Archiv für den Monat April 2011

Kopf, Bauch und Seele

Willie Nelson, Norah Jones, Wynton Marsalis. Here We Go Again: Celebrating The Genius Of Ray Charles

Nach ihrem Erfolg mit dem Album Two Men And The Blues aus dem Jahr 2008, das auch beiden Akteuren ungeheuren Spaß gemacht haben muss, haben sich die beiden Ikonen wieder zusammengesetzt und einen Live-Auftritt hingelegt, der alles mitbringt, um gute Laune zu erzeugen. Willie Nelson und Wynton Marsalis haben zu dieser Session, die dank der Professionalität von Marsalis und dem Bauchgefühl Nelsons qualitativ alles andere als eine spontane Jam wurde, noch die Sängerin Norah Jones eingeladen. Was dabei herauskam ist fürwahr eine Hommage an Ray Charles, dessen Songs seit langem zum Standardrepertoire gehören, wenn die Musik der USA im 20. Jahrhundert Thema ist.

Und wie das Werk Ray Charles ist auch die von den drei Ausnahmemusikern gewählte Dramaturgie ein Querschnitt durch die Befindlichkeiten. Von Ohrwürmern wie Hallelujah I Love Her So, das genauso intoniert wird wie ein ausgelassener Gospel-Gottesdienst an einem sonnigen Sonntag, aber dann doch mit Trompeten- und Saxophonsequenzen kurzweilig in den Cool Jazz gehoben wird, bis hin zu verzweifelten Stücken wie Losing Hand, in dem schwerbluesig das Schicksal der Outcasts beweint wird, ist alles vertreten. Man merkt, dass Marsalis und Nelson an ihrem Konzept festhalten, bestimmte Musiker und Genres dem Publikum so darzubieten, wie sie aus ihrer Sicht in einer Anthologie der modernen Musik Amerikas zu bewerten wären. Das tun sie mit der amerikanischen Fähigkeit, pädagogische Vorhaben mit Spaß und exzellenter Laune umzusetzen.

Den Kontrapunkt zu der meisterhaften maskulinen Inszenierung bietet Norah Jones, der es gelingt, bei Stücken wie Come Rain Or Come Shine oder Cryin Time mit einer angeborenen Rhythmik und ungeheurem Sentiment den femininen Anteil dieses Genres kraft- und gefühlvoll zum Ausdruck zu bringen. Sollte man bei der Inszenierung der drei eine Zuordnung wagen können, dann ist die Wahl der Musiker allein eine geniale Komposition. Marsalis (Kopf), Nelson (Bauch) und Jones (Seele) bringen alles mit, was den Genius des Phänomens Ray Charles so einzigartig machte.

Das Vorhaben Wynton Marsalis, den Jazz und seine Derivate zur Klassik der amerikanischen Moderne zu erklären und als solches auch pädagogisch weiterzuvermitteln, hat in vor allem in der Jazzwelt zu großen Auseinandersetzungen geführt, weil viele befürchteten, er verfrachte die amerikanische Musik der Straße und der Bars in sterile Museen. Two Men With The Blues und Here We Go Again demonstrieren das Gegenteil: Marsalis und sein kongenialer Mitspieler Willie Nelson sowie in diesem Fall Norah Jones inszenieren die Stücke von Ray Charles so, dass man mittanzt und sich trotzdem Gedanken darüber macht, was das historisch alles zu bedeuten hatte.

Macht, Intrige und tiefe Melancholie

Rom. Die zweite Staffel

Die zweite Staffel der Serie Roms greift den Faden nach Caesars Ermordung auf und führt in die Machtkämpfe, Wirren und Intrigen um die Nachfolge des großen Imperators. Es bilden sich kongeniale Konkurrenzpaare wie Marc Anton und Octavian, deren Gemeinsamkeit mit dem Niedergang des Brutus endet, wie Atia und Cleopatra, die eine eine virtuose Intrigantin, die andere eine trunkene Jongleurin der Macht selbst, aber auch die so unterschiedlichen Freunde Vorenus und Pullo.

Was sich bereits in der ersten Staffel angedeutet hat, wird in der zweiten eine richtige Stärke: Die Fähigkeit, die in den Büchern festgehaltene Weltgeschichte als Problemstellung des Alltags bei den kleinen Leuten erkennen zu können. Die Vorstellung, es gäbe auf der einen Seite die große Bühne der Mächtigen, deren Stück nichts mit dem des gemeinen Volkes zu tun hat, wird nachdrücklich verneint. Die Machtkämpfe und familiären Intrigen einer Atia, die Balance zwischen Eitelkeit und Staatsräson eines Cicero und die Nonchalance eines Marc Anton finden durchaus ihre Entsprechungen in der Berechnung, mit der die Sklavin die Liebe des Pullo zerstört, oder in der Staatsräson, die aus Vorenos Rede zugunsten der Ordnung auf dem Appenin hält oder der Libertinage, der sich die wohl erzogenen Töchter aus dem Quartier hingeben.

Das, was sich die große Geschichte nennt, verliert in der zweiten Staffel immer mehr an Bedeutung, die Niederlage des Brutus oder Mark Antons sind noch Zäsuren, die in der Handlung eine formale Funktion haben, das eigentlichen Sittengemälde des Großen Roms jener Zeit wird auf der Leinwand der Profanität gemalt. Die Wirkung ist stark, denn die Leere Abstraktion mancher Historiographie weicht zugunsten einer strukturalistischen Betrachtung der real existierenden Lebenswelt.

Wir sehen Graffitis an den Wänden der römischen Gassen, die in ihren politischen Aussagen beißender sind als das, was wir heute kennen. Wir erleben Geschäftsabsprachen, die die Modalitäten der Mafia, Camorra oder Ndrangheta vorwegnehmen, am ägyptischen Hof (sic!) bekommen wir in Form von Orgien und Drogenkonsum das zu sehen, was heutzutage oft als spät-römische Dekadenz diffamiert wird. Und wir sehen einen Nachrichtensprecher, der vor dem Forum steht und eine Ahnung davon vermittelt, wie groß die Rolle der Rhetorik war in einer Welt, in der die Botschafter noch nicht entleibt waren durch technische Medien, sprich die Botschaft noch etwas Humanes hatte, und nicht zu einer objektiven Größe ohne Grund mutiert war.

Das alles sind Gaumenschmäuse, die nur ein Vergleich mit tradierten filmischen Darstellungen Roms als historischem Paradigma zulässt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino, weil es dazu anregt, sich großer Geschichte philosophisch zu nähern, mit einem großen Verständnis für die alles beherrschende Rolle des Alltäglichen.

Der große Paradigmenwechsel

Epochen haben ihren geistigen Überbau. Damit sind Denk-, Erklärungsansätze und Funktionsmuster gemeint, die das Handeln der Menschen und ihrer Gesellschaften dominieren und ihnen die Welt erklären. In den vor-aufklärerischen Gesellschaften wurde dieses in der Regel durch Religionen oder Animismen geleistet. Die Industriegesellschaften des Westens als Ergebnis der Aufklärung folgten im Wesentlichen der cartesianischen Logik. Ihr Denken basiert auf logischer Folgerichtigkeit, die aus Kausalität resultiert und sie orientiert sich an Mess- und Quantifizierbarem. Die Moderne des Westens war exklusiv eine Angelegenheit der linken Hirnhälfte: Zählen, Messen, Terminieren, Wiegen, Resultate.

Die so genannte Post-Moderne des Westens steht vor dem Dilemma, das mit der erneuten Globalisierung Phänomene in Weltwirtschaft wie Politik drängen, die mit den Mitteln der cartesianischen Logik nicht mehr unbedingt erklärt werden können. Nimmt man die Weltkarte, so fällt auf, dass der geistige Überbau auf dem Globus analog zu unserem Kopf quasi eine rechte und linke Hirnhälfte ausweist. Die Länder des Orients und Asiens werden dominiert von einer holistischen Denkweise. Sie basiert auf der Kenntnis systemischer Zusammenhänge, der Begutachtung von Prozessen und der Befindlichkeit der interagierenden Subjekte. Da wird mehr gefühlt als gemessen, mehr kombiniert als segregiert und weniger terminiert als die Geduld erprobt.

Die Globalisierung hat zur Folge, dass die geographische Entfernung zweier unterschiedlicher, im besten Falle symbiotisch funktionierender Denkweisen sehr nah aufeinander gerückt sind und einen Kampf um Dominanz führen, der an jedem Ort der Erde anders entschieden werden kann und keine geographisch-politische Blockbildung mehr hervorrufen muss. Im kalifornischen Silicon Valley konnten sich Systemiker eine epochale Dominanz erwerben, während sich in Afghanistan barbarische Monolithen wie die Taliban beträchtlich lange halten konnten. Dennoch sind Tendenzen identifizierbar, die die Dominanz der östlichen Denkweise im pazifischen Raum noch heute konstatieren lässt und die der linken Hirnhälfte in der atlantischen Sphäre, während die Bedeutung der pazifischen zu- und die der atlantischen abnimmt.

Das strategisch absehbare Ende der cartesianischen Logik sollte für die Länder des Westens und ihre Bildungssysteme Konsequenzen haben. Was in der PISA-Studie bereits vor zehn Jahre moniert wurde, stellt sich als ein zeitgemäßes Testat heraus. Die mangelnde Fähigkeit von Schülerinnen und Schülern des Westens, theoretische Kenntnisse in der Praxis anwenden zu können, lässt die puristische Konzeption Descartes immer noch durchschimmern. Die Trennung von Theorie und Praxis bis hin zur sozialen Klassenaufteilung der Gesellschaft ist eine Spezialität des Westens, die ihm in der globalen Konkurrenz teuer zu stehen kommt. Wer seine Erfahrungswelten absondert und isoliert, der verliert seine Fähigkeit, unmittelbar auf die Gesellschaft wirken zu können. Studieren kann man das täglich, zu Konsequenzen hat es bislang nicht geführt.