Broker der Angst

Dass es sich mit der Atomkraft um eine existenziell virulente Angelegenheit handelt, wissen wir seit dem Abwurf der ersten beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Die Menschheit war durch das Erei9gnis geteilt. Der Erleichterung über das Ende des II. Weltkrieges wich bald der Sorge über die ungeheure Vernichtungskraft, die sich hinter der Verstrahlung verbarg. Dennoch versuchten sich die Atommächte an der Technologie und in den sechziger Jahren war die Erde aufgrund überirdischer atomarer Tests weitaus mehr belastet als heute oder zu Zeiten von Tschernobyl. Die Ereignisse von Fukushima haben nicht die Frage erneut aktualisiert, ob Kernenergie gefährlich und für die Zukunft unvertretbar ist. Das wissen wir seit einem halben Jahrhundert. Wenn wir die Gelegenheit beim Schopf packen wollen, um daraus etwas zu lernen, muss es die Frage sein, was politisch dazu geführt hat, dass diese Einsicht nicht zu praktischen Konsequenzen geführt hat.

Seit Ende der siebziger etablierte sich in Deutschland eine Anti-AKW-Bewegung, die sich vehement gegen die Errichtung der ersten Atomkraftwerke hier wandte und zu den zeitnahen Vorläufern der Grünen zählte, die sich kurz danach formierte. Die wesentliche Programmatik dieser neuen Partei bestand in einem Plädoyer für den Atomausstieg und einem radikalen Anti-Militarismus. Alles andere entwickelte sich später, Emanzipations- und Diversity-Strategien kamen hinzu. Mit der Regierungsbeteiligung und der Übernahme von Verantwortung zwischen 1998 und 2005 war die Stunde gekommen, um der Programmatik praktische Taten folgen zu lassen. Zur Verwunderung nicht weniger Wähler bestand die Morgengabe der neuen sozialdemokratisch-grünen Bundesregierung darin, mit einer überaus perfiden Propagandamaschinerie eine militärische Intervention auf dem Balkan vorzubereiten und es kann als das Gesellenstück der ersten grünen Außenministers dieser Republik gesehen werden, dass später Bomben auf Belgrad fielen. Und wer auf einen sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie gewartet hat, der sollte bitter enttäuscht werden.

Angesichts dieser Bilanz mutet es schon eigenartig an, dass bei den bevorstehenden Wahlen gerade die Politiker, die sich als nicht durchsetzungsfähig und nicht konsequent erwiesen haben, eine Atmosphäre für sich auszunutzen in der Lage sind, die eher das pathologische Interesse wecken muss. Denn Hamsterkäufe für Sencha Tee und Geigerzähler in allen Winkeln der Republik dokumentieren nicht gerade die politische Reife, die man sich für eine zivile Gesellschaft wünscht.

Wie sehr, so fragt man sich, muss es um die Charaktere derer bestellt sein, die eine politisch derart desaströse Bilanz aufzuweisen haben, wenn sie sich nun, nach Mobilisierung aller Angstpotenziale, als eine Alternative zum Bestehenden preisen? Und wie sehr, so fragt man sich selbst im Gefühl der Bestürzung, muss es um den Verstand derer bestellt sein, die auch noch gierig nach dem bereits geplatzten Wechsel greifen? Bei allen politischen Programmen und ihrer durchaus diskursiven Güte: Wenn es an Charakter, Haltung und Verstand fehlt, wird es schwierig, Weichen für die Zukunft zu stellen.