Der Einpunktstrahler

Die wachsende Komplexität unseres Daseins hat unterschiedliche Reaktionen zur Folge. Manche haben regelrecht ein Lustgefühl an der Unüberschaubarkeit der Dinge gefunden und gefallen sich darin, die beteiligten Zeitgenossen dadurch zu überfordern, dass sie jede Möglichkeit nutzen, um alles noch komplizierter zu gestalten, als es schon ist. Dann werden abstruse Einzelfälle mit in die Diskussion aufgenommen, deren Wahrscheinlichkeit mehr als gering ist oder es geht um Präzedenzdiskussionen, die von Bedingungen ausgehen, die schon lange nicht mehr gelten.

Die große Kunst liegt jedoch in der Reduktion von Komplexität. Dabei geht es vor allem darum, Probleme oder Aufgaben auf das Wesentliche zu reduzieren, ohne dabei wichtige Aspekte aufzugeben. Die Fähigkeit, dieses zu tun, ist selten, und selbst unter Führungskräften und Politikern nicht allzu sehr verbreitet. Dabei handelt es sich bei dieser Kompetenz neben der anderen zentralen, nämlich Entscheidungen fällen zu können, um eine Vorbedingung, um an gehobener Stelle zu führen und zu verantworten.

Das Gros der Menschen verlangt aber die Reduktion von Komplexität, weil es ansonsten unser Dasein nicht mehr versteht. So ist es kein Wunder, dass die Reduktoren von Komplexität wie Pilze aus dem Boden schießen. Was sie allerdings der Öffentlichkeit präsentieren, sind kein das Wesen der Sache beinhaltenden Denkmodelle, sondern einfache Partikularinteressen. Plötzlich sehen wir uns Phänomenen gegenüber, die seriös gehandelt werden, aber aufgrund ihrer methodologischen Verwegenheit eher in das Reich der Sekten gehören.

Obwohl jedes Partikularinteresse einen berechtigten Stellenwert in der Komplexität unserer Welt hat, ist seine Verabsolutierung etwas Abscheuliches. Das hören wir, dass das ganze Übel dieser Welt an der Atomenergie hängt, andere wiederum lassen uns wissen, dass die Barrieren in unserem Alltagsleben nicht nur am physischen Zugang, sondern auch an allem anderen hindern, dass der Konsum von Fleisch die Mensch- und Tierwelt versklavt, das Inhalieren von Tabak die neue Pest heraufbeschwört, die Nutzung des Automobils die Welt dem Untergang entgegen treibt, der Zuckerkonsum die menschliche Gattung bedroht oder zuwenig Schulsozialarbeiter die Klassengesellschaft in ihr finales Stadium treibt.

Individuen, die sich einer dieser reduktionistischen Lebenserklärungen verschrieben haben, funktionieren wie Einpunktstrahler, monothematisch verweisen sie auf ihr eigenes und einziges Anliegen, ansonsten schalten sie ab. Auf den Hinweis, dass die Welt vielleicht doch etwas komplizierter ist und das eine oder andere nicht ohne seine Wechselwirkung erklärt werden kann, reagieren sie mit Ignoranz. Umso schlimmer, dass manche politische Parteien wie Container gesammelter Einzelinteressen dastehen, ohne auf einen komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu verweisen. Momentan haben die Kollektoren von reduktionistischen Weltbildern Konjunktur. Hoffen wir, dass es eine temporäre Erscheinung ist!