Der große Paradigmenwechsel

Epochen haben ihren geistigen Überbau. Damit sind Denk-, Erklärungsansätze und Funktionsmuster gemeint, die das Handeln der Menschen und ihrer Gesellschaften dominieren und ihnen die Welt erklären. In den vor-aufklärerischen Gesellschaften wurde dieses in der Regel durch Religionen oder Animismen geleistet. Die Industriegesellschaften des Westens als Ergebnis der Aufklärung folgten im Wesentlichen der cartesianischen Logik. Ihr Denken basiert auf logischer Folgerichtigkeit, die aus Kausalität resultiert und sie orientiert sich an Mess- und Quantifizierbarem. Die Moderne des Westens war exklusiv eine Angelegenheit der linken Hirnhälfte: Zählen, Messen, Terminieren, Wiegen, Resultate.

Die so genannte Post-Moderne des Westens steht vor dem Dilemma, das mit der erneuten Globalisierung Phänomene in Weltwirtschaft wie Politik drängen, die mit den Mitteln der cartesianischen Logik nicht mehr unbedingt erklärt werden können. Nimmt man die Weltkarte, so fällt auf, dass der geistige Überbau auf dem Globus analog zu unserem Kopf quasi eine rechte und linke Hirnhälfte ausweist. Die Länder des Orients und Asiens werden dominiert von einer holistischen Denkweise. Sie basiert auf der Kenntnis systemischer Zusammenhänge, der Begutachtung von Prozessen und der Befindlichkeit der interagierenden Subjekte. Da wird mehr gefühlt als gemessen, mehr kombiniert als segregiert und weniger terminiert als die Geduld erprobt.

Die Globalisierung hat zur Folge, dass die geographische Entfernung zweier unterschiedlicher, im besten Falle symbiotisch funktionierender Denkweisen sehr nah aufeinander gerückt sind und einen Kampf um Dominanz führen, der an jedem Ort der Erde anders entschieden werden kann und keine geographisch-politische Blockbildung mehr hervorrufen muss. Im kalifornischen Silicon Valley konnten sich Systemiker eine epochale Dominanz erwerben, während sich in Afghanistan barbarische Monolithen wie die Taliban beträchtlich lange halten konnten. Dennoch sind Tendenzen identifizierbar, die die Dominanz der östlichen Denkweise im pazifischen Raum noch heute konstatieren lässt und die der linken Hirnhälfte in der atlantischen Sphäre, während die Bedeutung der pazifischen zu- und die der atlantischen abnimmt.

Das strategisch absehbare Ende der cartesianischen Logik sollte für die Länder des Westens und ihre Bildungssysteme Konsequenzen haben. Was in der PISA-Studie bereits vor zehn Jahre moniert wurde, stellt sich als ein zeitgemäßes Testat heraus. Die mangelnde Fähigkeit von Schülerinnen und Schülern des Westens, theoretische Kenntnisse in der Praxis anwenden zu können, lässt die puristische Konzeption Descartes immer noch durchschimmern. Die Trennung von Theorie und Praxis bis hin zur sozialen Klassenaufteilung der Gesellschaft ist eine Spezialität des Westens, die ihm in der globalen Konkurrenz teuer zu stehen kommt. Wer seine Erfahrungswelten absondert und isoliert, der verliert seine Fähigkeit, unmittelbar auf die Gesellschaft wirken zu können. Studieren kann man das täglich, zu Konsequenzen hat es bislang nicht geführt.