklungszyklen ausgedrückt werden soll, infiltriert das Ensemble der hochtechnologischen Kollektivsymbole. Mit dem Begriff der Nachhaltigkeit wird zumindest sprachlich die technologische Entwicklung konterkariert und politisch eine Rückkehr zum bäurisch-zyklischen Denken gefordert.

Angesichts so mancher hochtechnologischer Entwicklung, die neben dem intendierten Ergebnis manch ungewollte, destruktive Wirkung nach sich zog, ist eine Rückbesinnung auf natürliche Entwicklungszyklen sicherlich ein zumindest in seiner pädagogischen Dimension ernst zu nehmender Rat. Der inflationäre und an unzähligen Stellen absurde Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs deutet jedoch daraufhin, dass das Kollektivsymbol eine zivilreligiöse, archaische Intention beinhaltet. Die Komplexität unserer Existenz verlangt jedoch eine differenzierte Analyse der verschiedenen Komponenten, und eine strategisch auf die Forstwirtschaft zurückzuführende Betrachtung birgt dann doch wohl eine gehörige Portion Fundamentalismus in sich.

Die Erde, unbewohnbar wie der Mond

Ende der siebziger Jahre veröffentlichte der in der DDR aufgewachsene und dann in die Bundesrepublik geflohene Schriftsteller Gerhard Zwerenz einen Roman, in dem er die Behauptung aufstellte, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond. Mit seiner Biographie konnte er sich die Fragestellung nur so vorstellen, wie er sie literarisch bearbeitet hatte: Als eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Er bezog sich in dem Roman auf die Frankfurter Häuserkämpfe als Folge einer groß angelegten Bodenspekulation, die die Vertreibung ganzer Sozialgruppen aus dem Frankfurter Westend zum Ziel hatte. Der Ansatz war und blieb ein marxistischer. Die Zerstörung von Lebensgrundlagen konnte nur die Folge von ökonomischen Egoismen sein. Technik an sich war etwas Gutes, es kam darauf an, wer die Verfügungsgewalt über sie hatte.

Auch die fast zeitgleich in der Bundesrepublik aktiv gewordene Anti-Kernkraftbewegung war mitnichten von dem technokratischen Theorem geschlossen entfernt. Auch dort gab es gut gehörte Stimmen, die die Nutzung der Kernkraft von Besitzverhältnissen abhängig machen wollten. Erst später dominierte die Vorstellung, die Form der Energienutzung an sich sei nicht zu verantworten. Wie immer, so glaubte man sich in den Debatten um das Verhältnis von Natur und Mensch an einem historisch neuartigen Punkt. Und wie so oft, lag man aus Selbstüberschätzung falsch, weil die Frage von der Bibel bis Nietzsche und von Aristoteles bis Marx ein Universalthema des philosophischen Diskurses gewesen war.

Kann der Mensch als Kollektivsingular für sich beanspruchen, die Natur zu instrumentalisieren, kann er es absolut oder nur bedingt und in welchem Verhältnis steht der Zivilisationsprozess als einer systematischen Bewegung der Unterwerfung von Veredelung in diesem Zusammenhang zu der ursprünglich gestellten Frage? Sie kategorisch beantworten zu wollen bedeutet, sich in das Heer der größenwahnsinnigen Ideologen einzureihen. Zu viele Fragen bleiben offen, zum Beispiel wie die Weltgesellschaft zu dem Phänomen der ungleichzeitigen Entwicklung steht.

Kann die technisch hoch entwickelte Welt, die heute am Ende einer langen Periode von Innovationen und Irrtümern liegt, aufstrebenden Nationen und Ökonomien diktieren, welche Erkenntnisse und Wege sie annehmen und einschlagen? Wenn das so wäre, käme das einer Weltaufsichtsbehörde in Sachen Produktivkraftentwicklung gleich, die darüber entscheiden würde, ob zum Beispiel die Volksrepublik China die Kernenergie nutzen dürfe oder auf den Individualverkehr setzen könne. Beide Entscheidungen, einmal positiv entschieden, bergen fürwahr globales Bedrohungspotenzial und dennoch ist ungeklärt, ob die herrschende Postmoderne ihre Erkenntnisse zu einer Weltexekutive nutzen darf und nebenbei auch kann. Mal abgesehen von Fakten, dass der chinesische Export mittlerweile die Märkte mit den einzig noch erschwinglichen Konsumgütern für die sozial Schwachen der alten Metropolen bestückt.

Wie bewohnbar die Erde ist, entscheiden alle Bewohner. Ihre Sicht der Dinge liegt oft sehr weit auseinander. Es steht uns ein langer Überzeugungsprozess bevor, der auch scheitern kann. Wer mit dem Gefühl der moralischen Überlegenheit in diesen Diskurs geht, wird sich schnell fühlen wie die arme Seele auf dem Mond.

Politische Personalstrategien

Damals, kurz nach der Implosion der Deutschen Demokratischen Republik, da ging es gar nicht anders. Nachdem der totalitäre Machtanspruch der SED den sprichwörtlichen Bach heruntergegangen war, fehlten in Politik wie Verwaltung Personal. Sowohl für die politischen Ämter wie für die Funktionen in der Bürokratie mussten Bürgerinnen und Bürger gefunden werden, die nicht durch die absolute Parteiherrschaft kontaminiert waren. Die gab es reichlich, denn das Volk ist immer numerisch einer kleinen Herrschaftsclique überlegen. Nur qualifiziert waren sie nicht in Bezug auf ihre neue Verwendung. So kam es, dass plötzlich Chemielehrer Verwaltungschefs wurden, Maßschneiderinnen das Bürgermeisteramt bekleideten oder Vermessungsingenieure zu Landräten wurden. Im Nachhinein betrachtet hat es der Politik sehr gut getan, eine Frischezufuhr aus Vertretern bürgerlicher Berufe zu erhalten. Die Parteien profitierten davon genauso wie die Öffentliche Verwaltung.

Heute, gut zwanzig Jahre später, herrschen wiederum Personalnöte in Politik und Verwaltung. Auf der einen Seite haben die beiden Volksparteien, vor allem die SPD, einen dramatischen Schrumpfungsprozess hinter sich. Bei gleichzeitigem Absinken der Mitgliederzahlen ist die Notwendigkeit, politisches Personal für die Wahrnehmung von Funktionen im politischen System wie im Verwaltungsapparat zu stellen, nahezu gleich geblieben. Die Folge ist eine geringere Auswahl in den eigenen Reihen und damit eine notwendige Absenkung der Qualität, was wiederum zu einem Attraktivitätsverlust in der Bevölkerung führt. Analog sieht es bei den derzeitigen Gewinnern aus, den Grünen. Auch sie haben beträchtliche Probleme bei der Qualität ihres politischen Personals, auch sie sind strategisch überdehnt, aber genau aus dem entgegenstehenden Grund. Ihre immensen Stimmenzuwächse korrespondieren nicht mit der Dimension der vorhandenen Parteibasis.

Die gegenwärtigen starken Tendenzen in der Bevölkerung, selbst die Expertise bei notwendigen politischen Entscheidungen erwerben zu wollen, sind unter anderem auch dem Misstrauen gegenüber der Qualität des politischen Personals im Allgemeinen geschuldet. Die Klage seitens der Parteien, man werde von einer unkalkulierbaren Masse, enthusiasmiert von aktuellen Ereignissen, getrieben, ist nicht in geringem Maße der Unfähigkeit der Klagenden selbst zuzuschreiben, den Eindruck von Entscheidungsstärke und Kompetenz vermitteln zu können. Und der Kontrollverlust in den Parteizentralen wird zumeist dadurch eindrucksvoll dokumentiert, als dass man sich jedem Lüftchen opportunistisch beugt.

Warum, so könnte man fragen, versuchte man nicht, wie damals, im Jahre 1990 im Osten, die Demokratie und damit auch die Parteien zu stärken, indem man diese für Kräfte von außen öffnete. Dem entgegen stehen kann eigentlich nur das Kalkül derer, bei einer größeren Konkurrenz innerhalb der eigenen Partei nicht mehr zum Zuge kommen zu können. Das mag so sein, aber wenn die Parteien nicht weiter auf dem Weg bleiben wollen, ein von allen Beteiligten verachtetes Karrierevehikel zu sein, was ihr Ansehen im Volk schon längst ramponiert hat, dann sollten sie schleunigst umdenken. Das gilt für die Volksparteien ebenso wie für die Gewinner der Stunde, die schleunigst ihren Moralismus aufgeben müssen, wollen sie nicht im Dogmatismus enden.