Archiv für den Monat April 2011

Exportbier und Sozialdemokratie

Wohin man auch schaut, ob in die Herzkammern der deutschen Sozialdemokratie im Ruhrgebiet und in Berlin, in die traditionellen Domänen in Nordeuropa und die Länder der späten Liebe wie Portugal, Italien und Spanien: Die tatsächlichen Mitglieder- und Wählerzahlen genauso wie die Meinungsumfragen und Prognosen attestieren einen numerischen Rückgang, der erheblichen Gewichtsverlust in der politischen Bedeutung nach sich zieht. Es ist fast so wie mit dem klassischen Getränk des Industriearbeiters: Mit dem Aussterben seiner Gattung sinkt der Konsum des guten alten Exportbieres. Als hätten Sozialwissenschaftler aus pädagogischen Zwecken eine skurrile Korrelation erdacht, sinkt die Bedeutung der großen Massenpartei mit dem Konsum an Exportbier.

Und selbst in dem Stronghold der deutschen Sozialdemokratie trinkt man heute lieber Bananenweizen oder selbiges mit Maracujageschmack. Die Nerven des Nachwuchses würden das bitter-hopfige Gebräu der proletarischen Vorfahren nicht mehr schmecken wollen. Was sich zunächst als Schmankerl lesen mag, ist eine tatsächlich bittere Entwicklung der neueren Geschichte. Die Sozialdemokratie als großer Volkspartei, als Ko-Architekt der nachfaschistischen Demokratie in Deutschland, als Zivilisierer des ungebändigten Kapitalismus und nie verantwortungsscheuer Regierungspartei geht mit dem Postheroismus der nach-industriellen Gesellschaft die Puste aus.

Längst haben sich Kräfte rechts und links dieser Partei etabliert, denen eine Verantwortung für das gesamt-gesellschaftliche Zusammenleben seit langem abgehen, die nur ihren eigenen, partikularen Vorteil im Auge haben und sich schon gar nicht um die scheren, die seit langem keine Chance mehr sehen. Mit dem Verschwinden des klassischen industriellen Proletariats evaporierte auch die Vorstellung eines staatlich gelenkten Sozialwesens und es taten sich alle die leichter, die keine Programmatik für das Ganze mehr zu Papier brachten.

Die Sozialdemokratie unterlag in dieser Situation dem Trugschluss, dass im Nacheifern nach den Gewinnern des Wandels das Mittel hätte liegen können, um den Niedergang aufzuhalten. Genau das jedoch gereicht nun zu einem strategisch kaum noch auszubügelnden Fehler: Nun, da die Kurzatmigkeit der politischen Emporkömmlinge mehr und mehr Überdruss und Aggression im Wählervolk hervorruft, wartet die Sozialdemokratie oftmals mit einem Personal auf, das sich von den Parvenüs durch nichts unterscheidet. Sie sehen aus wie Parvenüs und sie reden so, sie haben keinen Schimmer von der Komplexität der Gesellschaft und ihnen fehlt das Vokabular wie der Geruch, um sich überhaupt noch mit denen unterhalten zu können, die die Partei wieder nach Oben bringen könnten. Von Karl Marx stammte der vielsagende Satz, dass in der Geschichte immer alles zweimal geschehe, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Die Tragödie lag in dem strategischen Fehler, auf Entmündigung der Massen und Vereinfachung der Programmatik zu setzen. Die Farce könnte darin bestehen, den Epigonen Exportbier bis zum Abwinken vorzusetzen.

Weltbananenpreis und Kokainhandel

Wir leben, so heißt es, im Kommunikations- und Informationszeitalter. Sieht man sich die Oberfläche, d.h. das Vorhandensein von Zugängen zu Informationen und die tatsächlich stattfindenden, vor allem elektronisch dokumentierbaren Kommunikationsprozesse an, dann muss man diese Aussage verifizieren. Dennoch kommen immer wieder Zweifel auf, wenn sich die Qualität dessen zeigt, was an Urteil oder Entscheidung trotz der nahezu unbegrenzten Zugriffe auf Informationen zustande kommt. Um einen Terminus aus der Philosophiegeschichte zu reaktivieren, befinden wir uns zumeist auf der phänomenologischen Ebene, wenn Zusammenhänge erklärt werden sollen. Da scheinen die Zeiten der analog zur naturwissenschaftlichen Analyse, die streng vorging nach Beschreibung, Faktorenbenennung und Untersuchung ihrer Wirkungsweise und einer hypothetischen Annahme, endgültig vorbei zu sein. Stattdessen werden Erscheinungen beschrieben und als dem Wesen entsprechend gedeutet.

Systemische Zusammenhänge spielen in der Politik unserer Tage in der öffentlichen Diskussion eine immer geringere Rolle. Das hängt mit der oben beschriebenen Reduktion auf die phänomenologische Ebene zusammen. Um ein Beispiel zu aktivieren, das nicht neu, aber sehr gut dazu geeignet ist, wie manche Dinge zusammenhängen und wie sie versucht werden politisch zu lösen, nehmen wir das Problem des kriminell organisierten Kokainhandels. Politische Ansätze verfahren mit dem Problem des Drogenimports und ihres Konsums zumeist nach dem Muster der Illegalisierung und Kriminalisierung. Das kann man so machen, löst aber, wie wir seit Jahrzehnten sehen, nicht das Problem.

Viele Faktoren spielen eine Rolle, die berücksichtigt werden müssten. Zum einen muss man feststellen, dass eine die subjektive Beschleunigung stimulierende Droge in der Epoche der Akzeleration eine durchaus kompatible Droge für das Gefühl der Zeit ist. Zum anderen sind durch den Preis und die Exklusivität der Droge immer wieder Konsumenten im Geflecht des geschäftlichen Ablaufs, die einen Zugriff auf die Exekutivorgane des staatlichen Apparates haben und somit eine erfolgreiche Bekämpfung verhindern können. Zudem fließen die Gelder aus dem Handel nicht selten in die Propagandaagenturen derer, die den Handel eigentlich verfolgen müssten.

Das eigentliche Problem liegt jedoch in der Produktion. Die kolumbianischen Bauern, die heute die Kokapflanzen anbauen, konnten nie von dem Preis, der ihnen auf dem Weltmarkt für ihre Bananen geboten wurde, vernünftig leben. Preiskartelle und protektionistische Zollpolitik hatten dazu geführt, dass die Bauern ein chronisches Dasein unter dem Existenzminimum fristen mussten. So wäre, ob man es glaubt oder nicht, ein fairer Bananenpreis ein erster Schritt, um sich wirkungsvoll dem Problem des Weltkokainhandels zu widmen. Natürlich nicht der einzige, aber der erste. Folgen müsste die Zerschlagung der Kartelle, was militärisch kein Problem darstellen sollte, bei Öl ist eine praktische Handlungskompetenz durchaus zu beobachten. Und dann ginge es um die Bekämpfung der Korruption in den Marktzentren. Und vielleicht sollten wir uns daran machen, die Ideologie der unbeschränkten Beschleunigung ebenfalls einer kritischen Untersuchung zu unterwerfen.

Der Einpunktstrahler

Die wachsende Komplexität unseres Daseins hat unterschiedliche Reaktionen zur Folge. Manche haben regelrecht ein Lustgefühl an der Unüberschaubarkeit der Dinge gefunden und gefallen sich darin, die beteiligten Zeitgenossen dadurch zu überfordern, dass sie jede Möglichkeit nutzen, um alles noch komplizierter zu gestalten, als es schon ist. Dann werden abstruse Einzelfälle mit in die Diskussion aufgenommen, deren Wahrscheinlichkeit mehr als gering ist oder es geht um Präzedenzdiskussionen, die von Bedingungen ausgehen, die schon lange nicht mehr gelten.

Die große Kunst liegt jedoch in der Reduktion von Komplexität. Dabei geht es vor allem darum, Probleme oder Aufgaben auf das Wesentliche zu reduzieren, ohne dabei wichtige Aspekte aufzugeben. Die Fähigkeit, dieses zu tun, ist selten, und selbst unter Führungskräften und Politikern nicht allzu sehr verbreitet. Dabei handelt es sich bei dieser Kompetenz neben der anderen zentralen, nämlich Entscheidungen fällen zu können, um eine Vorbedingung, um an gehobener Stelle zu führen und zu verantworten.

Das Gros der Menschen verlangt aber die Reduktion von Komplexität, weil es ansonsten unser Dasein nicht mehr versteht. So ist es kein Wunder, dass die Reduktoren von Komplexität wie Pilze aus dem Boden schießen. Was sie allerdings der Öffentlichkeit präsentieren, sind kein das Wesen der Sache beinhaltenden Denkmodelle, sondern einfache Partikularinteressen. Plötzlich sehen wir uns Phänomenen gegenüber, die seriös gehandelt werden, aber aufgrund ihrer methodologischen Verwegenheit eher in das Reich der Sekten gehören.

Obwohl jedes Partikularinteresse einen berechtigten Stellenwert in der Komplexität unserer Welt hat, ist seine Verabsolutierung etwas Abscheuliches. Das hören wir, dass das ganze Übel dieser Welt an der Atomenergie hängt, andere wiederum lassen uns wissen, dass die Barrieren in unserem Alltagsleben nicht nur am physischen Zugang, sondern auch an allem anderen hindern, dass der Konsum von Fleisch die Mensch- und Tierwelt versklavt, das Inhalieren von Tabak die neue Pest heraufbeschwört, die Nutzung des Automobils die Welt dem Untergang entgegen treibt, der Zuckerkonsum die menschliche Gattung bedroht oder zuwenig Schulsozialarbeiter die Klassengesellschaft in ihr finales Stadium treibt.

Individuen, die sich einer dieser reduktionistischen Lebenserklärungen verschrieben haben, funktionieren wie Einpunktstrahler, monothematisch verweisen sie auf ihr eigenes und einziges Anliegen, ansonsten schalten sie ab. Auf den Hinweis, dass die Welt vielleicht doch etwas komplizierter ist und das eine oder andere nicht ohne seine Wechselwirkung erklärt werden kann, reagieren sie mit Ignoranz. Umso schlimmer, dass manche politische Parteien wie Container gesammelter Einzelinteressen dastehen, ohne auf einen komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu verweisen. Momentan haben die Kollektoren von reduktionistischen Weltbildern Konjunktur. Hoffen wir, dass es eine temporäre Erscheinung ist!