Archiv für den Monat Januar 2011

Zwerge auf den Schultern von Riesen

Wenn die Moderne eine Idiotie hervorgebracht hat, dann bezieht sie sich auf die Entwertung dessen, was in der Vergangenheit geschaffen wurde. Den höchsten Wert repräsentiert immer das Brandaktuelle und Neue. Eine analoge Bewertung erfahren auch die Zeitgenossen. En vogue und hip sind diejenigen, die quasi direkt aus der juvenilen Sozialisation heraus ihre Fähigkeiten entwickeln. Diejenigen, die ganze Epochen der Entwicklung hinter sich haben, gelten hingegen als Auslaufmodelle und antiquiert. Aus dieser Betrachtungsweise ist die Falle des forever young entstanden, die nichts anderes ausdrückt als die Diskriminierung des Alters und schon einmal gar nichts mit dem Sprichwort aus New Orleans zu tun haben, auf das sich Bob Dylan in seinem berühmten Song bezog. Dort geht es nämlich nicht um die Diskreditierung des Alterungsprozesses, sondern um die Konservierung der Neugier und des Engagements.

Betrachtet man nun das Wesen der Moderne, das in erster Linie gekennzeichnet ist durch die Beschleunigung von Entstehungs- und Alterungsprozessen, die unter dem Begriff der Akzeleration figurieren, dann leitet sich daraus ab, dass die Verdichtung von Innovation der eine Aspekt der Moderne ist. Anhand der Kette technischer Innovationen, die permanent unsere Lebensbedingungen durchdringen, lässt sich diese Entwicklung sehr gut dokumentieren.

Der andere Aspekt, und aus einem anthropologischen Räsonnement heraus betrachtet der entscheidende, ist allerdings die Kompetenz der zeitgenössischen Individuen, mit dem Prozess der chronischen Revolutionierung Schritt halten zu können. Dazu bedarf es nämlich einer sehr robusten psychischen Verfasstheit, weil permanenter Wandel viele Unwägbarkeiten beinhaltet sowie der Fähigkeit, kognitiv und analytisch die neuen Verhältnisse zu erfassen und die Fähigkeit, immer wieder Neues zu erlernen. Die Absurdität, vor der wir in diesem Kontext stehen, ist die Diskriminierung gerade der Generationen, die die höchsten Anpassungsleistungen bereits vollbracht haben.

Die Generation derer, die in der laufenden Dekade aus dem Arbeitsleben scheiden werden, haben begonnen in einer Arbeitswelt, in der es weder Computer noch Handys gab, in der auf Schreibmaschinen getippt wurde, mit Matrizen vervielfältigt, in der Produktion mit Körperkraft gewuchtet wurde, Kommunikationswege Ewigkeiten in Anspruch nahmen und Innovationen jahrelang Bestand hatten. Sie haben die ständige Beschleunigung meistern können, weil sie sich als Subjekte fühlen konnten, in der Lage waren zu strukturieren und auf eine solide Bildung zurückgreifen konnten und Charakter gezeigt, in dem sie sich erfolgreich politisch organisiert haben, um ihren Interessen eine Stimme zu geben.

Die Generationen hingegen, die in den kommenden Jahrzehnten das Arbeitsleben gestalten werden, stehen noch vor derartigen Aufgaben. Ihr technisches Know How ist nicht zu toppen, die soziale Organisation und Anpassung, das Lernen und das psychologische Anpassen an die Veränderung werden sie noch entwickeln müssen. Insofern sind sie Zwerge auf den Schultern von Riesen.

Puristische Ideale und praktische Kontaminationen

Die Geschichte der Religion und Philosophie lehrt uns, dass die menschliche Gesellschaft zu unterschiedlichen Phasen ihrer Entwicklung mit bestimmten Erklärungsmustern zur Existenz arbeitet. Das mag hartherzig und materialistisch klingen, aber es scheint tatsächlich so zu sein. Hatten die Sklavenhalter- und Feudalgesellschaften noch Weltbilder parat, die zum Ertragen höllischer Zustände im Diesseits rieten, um zur Belohnung im Jenseits auf ein paradiesisches Dasein zu treffen, so kam mit dem Kapitalismus und der protestantischen Leistungsethik zwar nichts Neues in Bezug auf die beiden Sphären auf, allerdings war es nicht mehr die Duldung des bösen Diesseits, die einen Eintritt in das Erlösende Jenseits ermöglichte, sondern die Möglichkeit, sich letzteres durch diesseitige Leistung zu verdienen.

Man muss jedoch sowohl der okzidentalen wie der orientalischen Kulturentwicklung zugute halten, dass die großen puristischen Lebensentwürfe, in denen ein reines, asketisches und wahres Dasein im Diesseits propagiert wird, nur noch im religiösen, wenn nicht sogar im Sektenbereich eine Chance auf Zustimmung finden. Wer bei Tageslicht und normalem Bewusstsein daraus ein politisches Programm machen würde, dem müsste man doch eine gewisse Fremdheit zu dieser unserer Welt attestieren.

Umso mehr geben die beobachtbaren Tendenzen zur Massenhysterie angesichts einer angenommenen chronischen Kontaminierung der Lebensumstände Anlass zur Sorge. Seit Jahrzehnten wird mit der Furcht der Menschen vor der Vergiftung ihrer Lebensverhältnisse regelrecht Politik gemacht. Ein Katastrophenszenario jagt das andere und es hat sich eine Vorstellung von einer Erreichung puristischer Ideale etabliert, die mit einer industrialisierten, hoch komplexen Welt von Massengesellschaften nicht mehr vereinbar ist. Der Vision der Entsagung von industriell erzeugten Gütern können innerhalb der Massengesellschaften nur diejenigen folgen, die über genügend Geldmittel verfügen, um sich in sozialen Nischen Lebensäquivalente zu beschaffen, und selbst diese Liquidität versiegte, sollte man sich von den hoch entwickelten Produktivkräften trennen.

Der Versuch, mit einer puristischen Ideologie den Schwierigkeiten und Anstrengungen einer komplexen Massengesellschaft zu begegnen, entspricht dem Doppelcharakter von Religionen. In dem es sie gibt und sie eine andere Welt propagieren, sind sie ein Akt des Protestes gegen das Bestehende. Indem sie eine nicht lebbare Welt favorisieren, tragen sie entweder zur Festschreibung des Bestehenden bei und sind somit reaktionär, oder sie versuchen, soweit politische Mehrheiten sie dazu ermuntern, die Gesellschaft in das puristische Ideal zu pressen, was ohne Gewalt und Unterdrückung nicht möglich ist.

Das Leben, so könnte man folgern, ist immer ein praktischer Kampf um das Bessere, Reine, aber es besteht aus alltäglichen Kontaminationen. Das politische Programm des Purismus führt zu Radikalisierung und Unterdrückung. Der Moralist ist und bleibt die Wurzel der Diktatur.

Republikanische Fadenkreuze

Selbstverständlich existieren Recht und Gesetz. Auch in der ältesten Demokratie der Neuzeit. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist es bis in den Bundesstaat Arizona hinein üblich, nach einer Straftat zu ermitteln, Beweise zu finden, anzuklagen und dann zu verurteilen. Das sind die Vorteile von Rechtsstaaten und in Deutschland sollte man sich mit guten Ratschlägen zurück halten, denn so glorreich ist die Geschichte der Demokratie in unserem Land nicht verlaufen. Der mehrfache Mord an einem Einkaufszentrum in Tucson, Arizona, und die lebensgefährliche Verletzung der demokratischen Abgeordneten Gabrielle Giffords ist anscheinend die Tat eines jungen Mannes, der auf den ersten Blick einen verwirrten Eindruck machte.

Man muss sich dennoch vor Augen führen, was Meinungsmacher im politischen Geschäft zuwege bringen, wenn sie nur radikal genug auf jene wirken, die eben leicht zu verwirren sind. Die Machenschaften der Republikanerin Sarah Palin und ihrer Tea-Party-Bewegung haben durchaus das Potenzial des Straftatbestandes der Volksverhetzung. Seit Monaten ziehen sie in Demagogenmanier gegen Präsident Obama und seine Alliierten zu Felde, diskreditieren die Gesundheitsreform als kommunistisches Machwerk, vergleichen Obama mit Hitler, stellen ihn mit seiner atomaren Abrüstungsstrategie als Komplizen der alten Sowjetunion dar und kontaminieren ihre Auswürfe mit Affronts gegen Minderheiten jedweder Art.

Und die Protagonistin Palin erscheint in den unzähligen Werbespots immer mal wieder mit der Flinte, die sie durchlädt oder sie zeigt Landkarten von Bundesstaaten mit prominenten Demokraten, die sie mit Fadenkreuzen markiert und somit zum Abschuss freigibt. Derartige Manöver haben nichts mehr mit Demokratie zu tun, sie sind darauf angelegt, die inneren Beziehungen eines Landes zu zerrütten und einen Diskurs um den gemeinsamen Weg unmöglich zu machen. Das Attentat auf Gabrielle Giffords und die regelrechte Liquidierung von bisweilen sechs Teilnehmern einer demokratischen Kundgebung kann theoretisch als ein durch einen Kretin verursachtes Unglück gedeutet werden. Aber es sollte Anlass sein, um den rassistischen und demagogischen Stil der republikanischen Opposition zu kritisieren.

Bereits seit einiger Zeit bereitet die hiesige Berichterstattung große Sorge in Bezug auf die Richtung des journalistischen Selbstverständnisses. Einer zu recht kritischen Betrachtung der russischen, weißrussischen oder ungarischen Verhältnisse steht eine scheinheilige, formalistische Position gegenüber, wenn es um die Entgleisungen einer desavouierten Opposition in den USA geht. Eine derartige Passivität kann weder mit Rechtstaatlichkeit noch mit dem Verweis auf das Faktum, dass es sich in den USA um eine Demokratie handele, begründet werden. Gerade das Gegenteil müsste der Fall sein: Der jahrzehntelange Garant für die demokratische Entwicklung in Europa, der sich in einem Selbstfindungsprozess befindet, welcher durch die Auflösung der alten Machtkonstellationen verursacht wurde, läuft Gefahr, seine Werte im Kampf um die Macht allzu leicht preiszugeben und die als Organ der Demokratie geschützte Presse, die unter anderem auch diesen Sachverhalt den USA verdankt, schweigt.