thelonius monk quartet with john coltrane at carnegie hall
Als Thelonius Monk im Spätherbst 1957 den Saxophonisten John Coltrane zu einem gemeinsamen Konzert in der Carnegie Hall in New York City einlud, hatten beide bereits einen Namen. Monks Ensemble galt als routiniert, Musiker des Monk Quartetts wie Ahmed Abdul-Malik (bass) und Shadow Wilson (drums) hatten sich bereits durch alle Clubs in Harlem wie im Village gespielt und das Publikum erwartete nichts anderes als ein rauschendes Fest. Diese Erwartung wurde, wie sollte es anders sein, noch weit übertroffen. Wer auch beim Hören mit dem Wissen, wie die Entwicklung des Jazz weiterging, diese Aufnahmen heute genießt, wird sich doppelt freuen, weil nichts, aber auch gar nichts von dem zu verspüren ist, wie es in der epigonalen Folge der ersten Stunde des Bebop oft zu beklagen war, verspürten diese Giganten des Genres keine Notwendigkeit, ihre technische Brillanz und ihre Schnelligkeit zu demonstrieren, sondern sie konzentrierten sich auf das Wesentliche.
Thelonius Monk hatte als Gastgeber ausschließlich seine von ihm selbst komponierten Stücke auf die Playlist gesetzt. Der Revolutionär Monk, dem die eigenen kompositorischen Eskapaden zuweilen selbst ein Rätsel blieben, weil er die Größe hatte, seiner Intuition für das Verblüffende zu folgen. Die Herausforderung für den Virtuosen Coltrane bildete eine Improvisation, die nicht zentrifugal auf das Reflektorische von Monks Melodien wirkte, sondern sich als eine Art kontrapunktische Lyrik einfügte, ohne den eigenen Charakter zu verlieren.
Und genau diese Kombination, die als ein kongenialer Dialog noch lange nach dem Hören im Gedächtnis bleibt, ist den Musikern gelungen. Da wirken Stücke wie Monks Mood, tausendfach interpretiert und variiert, wie die einzige Version, die den Tiefsinn so inszeniert, dass man glaubt, die einzige Form der Interpretation gefunden zu haben. Bei Evidence, einem Stück, das immer den Eindruck erweckt, als sei es alles, nur nicht offensichtlich, wirkt der Diskurs zwischen der Monkschen Melodieführung und Coltranes Akkordfolgen nicht anders. In Crepuscule With Nelly, Monks Hymne auf seine Frau, in der die ganze Dankbarkeit des exzentrischen, von den profanen Lebensumständen irritierten Geistes zum Ausdruck kommt, reminisziert Coltrane nur die Melodie mit einem Zartgefühl ohne improvisatorisches Beiwerk, weil er eine wohlverstandene Auffassung von der innigen Botschaft hatte. Bei Nutty hingegen wird die große Stärke des Bebop, wie sie auch von Charlie Parker so meisterhaft beherrscht wurde, evident. Aus einer einfachen Melodieführung, die alles mitbringt, um als Kinderlied zu bestehen, entwickelt Coltrane einen atemberaubenden Improvisationsteil, den Monk anfänglich mit markigen Akkorden eskortiert, ehe er ihn einfach fortfliegen lässt, bevor er ihn wieder einfängt, um aus einem Schwindelgefühl zurück zum Thema zu führen. Blue Monk wiederum wird strikt enthymnisiert und zu einem schwungvollen, aber nüchternen Blues, den Coltrane in die Umlaufbahn des Bebop schleudert.
Kurz, in insgesamt neun Stücken erleben wir eine Sternstunde des Jazz, beherzt, genial, einfühlsam, kurzweilig, und, ganz im Sinne des göttlichen Mönches, jenseits der Gravitationskräfte des Alltags!
