Archiv für den Monat April 2011

Punches und Jabs gegen die Diskriminierung

Charly Graf mit Armin Himmelrath, Kämpfe Für Dein Leben. Der Boxer und die Kinder vom Waldhof

Wer den Weg von Charly Graf, dem Underdog, dem Besatzerkind aus den Mannheimer Benz Baracken authentisch erzählt bekommen will, der muss dieses Buch lesen. Zusammen mit dem Autor Armin Himmelrath ist ein auf 170 Seiten spannendes Buch entstanden, das einerseits von der direkten Berichterstattung des Ausnahmeboxers selbst lebt und andererseits durch eingeschobene Berichte und Dokumentationen aufgehellt wird, die den mittlerweile schon historischen Hintergrund illustrieren.

Charly Graf hat mit seinem Leben, das aus bürgerlicher Sicht nicht erfolgreich verlaufen ist, zwei eiserne Gesetze des Boxens außer Kraft gesetzt und ist somit eine Ausnahmeerscheinung. Sowohl hat er durch das Erringen der deutschen Meisterschaft quasi aus der Haft heraus das Gesetz des They´ll never come back durchbrochen. Und des Weiteren hat er den weit verbreiteten Spruch der Boxerszene negiert, dass man einen Boxer zwar aus dem Ghetto, das Ghetto aber nie aus dem Boxer herausholen könne. Letzteres macht das bizarre, erschreckende und so wertvolle Leben dieses Underdogs aus, der gegen den Untergang ins Feld zog und nach Punkten deutlich gesiegt hat.

Die hier erzählte Autobiographie mutet an wie aus einer anderen Zeit, eher wie ein Exzerpt aus einer modernen Dreigroschenoper. Die kindliche Existenz in den Baracken, der schnelle Aufstieg durch den Boxsport, die verkommene Moral der Promoter, das Milieu der Zocker und Zuhälter, die missverstandene Liebe, der Knast, die Meuterei und die eigenartige Symbiose mit einem RAF-Terroristen, das Comeback, die Existenz als Viehtreiber im Allgäu und die ungeheuer wertvolle Arbeit in Mannheimer Schulen, in denen er die anspricht, von denen er auch einmal einer war und zu denen er sozial immer noch gehört.

Charly Graf erzählt den Prozess einer schmerzhaften Läuterung, er berichtet, wie er sich durch Bildung einen Grad von Freiheit errungen hat, von dem er vorher nicht ahnte, dass es ihn gibt. Von seinen Enttäuschungen und Niederlagen berichtet er genauso wie von seinen großen Triumphen. Ob der Ali vom Waldhof oder der schwarze Graf, der Boxer Charly Graf passte in viele Klischees und ist dennoch einen Weg gegangen, den letztendlich kein Klischee mehr bedienen kann: Den der Kämpfe und Niederlagen und einer Erkenntnis jenseits aller Boxweisheiten: Dass jedes Individuum seinen Wert hat, dass die menschliche Existenz Respekt verdient und dass Selbstdisziplin und innere Stärke eine Voraussetzung dafür sind, sich von den psychologischen Gravitationskräften der Klassengesellschaft befreien zu können.

Das Buch ist bewegend und geht jedem unter die Haut, der mehr als eine akademische Vorstellung von Armut hat. Es ist ein Beweis von Stärke und Durchsetzungsvermögen, von Charakter und Haltung, erkämpft aus dem Nichts! Charly Graf ist einer der ganz Großen!

Kosmopolitische Befindlichkeiten

In Italien, dem Land der Oper, das von einem Medienzar regiert wird, steht ebendieser zur Zeit vor Gericht wegen seiner berüchtigten Bunga Bunga-Partys und dem Sex mit minderjährigen Prostituierten. Gleichzeitig, quasi aus dem Gerichtsgebäude heraus, erteilt der angeklagte Präsident Befehle Richtung Lampedusa, jener Flüchtlingsinsel südlich von Sizilien, wo mittlerweile auf Ankömmlinge aus Tunesien geschossen wird wie auf die Hasen zur Jagd. In Frankreich, der Grande Nation früherer Zeiten, sucht ein ebenfalls ins Schlingern geratener Präsident sein Heil in der Attacke an allen Fronten. Zunächst stellte er sich beim Volksaufstand in Tunis hinter den Tyrannen Ben Ali und befahl schon die Bomber der Air France in die Luft, um ihnen, nachdem er erkannt hatte, dass das Volk nicht mehr zu bremsen war, das Abdrehen zu befehlen. Auch dieser Präsident bläst zum Halali, und zwar auf die Muslime im eigenen Land, denen er die Fähigkeit zum Code Civil abspricht, was immer das auch heißen mag. Und ihm ist daran gelegen, unbequemen Zeugen schnell das Mundwerk zu stopfen wie im Falle des Gaddafi Sohnes, der im libyschen Fernsehen mal eben ausgeplaudert hat, wie groß die libyschen Summen doch waren, die die Wahlkampfkosten des französischen Präsidenten gedeckt haben. Seit dieser Ansprache ward der Mann nicht mehr gesehen und die Bomber der Air France drehten auch bekanntlich nicht mehr ab.

Im kleinen Belgien hingegen kommt es zu gar keiner Regierung mehr, dort ist die so genannte Frittenrevolution ausgebrochen in zwei großen Volksgruppen, die sich zwar nicht sonderlich grün sind, aber einig über die furchtbare Qualität der politischen Klasse. In Portugal hat der Präsident alles hingeschmissen, weil der Rest des Parlamentes nicht einsehen will, dass man den Gürtel enger schnallen soll. Und in den Niederlanden, der einstigen Oase von Liberalität und Weltläufigkeit, ist man ermüdet von dem Anblick der vielen Coffee Shops und Kopftücher und will etwas mehr Ruhe und Ordnung, was immer das auch bedeuten mag.

In Deutschland, so heißt es mal wieder, wie schon so oft, kann es nach Fukushima nicht so weiter gehen wie bisher. Das Volk ist betroffen und die Politiker wären suizidal, täten sie es den Bewegten nicht gleich. The German Angst schwingt wie ein Diktator unerbittlich das Zepter auch über die Köpfe derer, die sich ihr Recht nicht absprechen lassen wollen, letztere und damit ihren Verstand zu benutzen. Es ist mal wieder Demagogenzeit und die Luft zum freien Atmen ziemlich dünn.

Im fernen Amerika, wo unsere Befreier wohnen, kämpft der Mann im Weißen Haus einen einsamen Kampf gegen eine moderne Reconquista, die sich auch noch Tea Party nennt. Er will weitermachen, ließ er jetzt verkünden, und er ist gut beraten, denn ein guter Boxer, der in der Ecke steht, der lässt nicht einfach die Arme sinken!

Und in China, dem Land, das so große Sprünge macht, da wächst mit der wirtschaftlichen Prosperität die Angst vor dem schleichenden Gift der Kritik und der Skepsis, die die Befreiung von den schlimmsten Nöten als Trend mit sich bringt. Da werden die Mächtigen mächtig lernen müssen, wollen sie nicht von den Geistern, die sie riefen, überrollt werden.

Verschmähte Eliten

Eine eigenartige, so gar nicht mit den Kassandrarufen der offiziellen Bulletins korrespondierende Entwicklung verschattet die Zukunft der Republik. Der hysterische Verweis auf die Demographie, deren Entwicklung uns auch die Eliten nähme, derer eine hoch komplexe Zivilisation bedarf, scheint sich als ein Manöver zu entpuppen, das schon im alten Rom von den numerisch abnehmenden Patrizierfamilien befolgt wurde. Der vermeintlich ausbleibende Nachwuchs bezog sich nur auf die Abnahme des eigenen Blutes und damit der Furcht, das Spiel der Macht nicht mehr vollständig alleine beherrschen zu können. Aber schon in der Geschichte Roms zeigte sich, dass es auch anders ging und dass eine republikanische Definition des Staatswesens sich nicht reduzieren lässt auf genetische Linien der Machtausübung.

In unserer Republik, die gegenwärtig noch mit ganz anderen Dingen zu kämpfen hat, die eine demokratische Erosion zur Folge haben könnten, sehen wir eben diese alt eingesessene Elite, wie sie dabei ist, ihren numerisch abnehmenden Nachwuchs von den allgemeinen Höfen einer gesellschaftlichen Sozialisierung zu separieren. Closed Shop-Kindergärten, Privatschulen, exklusive Internate und sozial codifizierte Sportvereine sind zu Foren einer Nachwuchsförderung geworden, die das allgemeine Volk gezielt ausschließen und die dort betreuten Zielgruppen von den Erfahrungswerten des Restes der Gesellschaft isolieren. Die Zeiten, dass man die Schulbänke zusammen mit Bergarbeiter- und Fabrikbesitzerkindern drückte, zusammen Fußball spielte und sich hinterher im Leben noch treffen konnte und auf eine gemeinsame Sprache zurückgreifen konnte, sind für die hermetisch abgeschirmten Bildungseliten Vergangenheit. Sie werden, wenn sie einmal in Macht und Position sein werden, nicht nur nicht mehr begreifen, welche Nöte und Sorgen diejenigen haben, die das harte Brot der Armut essen mussten, sondern sie werden auch nicht mehr in der Lage sein, mit diesen Menschen zu kommunizieren. Insofern sind die deutsch-nationalen Strategien der Elitenbildung nicht nur egoistisch, sondern auch beschränkt und wenig weitsichtig.

Auf der dunklen Seite des Mondes, aus den Mietskasernen, Fabrikhallen und Billiglohnsektoren heraus haben sich hingegen mittlerweile zwei Generationen von Migrantenkindern durchaus zu einem ansehnlichen Teil aufgrund ihrer Qualifikation und sozialen Erfahrung zu dem entwickelt, was man als eingelöstes Anforderungsprofil einer Leistungselite bezeichnen könnte. Ihre Eltern kam noch als einfache Arbeiter aus Anatolien, sie selbst wuchsen in den so falsch bezeichneten prekären Quartieren der großen Städte auf, erkämpften sich Zugang zu Bildung gegen Vorurteile der Deutschen und falsch verstandene Tradition der eigenen Herkunft, qualifizierten sich in hohem Maße, sprechen mehreer Sprachen und verfügen in den meisten Fällen über soziale Empathie. Dennoch haben sie keine Chance, ihre ungezählten Bewerbungen scheitern an einem Ü zuviel im Namen, ihrem orientalischen Aussehen oder am zu starken Bartwuchs. Viele von ihnen, zu viele, sind bereits gegangen, nach Izmir oder Istanbul oder sonst wo hin. Sie haben dort, wo sie aufwuchsen und sich erfolgreich durchsetzen konnten, in den wichtigen Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft keine Chance. Nicht dafür zu kämpfen, dass sie sie doch noch bekommen, wäre unrepublikanisch!