Wir leben, so heißt es, im Kommunikations- und Informationszeitalter. Sieht man sich die Oberfläche, d.h. das Vorhandensein von Zugängen zu Informationen und die tatsächlich stattfindenden, vor allem elektronisch dokumentierbaren Kommunikationsprozesse an, dann muss man diese Aussage verifizieren. Dennoch kommen immer wieder Zweifel auf, wenn sich die Qualität dessen zeigt, was an Urteil oder Entscheidung trotz der nahezu unbegrenzten Zugriffe auf Informationen zustande kommt. Um einen Terminus aus der Philosophiegeschichte zu reaktivieren, befinden wir uns zumeist auf der phänomenologischen Ebene, wenn Zusammenhänge erklärt werden sollen. Da scheinen die Zeiten der analog zur naturwissenschaftlichen Analyse, die streng vorging nach Beschreibung, Faktorenbenennung und Untersuchung ihrer Wirkungsweise und einer hypothetischen Annahme, endgültig vorbei zu sein. Stattdessen werden Erscheinungen beschrieben und als dem Wesen entsprechend gedeutet.
Systemische Zusammenhänge spielen in der Politik unserer Tage in der öffentlichen Diskussion eine immer geringere Rolle. Das hängt mit der oben beschriebenen Reduktion auf die phänomenologische Ebene zusammen. Um ein Beispiel zu aktivieren, das nicht neu, aber sehr gut dazu geeignet ist, wie manche Dinge zusammenhängen und wie sie versucht werden politisch zu lösen, nehmen wir das Problem des kriminell organisierten Kokainhandels. Politische Ansätze verfahren mit dem Problem des Drogenimports und ihres Konsums zumeist nach dem Muster der Illegalisierung und Kriminalisierung. Das kann man so machen, löst aber, wie wir seit Jahrzehnten sehen, nicht das Problem.
Viele Faktoren spielen eine Rolle, die berücksichtigt werden müssten. Zum einen muss man feststellen, dass eine die subjektive Beschleunigung stimulierende Droge in der Epoche der Akzeleration eine durchaus kompatible Droge für das Gefühl der Zeit ist. Zum anderen sind durch den Preis und die Exklusivität der Droge immer wieder Konsumenten im Geflecht des geschäftlichen Ablaufs, die einen Zugriff auf die Exekutivorgane des staatlichen Apparates haben und somit eine erfolgreiche Bekämpfung verhindern können. Zudem fließen die Gelder aus dem Handel nicht selten in die Propagandaagenturen derer, die den Handel eigentlich verfolgen müssten.
Das eigentliche Problem liegt jedoch in der Produktion. Die kolumbianischen Bauern, die heute die Kokapflanzen anbauen, konnten nie von dem Preis, der ihnen auf dem Weltmarkt für ihre Bananen geboten wurde, vernünftig leben. Preiskartelle und protektionistische Zollpolitik hatten dazu geführt, dass die Bauern ein chronisches Dasein unter dem Existenzminimum fristen mussten. So wäre, ob man es glaubt oder nicht, ein fairer Bananenpreis ein erster Schritt, um sich wirkungsvoll dem Problem des Weltkokainhandels zu widmen. Natürlich nicht der einzige, aber der erste. Folgen müsste die Zerschlagung der Kartelle, was militärisch kein Problem darstellen sollte, bei Öl ist eine praktische Handlungskompetenz durchaus zu beobachten. Und dann ginge es um die Bekämpfung der Korruption in den Marktzentren. Und vielleicht sollten wir uns daran machen, die Ideologie der unbeschränkten Beschleunigung ebenfalls einer kritischen Untersuchung zu unterwerfen.
