Während die Entscheidungsschlacht zwischen dem neuen Ägypten und dem alten Autokraten in Kairo tobt, sortiert sich der Westen. Präsident Barack Obama, der das Erbe einer fundamentalistischen Außenpolitik der Ära Bush geerbt hat, deren Doktrin von dem Theorem der Achse des Bösen abgeleitet worden war, strebt nach einer Bündnispolitik, die den Grad zwischen geostrategischer Bedeutung und Voraussetzung demokratischer Befindlichkeit neu ausmisst. Ein sicherlich schwieriges Unterfangen, weil die Glaubwürdigkeit des Westens insgesamt seit den 20iger Jahren im arabischen Raum gelitten hat, und zwar die der Europäer genauso wie später die der USA. Die Bundesrepublik segelte immer im Windschatten letzterer und die Befriedigung, mit der momentan auf die komplizierte Situation der USA von manchen Beobachtern verspürt wird, resultiert aus der eigenen Ratlosigkeit, weil deutscherseits keine eigene außenpolitische Programmatik vorliegt.
Das außenpolitische Desaster, das in der Folge von 9/11 die USA im Besonderen und den Westen im Allgemeinen erfasste, war ein fundamentalistischer Reflex der Bush-Administration auf eine komplizierter werdende Welt. Anstatt die vor allem in der islamischen Sphäre stattfindenden Entwicklungen zu analysieren, wurden anhand besagter Achse des Bösen Bündnisse mit Autokraten geschlossen, die als Garanten gegen den Islamismus galten, allerdings ihrerseits in ihren Ländern suhlten wie blutrünstige Tyrannen. Das konnte zu nichts Gutem führen, denn diese Politik blendete die Tatsache aus, dass in der islamischen Welt längst eine Demokratiebewegung entstanden war, die sich aus einer aufklärerischen Debatte innerhalb des Islams speiste. Fernab von der Erkenntnis des Westens wurde dort die militante Radikalisierung abgelehnt, der Terrorismus verurteilt und eine Demokratisierung der Gesellschaft gefordert.
Letzteres sollte immer das Maß sein, an dem sich die Politik orientiert. Den Trugschluss können wir bis unsere eigene Gesellschaft beim Thema der Integration zurückverfolgen: Nicht die Taten von Migranten dienen der Beurteilung, sondern ihre auch von Gutmenschen betriebene geheimdienstliche Überprüfung auf biographische Verdachtsmomente. Es handelt sich dabei um einen Irrweg, der die Türen für einen gelungenen Dialog für immer versperrt. Nicht das Religionsbekenntnis ist das Maß aller Dinge, sondern der tatsächliche Wille zur Demokratie.
Hätte der Westen, inklusive der heute die Welt belehrenden deutschen Politiker und Journalisten, die islamische Welt etwas genauer und vorurteilfreier beobachtet, dann wäre ihnen aufgefallen, dass der Terror des fundamentalistischen Islamismus nirgendwo schärfer kritisiert worden ist wie in der islamischen Welt, dass eine Bürgermeisterin im fernen Banda Aceh sogar in Deutschland einen Preis dafür bekommen hat, dass sie den ersten Gender-Mainstream-Haushalt aufgestellt und zur Routine gemacht hat, dass es in Asien interkulturell-interreligiöse Kooperationen gibt, von denen der Westen nur räumen kann und vieles mehr. Die politische Krise in der arabischen Welt ist auch eine Krise der Wahrnehmung im Westen.

Sehr guter Beitrag! Vollkommen richtig!
Man könnte das die Arroganz des auf der Weltbühne etablierten Westens nennen, der sich bis 9/11 seiner „Übermacht“ so sicher war. Man hat allerdings außer Acht gelassen, dass dieser nach dem Zusammenbruch der Diktaturen in Mittel/Osteuropa an Macht verlor. Dadurch geschwächt, nutzten die „Outsider“ auf der politischen Weltbühne, mit denen man nie gerechnet hatte, die Gelegenheit zum Gegenangriff, der eigentlich schon lange unter der Oberfläche gärte, aber bis dahin die Chance nicht bekam. Diese Rechnung, die nun „beglichen“ wird, rührt aus der Kolonialzeit.
Wir sind gut beraten, respektvoll und auf einer Augenhöhe mit anderen Völkern umzugehen, egal wie sie in unseren Augen „entwickelt“ sind.
Wenn wir von Entwicklungsländern zum Beispiel reden oder schreiben, suggeriert es dem Leser, das sich nur die andere Seite entwickelt und zu entwickeln hat. Falsch, jeder Mensch und jede Nation entwickelt sich stets. So sollten wir auch unsere Begrifflichkeiten überdenken, damit wir mit unserem Sprachgebrauch die anderen nicht stigmatisieren.