Lange ist es noch nicht her, dass sich viele Europäer durch die Kritik eines George W. Bush oder Donald Rumsfeld diskriminiert fühlten, die da besagte, Europa sei ein alter Kontinent, der die Zukunft hinter sich habe. Grund der Polemik von amerikanischer Seite war das Abwägen europäischer Regierungen, sich nach 9/11 bedingungslos in den Kampf gegen die so genannte Achse des Bösen einzureihen und sich auf militärische Abenteuer einzulassen. Aus heutiger Sicht taten die europäischen Regierungen, die schon genauer überlegten, gut daran, denn die Irak- und Afghanistanpolitik des damaligen US-Präsidenten entpuppte sich als ein ziemliches Debakel.
Nun, da in der arabischen Welt vor allem die Jugend darauf drängt, die alten, autokratischen Herrscher in die Wüste zu schicken, wäre die Gelegenheit, Europa als einen Kontinent zu konturieren, der juvenil genug ist, um Demokratiebewegungen bedingungslos zu unterstützen. Denn was, bitte schön, ist für dauerhafte, gute Beziehungen wirkungsvoller als gemeinsame Werte, zu denen man sich bekennt?
Stattdessen erleben wir eine regelrechte Schmierenkomödie, deren Ende man gar nicht abwarten will! Es wird spekuliert über die einzelnen Teile der Demokratiebewegung, wer hinter wem steckt, und welcher radikale Bezug da wohl entstehen könnte. Es werden Parallelen gezogen zu dem schicksalhaften Jahr 1978, als ein Ayatollah Khomeini aus dem langjährigen Pariser Exil nach Teheran flog, dort wie ein Popstar begrüßt wurde und hinterher eine Theokratie installierte, die an die Steinzeit erinnerte.
Die jungen Menschen, die derzeit in Kairo den Platz der Befreiung gegen den greisen Militaristen halten, und sei es zum Preis ihres eigenen Lebens, werden es, sollten sie sich durchsetzen, nicht verstehen und verstehen wollen, wieso der Präsident der Vereinigten Staaten ab heute Hosni Mubarak dazu auffordert, zurückzutreten, und die europäischen Regierungen nicht. Sie wägen nicht nur ab, sondern taktieren laut über das Risiko eines vorschnellen Bekenntnisses. So handeln keine Demokraten, sondern durch keinen Volkswillen mehr legitimierte Broker der Macht. Man kann sich irren in der Bündnispolitik, aber man darf seine Prinzipien nicht verraten und genau das geschieht im Augenblick. Merkel und Westerwelle kokettieren mit dem Überleben einer Tyrannei, die nicht mit den Grundfesten unseres politischen Konsenses übereinstimmen.
Im Handbuch der Macht heißt es, man müsse zuweilen auch mit dem Teufel paktieren, um die eigene Domäne zu retten. In der großen Illustration über den Irrsinn in der Politik aber steht zu lesen, dass man dieses tut, auch wenn man es gar nicht muss. Genau das aber macht die derzeitige Bundesregierung und Europa. Dass der ausgewiesenste Scharlatan und das dekadenteste Exemplar dieses Konsortiums, Silvio Berlusconi, als Sprecher für diese Position figuriert, ist das einzig Konsistente. Im alten Europa!
