Die Verwendung von Bildern im Sprachgebrauch einer Gesellschaft spricht Bände. In den einschlägigen Wissenschaften benutzt man für dieses Phänomen den Begriff der Kollektivsymbolik. Es lohnt sich, die verschiedenen Phasen der Moderne aufgrund der in der Sprache verwendeten Bilder zu rekonstruieren, denn man ist ohne großen Aufwand dazu in der Lage, aufgrund der kollektivsymbolischen Verwendungen Rückschlüsse auf den technologischen Zustand und die politischen Verhältnisse der Gesellschaft zu ziehen.
In der Literatur des wilhelminischen Kaiserreiches wie der beiden Weltkriege fallen die vielen Bilder aus der Welt des Militärs und des Krieges auf, ob da von einer Bombenstimmung gesprochen wird, von Blindgängern oder Strandhaubitzen. Analog trifft man es in Bezug auf die Industrialisierung und Mobilität, wo der Sprachgebrauch von Eisenbahnen, Lokomotiven, Dampf und Stahl bevölkert wurde. Und anders geht es uns heute nicht, wo viel die Rede ist von Kommunikationskanälen, Schnittstellen und energetischen Verpuffungen. Anhand der Metaphorik kann man bisweilen sehr deutlich machen, in welcher gesellschaftlichen und technologischen Periode ein Individuum aufgewachsen ist und ob es ihm gelungen ist, das ganze Leben lang zu lernen und gegen die Halbwertzeiten des technischen Wissens anzukämpfen.
Auch die Politik und der Zeitgeist haben der Kollektivsymbolik ihren Stempel aufgedrückt. So verwendete das aufkommende Bürgertum mit der Mongolfière ein nahezu futuristisches Vehikel der Freiheit, der Industrialismus zog mit dem Dampf und der durch sie beschriebenen Maschine zu Felde, die russische Revolution fuhr mit der Lokomotive durch die Weltgeschichte, der Faschismus bevorzugte das archaische Ritual und der Nachkriegskapitalismus wurde nicht selten mit einem schnellen Automobil verglichen. Der politische Wille suchte sich immer ein Kollektivsymbol, mit dem er sich verständlich machen konnte.
Und nun, nachdem wir gelernt haben, uns in Schnittstellen, Festplatten, Formatierungen und Datenautobahnen verständlich zu machen, taucht ein Begriff auf, der nicht in unsere Zeit passt. Der aus der Forstwirtschaft stammende Begriff der Nachhaltigkeit, mit dem das Denken in großen, an den Baumwuchs gebundenen Entwicklungszyklen ausgedrückt werden soll, infiltriert das Ensemble der hochtechnologischen Kollektivsymbole. Mit dem Begriff der Nachhaltigkeit wird zumindest sprachlich die technologische Entwicklung konterkariert und politisch eine Rückkehr zum bäurisch-zyklischen Denken gefordert.
Angesichts so mancher hochtechnologischer Entwicklung, die neben dem intendierten Ergebnis manch ungewollte, destruktive Wirkung nach sich zog, ist eine Rückbesinnung auf natürliche Entwicklungszyklen sicherlich ein zumindest in seiner pädagogischen Dimension ernst zu nehmender Rat. Der inflationäre und an unzähligen Stellen absurde Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs deutet jedoch daraufhin, dass das Kollektivsymbol eine zivilreligiöse, archaische Intention beinhaltet. Die Komplexität unserer Existenz verlangt jedoch eine differenzierte Analyse der verschiedenen Komponenten, und eine strategisch auf die Forstwirtschaft zurückzuführende Betrachtung birgt dann doch wohl eine gehörige Portion Fundamentalismus in sich.
