Archiv für den Monat Januar 2011

Wachsender Druck im nordafrikanischen Kessel

So, als lebten wir in Wolkenkuckucksheim, erzählen unsere Nachrichten wie gewohnt die nationalen Befindlichkeiten bis ins kleinste Detail. Welchen Anzug Westerwelle in der Stuttgarter Oper trug, wie viele Kontrollen angebracht sind, um die Kontaminierung von Lebensmitteln zu entdecken, wie viel Steuern man dem Mittelstand erlassen kann, wenn die wirtschaftliche Entwicklung so weiter geht wie im Moment. Gleichzeitig sind in Weißrussland und in Ungarn deutliche Zeichen zu vernehmen, dass dort die Uhr erneut auf Bolschewisierung steht.

Gleichzeitig werden einzelne Nachrichten aus dem Norden Afrikas bekannt, die isoliert betrachtet zwar beunruhigend sind, in einer zusammenhängenden Berichterstattung jedoch deutlich machen würden, dass sich in ca. 2 ½ Flugstunden Entfernung vom Stuttgarter Bahnhof soziale Unruhen manifestieren, die zu einer Flutwelle eskalieren können, zumal sie internationale Allianzen mit sich ziehen könnten. Das Informationszeitalter, so könnte man folgern, macht satte Menschen nicht neugieriger, und dumme nicht gescheiter.

Die erste Meldung kam aus dem ägyptischen Alexandria und bezog sich auf einen Anschlag muslimischer Extremisten auf die Kirche koptischer Christen. Die Regierung dementierte interne Konflikte und wies auf ein internationales Netzwerk. Dann rumorte es in Algerien, wo es zu Ausschreitungen kam, als die Regierung die Preise für Zucker, Mehl, Öl und Milch hinaufsetzte. Die an Staatsdevisen reichste Regierung des Maghreb zuckte verwundert mit den Achseln. Und dann wurde in insgesamt 15 größeren Städten Tunesiens der Aufstand geprobt, weil die seit Jahrzehnten herrschenden Familien immer dreister und korrupter wurden. Letzteres schaffte es nicht einmal mehr in unsere Nachrichtenportale. In Marokko ist es noch ruhig, aber man muss kein Prophet sein, dass es dort einen Überfremdungsimpuls gegen die vor allem in Marrakesch wütenden Dekadenzeliten aus Europa und natürlich die damit verbundene Politik des Königs geben wird.

Es handelt sich bei den Auseinandersetzungen um erste Warnzeichen für ökonomische Spannungen, die auf der südlichen Seite des Mittelmeeres sich ins Unerträgliche zu steigern drohen. Die ägyptischen Kopten sind zumeist griechischer Herkunft und eine überaus erfolgreiche und solvente Händlerkaste, die zunehmend nach Europa orientiert ist und einer die große Mehrheit pauperisierenden Volkswirtschaft der Muslime den Rücken kehrt. In Tunesien sind es vor allem die kommunalen Gemeinwesen, die ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können, weil die Korruption zu weit fortgeschritten ist. Und in Algerien ist die muslimische Regierungselite zu sehr unbeeindruckt von dem kabilischen Hinterland, das seinerseits in der Lage ist, eine anti-islamische Guerilla zu installieren, die gegen die Zentralregierung in Algier vorgehen könnte.

Vor allem in Ägypten und in Algerien verbergen sich hinter den Konfliktparteien geostrategische Interessen, die mit den christlichen und islamischen Kulturkreisen kongruent sind und die Angelegenheit zu einem Pulverfass machen. Der Norden Afrikas ist dabei, globale Entwicklungslinien direkt an den Rand Europas zu bringen.

Pizza, Jazz und Katholizismus

Joe Lovano. Celebrating Sinatra

Joe Lovano, einer der unangefochtenen und großen Jazz Tenorsaxophonisten der USA, Sohn des legendären Big T Lovano, seinerseits bereits eine Nummer 1 des Jazz, sozialisiert nicht mehr in dreckigen Schuppen und öligen Bordellen, sondern auf den Konservatorien im Norden Amerikas, in denen der Jazz schon lange zum Kulturerbe der großen Nation gehören, Joe Lovano, der mit Werken wie From the Soul und Folk Art demonstriert hat, wie das Saxophon den zeitgenössischen Jazz am dreistesten und feinfühligsten phrasiert, dieser Joe Lovano besitzt die Chuzpe, sich Frank Sinatras Songs vorzunehmen und in die hastige Moderne zu werfen.

Mit Celebrating Sinatra ist Joe Lovana etwas sehr Seltenes gelungen. Er hat es vermieden, nostalgisch zu interpretieren und ist nicht dem nahe liegenden verfallen, die Melodie der Sinatralieder lediglich als Etüde für das Präludium einer Totalverfremdung zu nehmen. Das Geniale an Lovanos Experiment ist die gelungene musikalische Erzählung der Integrationsleistung der Italiener in der Neuen Welt.

Sinatra, dessen Generation die duale Übung zwischen Assimilation und wirtschaftlicher Parallelwelt zumeist gelungen ist, etablierte sich mit diesem Kunststück. Lovanos Generation hingegen hat längst den eigenen amerikanischen Rhythmus gefunden und internalisiert. Die Einwanderung der katholischen Vorfahren, die ihre eigene Küche und Kirche mitbrachten, ist zwar immer noch präsent, aber als eine kollektive Geschichte eines amerikanischen Bewusstseins. Joe Lovano zitiert die noch so präsente Geschichte nach der Erzählung Sinatras und bringt es fertig, sie in zeitgenössische Weisen zu transponieren.

Egal, welche Songs man aus dem Sortiment nimmt, die Spannung zwischen den Hits aus Sinatras Zeit und einer Jazzimprovisation aus dem Nach-Bebop ist immer präsent. Bei Yo´ll never Smile Again wirkt das noch kakophonisch, bei Chicago dominiert der Rhythmus der Neuen Welt die verträumte europäische Melodie, bei Imagination hört die Neue Welt der Alten noch einmal artig zu, aber dann zerfließen die Bewegungsabläufe der alten europäischen Immigration. Spätestens bei South Of The Border dirigiert eine neue Weise das Geschehen und bei den Bearbeitungen von I´ve Got You Under My Skin oder The Song Is You existieren mehr Analogien zu der Partitur von Porgy and Bess als zu einer klassischen Wiedergabe der tatsächlichen Sinatra Hits.

Joe Lovano selbst spielt das Tenorsaxophon mit einer Virtuosität, die große Schlichtheit erlaubt. Fast spärlich setzt er es ein, mal kehlig rau, mal wimmernd, mal krachend, aber meistens betörend lyrisch intoniert, eben so, wie es nur einer kann, der sein Instrument beherrscht und die Geschichte kennt, die er erzählen will. Zudem, und das ist der Glücksfall, teilt Lovano die großen Gefühle, die hinter den erzählten Geschichten stecken.

The Misery of Daily Life and the Uproar of the Soul

George Pelecanos. Hard Revolution

The writer George Pelecanos, recently involved in the production of the very successful HBO series The Wire, belongs to a generation which can be defined as crime driven realists. Most of his fiction is taken from crime scenes, the result of social devastation, lacking education and a profane and established cruelty. This kind of literal production would be discriminated if it was reduced to crime fiction. Especially Pelecanos is known as a very naturalistic observer of social living conditions and their influencing force on human action. With Hard Revolution Pelecanos has chosen a more complex and traumatizing subject: The riots in Washington D.C. as an aftermath of the assassination of Dr. Martin Luther King in 1968.

The book starts with an introduction of the main characters in 1959, when they were young and playing together. Two worlds were very clean separated by race, although there had been contact and some social relations. After a cut it goes on in 1968. We see Derek Strange, a coloured young man who decides to take the profession of a policeman and becomes a witness of the deteriorating development of former playmates, white guys, and his own brother. Most of them had served in Vietnam and came back with drug problems and a loss of values, now looking for the idle and cheap way of living. Derek suffers with his own family from the same problem his bother Dennis has. Latter gets killed by black friends, who tried to arrange a robbery but the shop owner was warned by Dennis. White guys around Dominic kill a black guy in a hit and run set up, done without purpose and symbolizing a growing racial hate on the white side.

At the end all cases get solved in the middle of the street fights and lootings which are followed of the broadcasted assassination of Dr. Martin Luther King in Memphis. Especially the black quarters and suburbs in Washington D.C. become scenery of rioting young black folks, hundreds of police squads and later the National Guard send by President Johnson restoring order by firm action. The story of the families acting differently which was told before the escalation of everything with the political uproar ending in criminal deeds, is creating a very well woven tension. All the time the reader knows that there will be no happy end, that the process of emancipation of the black people will be counteracted by the losers of the white working class milieu, that the pride and self esteem of the well doing und successfully operating young black people will be destroyed for a long time by the own fellows who prefer crime and destruction.

With Hard Revolution Pelecanos has produced an intriguing picture of the year 1968 in Americas capital, and his many notes on black music give the reader an underlining soundtrack of these shaking times, wild, but everything else than glorious.