Die Rettung des Dogmatismus in die Post-Moderne

Die post-traumatische Entwicklung des vom Faschismus wieder genesenden Deutschland hat eine sehr verwinkelte Entwicklung hinter sich. Zunächst, nach dem Krieg und der Teilung der Nation, konnte sich der Westen dank einer fürsorglichen Behandlung vor allem durch die USA der Verdrängung widmen, bis die nachwachsende, nicht im Krieg sozialisierte Generation die Diktatur der Doppelmoral so nicht mehr respektierte. Während im Osten der geistige Totalitarismus der Nazis durch eine neue, autoritäre und monomatische Variante abgelöst wurde, bewegte sich der Westen auf etwas zu, das absurder nicht sein konnte.

Die rebellierende Jugend des Westens, die sich zunächst anti-autoritären Modellen verschrieben hatte, migrierte mit Zielsicherheit auf Denkschulen und Ideologien zu, die nicht minder autoritär und anti-demokratisch waren wie die spirituellen Refugien der Väter. Die neuen Lehren mussten nur die Vertreter der Alten genug schocken, um geeignet zu sein. So entstand eine Rebellion gegen die autoritären Muster der Vergangenheit mit autoritären Mustern aus anderen Bezugswelten. Der wahre Bruch mit der autoritären Dominanz und die Stiftung einer selbstbestimmten, souveränen Reflexion gegen die Unterdrückung fanden nicht statt.

Nach der autoritären Ideologisierung der so genannten 68iger Bewegung und der Etablierung undemokratischer Bewegungen regte sich abermals Widerstand, nun gegen den Dogmatismus der Gegen-Väter-Rebellion, der vielen nicht mehr geheuer war, weil er genau das replizierte, was einstmals als das Übel schlechthin galt. Statt der Lobeshymnen auf den alten Militarismus wurden nun terroristische Großereignisse wie die chinesische Kulturrevolution ebenso gefeiert wie die Massenvernichtungszüge des kambodschanischen Monsters Pol Pot. Da blieb nicht mehr viel von der einst so ersehnten Menschlichkeit in einer demokratischen Welt.

Die Abkehr von dieser Ideologisierung wiederum fand ihren Ausdruck in der Gründung der GRÜNEN, die nicht nur bewusst der politischen Ideologie den Rücken kehrten, sondern auch den Formen der politischen Organisation und Koalition. Der ostentativ zur Schau getragene Anti-Dogmatismus war jedoch mit das erste, was sich wieder aufzulösen schien. Früh fiel auf, dass wie in allen vorherigen Bewegungen auch, das Ideal des Zusammenlebens und der Umgang miteinander so gar nicht mit der Praxis korrespondierten.

Der so genannte gewaltfreie Diskurs wurde immer brachialer zur Etablierung eines dogmatischen Kanons, der nun wiederum im Raum steht und konstruktiven Disput unmöglich macht. Wieder feiert der Dogmatismus fröhliche Urstände und der Verdacht liegt nahe, dass die Protagonisten ebenfalls durch einen die eigene Biographie begleitenden Verdrängungsprozess es nicht vermocht haben, sich von den autoritären Denkweisen der großen dunklen Vergangenheit zu lösen. Da wundert es dann gar nicht zu sehen, wie die einstigen Anti-Dogmatiker mit ihrem Hexenhammer der modernen Inquisition das gesellschaftliche Leben vergiften.