Exportbier und Sozialdemokratie

Wohin man auch schaut, ob in die Herzkammern der deutschen Sozialdemokratie im Ruhrgebiet und in Berlin, in die traditionellen Domänen in Nordeuropa und die Länder der späten Liebe wie Portugal, Italien und Spanien: Die tatsächlichen Mitglieder- und Wählerzahlen genauso wie die Meinungsumfragen und Prognosen attestieren einen numerischen Rückgang, der erheblichen Gewichtsverlust in der politischen Bedeutung nach sich zieht. Es ist fast so wie mit dem klassischen Getränk des Industriearbeiters: Mit dem Aussterben seiner Gattung sinkt der Konsum des guten alten Exportbieres. Als hätten Sozialwissenschaftler aus pädagogischen Zwecken eine skurrile Korrelation erdacht, sinkt die Bedeutung der großen Massenpartei mit dem Konsum an Exportbier.

Und selbst in dem Stronghold der deutschen Sozialdemokratie trinkt man heute lieber Bananenweizen oder selbiges mit Maracujageschmack. Die Nerven des Nachwuchses würden das bitter-hopfige Gebräu der proletarischen Vorfahren nicht mehr schmecken wollen. Was sich zunächst als Schmankerl lesen mag, ist eine tatsächlich bittere Entwicklung der neueren Geschichte. Die Sozialdemokratie als großer Volkspartei, als Ko-Architekt der nachfaschistischen Demokratie in Deutschland, als Zivilisierer des ungebändigten Kapitalismus und nie verantwortungsscheuer Regierungspartei geht mit dem Postheroismus der nach-industriellen Gesellschaft die Puste aus.

Längst haben sich Kräfte rechts und links dieser Partei etabliert, denen eine Verantwortung für das gesamt-gesellschaftliche Zusammenleben seit langem abgehen, die nur ihren eigenen, partikularen Vorteil im Auge haben und sich schon gar nicht um die scheren, die seit langem keine Chance mehr sehen. Mit dem Verschwinden des klassischen industriellen Proletariats evaporierte auch die Vorstellung eines staatlich gelenkten Sozialwesens und es taten sich alle die leichter, die keine Programmatik für das Ganze mehr zu Papier brachten.

Die Sozialdemokratie unterlag in dieser Situation dem Trugschluss, dass im Nacheifern nach den Gewinnern des Wandels das Mittel hätte liegen können, um den Niedergang aufzuhalten. Genau das jedoch gereicht nun zu einem strategisch kaum noch auszubügelnden Fehler: Nun, da die Kurzatmigkeit der politischen Emporkömmlinge mehr und mehr Überdruss und Aggression im Wählervolk hervorruft, wartet die Sozialdemokratie oftmals mit einem Personal auf, das sich von den Parvenüs durch nichts unterscheidet. Sie sehen aus wie Parvenüs und sie reden so, sie haben keinen Schimmer von der Komplexität der Gesellschaft und ihnen fehlt das Vokabular wie der Geruch, um sich überhaupt noch mit denen unterhalten zu können, die die Partei wieder nach Oben bringen könnten. Von Karl Marx stammte der vielsagende Satz, dass in der Geschichte immer alles zweimal geschehe, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Die Tragödie lag in dem strategischen Fehler, auf Entmündigung der Massen und Vereinfachung der Programmatik zu setzen. Die Farce könnte darin bestehen, den Epigonen Exportbier bis zum Abwinken vorzusetzen.