Archiv für den Monat Januar 2011

Ein Affront gegen die kulturelle Hochstapelei

Oskar Maria Graf. Wunderbare Menschen. Heitere Chronik einer Arbeiterbühne nebst meinen drolligen und traurigen Erlebnissen dortselbst.

Oskar Maria Graf, der auf eigenen Wunsch verbrannte Dichter, der mit Beginn der faschistischen Diktatur das Exil wählte, aus dem er nie mehr zurückkehrte, hat der Nachwelt unter anderem hochwertige Literatur über die Zeit der zwanziger Jahre hinterlassen. Der große mündliche Erzähler, der selbst in seiner oberbayrischen Heimat das Bäckerhandwerk erlernt hatte und im Alter von 17 Jahren nach München flüchtete, wo er sich als Schriftsteller versuchte, in anarchistischen Kreisen landete, Weltkrieg und Räterepublik miterlebte und durchlitt, hat mit der Erzählung Wunderbare Menschen etwas hinterlassen, das als Dokument für die Emanzipationsidee von Kunst und Kultur nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Graf schildert in der Erzählung die Versuche der Münchner Arbeiterbühne in den Jahren 1920/21, nach der blutigen Niederschlagung der Räterepublik einen Ort schaffen zu wollen, an dem sich Arbeiter, Handwerker, Tagelöhner und brotlose Künstler zusammentaten, um sich kulturell zu bilden und den Gedanken der sozialen Befreiung zu erhalten. In seiner nahezu rabelaischen Manier schreibt Graf über die vielen profanen Dinge, die ein Theater am Leben halten. Da geht es um Räume und Technik, Darsteller und Komparsen, und immer wieder um die Mittellosigkeit der Betreiber und den Willen der Betreiber, den Laden mit Ideenreichtum weiter laufen lassen zu können. Gerade diese Geschichten, die Graf mit seiner ihm charakteristischen Liebe zu den einfachen Leuten erzählt, lassen sich lesen als pointiertes Gegenstück zu den durch Subventionismus etablierten Kulturbetrieben, deren Ideen sich aus festgelegten Etats ableiten und nicht aus dem Willen, gesellschaftlich etwas zu bewegen.

Besonders die Figur eines Kofferträgers vom Münchner Hauptbahnhof, der zu der zentralen Identifikationsgestalt und Seele dieser Arbeiterbühne avanciert war, macht den schwierigen und beschwerlichen Weg des Kulturerwerbs transparent. Für Graf, der mit seiner Souveränität immer jenseits aller kleinmütigen Anzweiflungen steht, ist es gerade das Schwerfällige am Lernen, das die Sympathie hervorruft. Wunderbare Menschen ist eines der wenigen literarischen Dokumente über proletarische Bildungsbemühungen aus dem letzten Jahrhundert, das ohne Ideologie und Dogmatik auskommt und von einer Menschlichkeit getragen wird, die nur aus der sinnlichen Erfahrung entspringen kann, dabei gewesen zu sein.

Ohne es zu wollen, aber ganz seinem Naturell des Épater le bourgeois entsprechend, ist die Schrift auch ein gehöriger Affront gegen das bis heute immer wieder virulente Milieu kultureller Hochstapelei, in dem sich die Protagonisten zu einer Attitüde der Arroganz aufschwingen, nicht wissend, zu gesellschaftlicher Wirkungslosigkeit verurteilt zu sein, und bei deren Anblick man sich sehnt nach dem Packträger aus dem Münchner Hauptbahnhof, der mühsam einen Text von Schiller liest!

Deutschland und die Schurkenstaaten

Was herrscht in diesem Land für ein Konsens, wenn es an das Zerfleddern der amerikanischen Doktrin der rogue states geht. Schurkenstaaten, so nannte es vor allem die Bush-Administration, seien die, die sich nicht an Freiheit und Gesetz hielten und die verwoben seien mit kriminellen Machenschaften. Und mit Schurkenstaaten dürfe man keine gemeinsame Sache machen, sondern man müsse sie anprangern und in der internationalen Staatengemeinschaft ächten.

Recht so, sagten und sagen in diesem Kontext viele Recht schaffende Menschen, denn, so ihre logisch unbezweifelbare Schlussfolgerung, wo käme denn die internationale Staatengemeinde hin, wenn sie gemeinsame Sache machte mit kriminellen Vereinigungen im Staatsgewand. Das Dumme seitens der Supermacht USA war nur immer und immer wieder, dass ihr nur dann das Schurkenhafte eines Staates gegen den Strich ging, wenn sich die Interessen nicht mit denen der USA deckten. Das war häufig in Südamerika der Fall, wo immer pro nordamerikanische Diktaturen ihre Völker knebelten, das war lange so mit den Philippinen, wo ein Diktator Marcos Unbeschreibliches trieb, aber geostrategisch in die globalen Pläne der USA passte wie der indonesische Tyrann Soeharto, der die größte Kommunistische Partei der Welt im Blut erstickt hatte, um an die Macht zu kommen und das ist seit Jahrzehnten mit Saudi Arabien so, einem reaktionären kriminellen Sklavenhalterstaat, dem kein Kriminaldelikt in seinem Regierungshandeln fehlt, aber der den Zugriff auf die Ressource Öl garantiert.

Die Kritik hierzulande an einer derartig perfiden moralisierenden Politik ist berechtigt und es täte den USA gut, wenn sie sich davon verabschiedeten. Die Bundesrepublik Deutschland aber aufgrund dessen von Verfehlungen freizusprechen, wäre einer der vielen unverzeihlichen Fehler, die aus einem tumben Anti-Amerikanismus allzu häufig entstehen. Denn auch die deutsche Außenpolitik ist nicht schlecht in der Fraternisierung oder Duldung von Schurkenstaaten, sofern die Kasse stimmt. Das war so mit Soehartos Indonesien, dessen letzter berufsmäßiger Killer Prabowo sogar auf deutschen Militärakademien geschult wurde, solange die indonesische Flugzeugindustrie von deutschen Vertragswerken abhing und solange die Meyer-Werft exklusiv die Fähren in den Staat der 13.000 Inseln lieferte. Soeharto, dessen Putsch in den sechziger Jahren 2 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte und als Operacion Jakarta die Modellvorlage für den Staatstreich der chilenischen Militärs in Chile diente, wurde bis es nicht mehr ging von deutschen Diplomaten getragen, es waren schließlich 1998 die letzten, die das Land während dessen Sturz verließen.

Und nun reiben sich viele die Augen, als sie im Zeitalter der frei zugänglichen Informationen ganz unerwartet und plötzlich erfahren, dass im Land des billigen Urlaubs und der gemäßigten Verhältnisse Tunesien seit 23 Jahren die überaus korrupte Familie Ben Alis mit der wohlwollenden Duldung der Bundesrepublik geherrscht und das Land an den Abgrund geführt hat. Es gibt keinen Grund für eine moralische Entrüstung, sondern für eine Aufarbeitung der deutschen Beziehungen zu Schurkenstaaten.

Das Großartig-Infantile des Bebop

Joe Lovano, Us Five. Bird Songs

Charlie Parker, Bird, hat es in seiner kurzen Karriere vermocht, vielleicht nur ähnlich dem Blueser Robert Johnson, fast genauso viele Standards resp. Songs von klassischem Rang zu hinterlassen, wie er insgesamt komponiert hat. Nicht ein Stück fiel bei der nun Jahrzehnte wähnenden Kritik des Bebop durch, millionenfach werden die Parker-Themen täglich rund um den ganzen Globus von ambitionierten Saxophonisten gedudelt. Das Unbeschreibliche an Charlie Parkers Stücken ist ihre Eingängigkeit. Gleich Kinderliedern muten die Melodien an und folglich sind sie auch spielbar. Die Hürde für den, der sie covert, beginnt allerdings sofort, sobald es in den Improvisationsteil geht, den dann beginnt der Schwindel, verursacht sowohl durch das Spieltempo als auch der damit verbundenen Akkordwechsel.

Seit je her ist es ein hoch riskantes Unterfangen, auch als längst etablierter Musiker, sich an das Covern von Stücken zu machen, deren Solisten längst in der Hall of Fame ruhen. Zu groß ist die Gefolgschaft, die gleich Katecheten darüber wacht, ob nicht auch jeder Ton und jede Phrasierung des Originals des Halbgottes reproduziert wird. Umso mutiger ist die nun vorgelegte Sammlung von Parker-Stücken durch Joe Lovano, der zusammen mit der Band Us Five insgesamt 11 der All Time Favorites des Bebop-Giganten ausgewählt hat.

Die Interpretation der Parker-Tunes beginnt mit Passport und gleich dort wird deutlich, dass man es mit sehr intelligenten, gekonnten und gelungenen Interpretation Parkers zu tun hat. Lovano, im Gegensatz zu Parker Tenorist, intoniert mit dem Kinderlied gleichenden Thema, und zwar so lange, bis auch der unerfahren Hörende das Ganze reminiszieren kann, bevor die Band, deren Eigenart und Wesen durch das Vorhandensein von zwei Schlagzeugern erklärt werden kann, die folgenden Interpretationslinien Lovanos untermalt. Die Rhythmik ist grandios leicht und der Groove spritzig und beschwingt. Die Todesschleifen der Parkerschen Interpretationsmuster erscheinen wie ein Kinderspiel. Sowohl bei Donna Lee, Barbados, Dexterity und der sakralen Yardbird Suite bleiben sich Interpret und Band dieser Linie treu und es gelingt ihnen etwas, das den Kern des großen Parkers trifft: Die Vereinigung von Infantilität und Artistik, die eine hohe Professionalität erfordert, aber dennoch in ihrer Wirkung verspielt bleibt.

Die Interpretation der Ballade Lover Man hingegen wird zu einem echten Lovano. Er nimmt die Tragik, die in ihrer melancholischen Schwere alle Herzen bricht, in starkem Maße heraus und interpretiert das Thema mit der Distanz des Wissenden, der das Scheitern zum Lauf der Welt gehörig akzeptiert hat. Das Stück wird dadurch anders, aber ebenso interessant wie das Original.

Die Bird Songs von Lovano und Us Five sind eine gelungene Referenz an den großen Bird und eine wirkliche Bereicherung für das Arsenal des Bebop.