Archiv für den Monat Januar 2011

Subjektive Sicherheitsbedürfnisse und objektive Gefahren

Wer in Deutschland aufgewachsen ist, weiß ein Lied davon zu singen, wie groß die Ängste vor dem bloßen Dasein sein können. In kaum einer anderen westlichen Massendemokratie wird soviel von Sicherheit hier und Angst dort geredet und geschrieben. Das geht soweit, dass in anderen Sprachen sogar von the german angst gesprochen wird, weil sich die Form der psychotischen Übersteigerung im eigenen Vokabular gar nicht findet. Alles erregt Angst, und redet man gar von bevorstehenden Veränderungen, brechen alle Dämme. Da ist es nicht unbedingt beruhigend, dass es noch andere Gesellschaften und Kulturen gibt, wo es ähnlich zugeht. Fakt ist nämlich, dass mit der Angst und dem Unsicherheitsgefühl eines Großteiles der Population seit jeher Politik gemacht wird. Und zwar eine Politik, die auf irrationalen Gefühlen basiert, und nicht auf Einsicht und Vernunft.

Didaktisch war es immer schwer, den Deutschen die Relativität der Lebensängste zu verdeutlichen. Letztere galten immer als absolut und unteilbar. Obwohl, und an dieser Stelle findet sich vielleicht der Schlüssel für die Lösung des Problems, obwohl die Geschichte der Bundesrepublik eine Variable freilegt, die sehr gut einen Konnex beschreibt. Es ist nämlich statistisch belegbar und valide, dass die Unsicherheit in den großen Städten dieses Landes im Laufe der Existenz der Bundesrepublik drastisch gesunken ist. Das heißt, legt man die Anzahl pro Kopf der Kriminaldelikte, derer die Zivilbevölkerung in den Großstädten zum Opfer fiel, zugrunde, dann sind die Ballungszentren im Jahr 2010 weitaus sicherer gewesen als noch 1965 oder 1975. Befragt man hingegen die Bevölkerung, dann bekam man in den Jahren weitaus höherer Kriminalzahlen ein wesentlich ausgeprägteres Sicherheitsgefühl berichtet als in den jüngsten Jahren, in denen es objektiv sicherer zuging.

Ein Faktum, das zwischen diesen unterschiedlichen Empfindungen liegt, ist sicherlich das durchschnittliche Lebensalter der Befragten. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass mit der Alterung unserer Gesellschaft die Ängste drastisch zugenommen haben, auch wenn sowohl die Polizeidichte stieg als auch deren Ausrichtung sehr stark modernisiert wurde. Diese Ergebnisse vor Augen wird ebenfalls sehr schnell deutlich, warum die großen, gegenwärtig am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt, in denen der darwinistische Daseinskampf ungeheure Formen angenommen hat, von den jeweiligen Bewohnern als relativ sicher empfunden werden: Die dortige Bevölkerung ist wesentlich jünger und sieht sich selbst sehr selbstbewusst in einem noch ausstehenden Verteilungskampf, während in unseren Ballungszentren überalterte Kohorten um Besitzstände zetern.

Bei den Diskussionen um die Sicherheit der Gesellschaft sollten wir uns vergegenwärtigen, dass das Unsicherheitsempfinden in Bezug auf die zu erwartende alltägliche Kriminalität durch biologistische Funktionsmechanismen maßlos überbewertet werden, während tatsächliche Bedrohungspotenziale wie durch internationale Terrorkartelle eher tabuisiert sind. Das stimmt, so könnte man sagen, hinten und vorne nicht. Und, da wagt mal wieder keiner, die Wahrheit zu formulieren, sondern ganz im Gegenteil, es werden kostspielige Placebos aufgefahren.

Der Freudsche Mafioso

Die Sopranos. Eine Produktion von HBO

Vor allem mit der Serie Die Sopranos hat HBO jenseits der rein kommerziellen Produktionen ein neues Genre mit geschaffen. Es handelt sich dabei um eine Art cineastische Literatur, die aus einem filmischen Fortsetzungsroman besteht, der von Monat zu Monat auf die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung eingehen kann und im Grunde genommen balzacsche Wurzeln hat. Mit der Persiflage auf ein Mafiamodell aus der Bush-Ära haben Autoren wie Produzenten ein Meisterwerk geschaffen, das als Prototyp für eine qualitativ höher stehende Unterhaltung mit einer literarischen Dimension steht, die durchaus das Potenzial besitzt, den Soap Operas wie dem Hollywoodmystizismus Terrain zu entreißen.

Toni Soprano, der Protagonist, ist der zwinkernde Geselle, der ganz mit den Attitüden der alten Mafia sein Geschäft jenseits des Big Apple betreibt. Er macht in Abfallentsorgung, einer wachsenden Branche, deckt jedoch mit ihr allerlei Geschäfte illegalen Charakters. Toni Soprano regiert mit allen Symbolen des alten Italo-Chauvinismus in einer brüchiger werdenden Männerwelt. Und gerade er, der Kopf, der Patron, er weist die notwendige Intelligenz auf, um aus der Modernisierung der Lebenswelten zu lernen, während seine Soldaten zunehmend die Orientierung verlieren. Sein Imperium wächst und mit ihm die Gefahren, und der Patrone scheut sich nicht, seine Selbstzweifel und Traumatisierungen zu instrumentalisieren, um Zugang zu einer Psychoanalytikerin zu erhalten, der er seine imperialen Strategien spiegelt und diese als mafioses Korrektiv missbraucht.

Dennoch kommen alle, die sich nichts bei dem perfiden Spiel denken, genauso auf ihre Kosten wie die ins Schulgeheimnis des Oberbosses Eingeweihten. Die Serie versprüht die Aura aus den Hochzeiten italienischer Dominanz in der amerikanischen Unterwelt, die Figuren sind ein Panoptikum aus allen erfolgreich inszenierten Klischees. Der wirre Pauli, der drogenabhängige Chris, der zweifelnde Pussy Bombieri, die vielen Frauen, die die sizilianischen Hähne genauso anstacheln wie deren Opfer werden und Typen wie Furio, importiert aus dem Mutterland, der an seiner eigenen Romantik in der neuen Welt scheitert.

Der Kultstatus, den die Sopranos in den USA erlangt und bis heute stetig ausgebaut haben, hat sehr viel zu tun mit deren Fähigkeit, der sinnentleerten und im Dogmatismus ersoffenen Bush-Ära den Spiegel vorgehalten zu haben. Toni Soprano, der wie eine Zitatensammlung aus der amerikanischen Filmgeschichte durch die Serie tobt, ist der Unwille des traditionalistischen Amerikas, sich mit den Holzköpfen aus der eigenen Abteilung abzufinden. Denn das Überleben der Tradition ist in dem Mutterland des schnellen Wandels stets nur mit einem Augenzwinkern zu bewahren gewesen. Da geht man schon mal über Leichen und hinterher zum Psychiater, oder man erwürgt den eigenen Ziehsohn und ist ganz ergriffen von reinem Vaterstolz, wenn man an die eigene Tochter denkt.