Die Erde, unbewohnbar wie der Mond

Ende der siebziger Jahre veröffentlichte der in der DDR aufgewachsene und dann in die Bundesrepublik geflohene Schriftsteller Gerhard Zwerenz einen Roman, in dem er die Behauptung aufstellte, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond. Mit seiner Biographie konnte er sich die Fragestellung nur so vorstellen, wie er sie literarisch bearbeitet hatte: Als eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Er bezog sich in dem Roman auf die Frankfurter Häuserkämpfe als Folge einer groß angelegten Bodenspekulation, die die Vertreibung ganzer Sozialgruppen aus dem Frankfurter Westend zum Ziel hatte. Der Ansatz war und blieb ein marxistischer. Die Zerstörung von Lebensgrundlagen konnte nur die Folge von ökonomischen Egoismen sein. Technik an sich war etwas Gutes, es kam darauf an, wer die Verfügungsgewalt über sie hatte.

Auch die fast zeitgleich in der Bundesrepublik aktiv gewordene Anti-Kernkraftbewegung war mitnichten von dem technokratischen Theorem geschlossen entfernt. Auch dort gab es gut gehörte Stimmen, die die Nutzung der Kernkraft von Besitzverhältnissen abhängig machen wollten. Erst später dominierte die Vorstellung, die Form der Energienutzung an sich sei nicht zu verantworten. Wie immer, so glaubte man sich in den Debatten um das Verhältnis von Natur und Mensch an einem historisch neuartigen Punkt. Und wie so oft, lag man aus Selbstüberschätzung falsch, weil die Frage von der Bibel bis Nietzsche und von Aristoteles bis Marx ein Universalthema des philosophischen Diskurses gewesen war.

Kann der Mensch als Kollektivsingular für sich beanspruchen, die Natur zu instrumentalisieren, kann er es absolut oder nur bedingt und in welchem Verhältnis steht der Zivilisationsprozess als einer systematischen Bewegung der Unterwerfung von Veredelung in diesem Zusammenhang zu der ursprünglich gestellten Frage? Sie kategorisch beantworten zu wollen bedeutet, sich in das Heer der größenwahnsinnigen Ideologen einzureihen. Zu viele Fragen bleiben offen, zum Beispiel wie die Weltgesellschaft zu dem Phänomen der ungleichzeitigen Entwicklung steht.

Kann die technisch hoch entwickelte Welt, die heute am Ende einer langen Periode von Innovationen und Irrtümern liegt, aufstrebenden Nationen und Ökonomien diktieren, welche Erkenntnisse und Wege sie annehmen und einschlagen? Wenn das so wäre, käme das einer Weltaufsichtsbehörde in Sachen Produktivkraftentwicklung gleich, die darüber entscheiden würde, ob zum Beispiel die Volksrepublik China die Kernenergie nutzen dürfe oder auf den Individualverkehr setzen könne. Beide Entscheidungen, einmal positiv entschieden, bergen fürwahr globales Bedrohungspotenzial und dennoch ist ungeklärt, ob die herrschende Postmoderne ihre Erkenntnisse zu einer Weltexekutive nutzen darf und nebenbei auch kann. Mal abgesehen von Fakten, dass der chinesische Export mittlerweile die Märkte mit den einzig noch erschwinglichen Konsumgütern für die sozial Schwachen der alten Metropolen bestückt.

Wie bewohnbar die Erde ist, entscheiden alle Bewohner. Ihre Sicht der Dinge liegt oft sehr weit auseinander. Es steht uns ein langer Überzeugungsprozess bevor, der auch scheitern kann. Wer mit dem Gefühl der moralischen Überlegenheit in diesen Diskurs geht, wird sich schnell fühlen wie die arme Seele auf dem Mond.