Das Herz herausgerissen: Nachkriegsflächenmanagement in Rotterdam

An einem der Hafenbecken im Zentrum von Rotterdam ist der Hinweis zu finden: Eine monumentale Stahlskulptur zeigt einen nach hinten fallenden Menschen, dessen Herz bereits herausgerissen ist und dort nur noch ein Loch hat. Es ist der Verweis auf das Totalbombardement eines deutschen Luftangriffs im Sommer 1940. Der Hafen und das Zentrum Rotterdams wurden ausradiert. Heute, im 71. Jahr danach, wird deutlich, welche Folgen auf die urbane Entwicklung des heutigen Weltcontainerhafen Nummer Eins der kriegerische Akt hatte.

Nicht, dass die wirtschaftliche und urbane Entwicklung Rotterdams hätten verhindert werden können. Der strategische Wert des Hafens war für die Dauer des Krieges eliminiert, für die Zeit nach dem Krieg konnte er nicht beseitigt werden. Durch die historische Bindung an eine weltweite maritime Infrastruktur, die Fähigkeit, die globalen Handelsnetzwerke zu nutzen und die Intensität des Wiederaufbaus gelangte Rotterdam zu einer Vormachtstellung in den Welthandelsbeziehungen.

Das Gesicht der Stadt sollte jedoch ein anderes werden. Nirgendwo sonst ist es möglich, auf relativ überschaubarem Raum die verschiedenen Epochen der Nachkriegsarchitektur dermaßen konzentriert zu beobachten. Kaum ein Areal verweist auf eine zusammenhängende gestalterische Konzeption, der aktuelle Bedarf und der Wille, im Jetzt Zeichen für die Wiedergeburt der Metropole zu setzen, haben in der Gesamtheit ein Bild eklektizistischer Baupolitik entstehen lassen. Isoliert betrachtet sind viele Gebäude eine Referenz an den jeweiligen Zeitgeist. Ob sechziger, siebziger, achtziger, neunziger Jahre oder die erste Dekade im neuen Jahrtausend, avantgardistische Architekten drückten dem Ensemble mit ihren Ideen durchaus einen Stempel des Pioniergeistes und der Verwegenheit auf. Dennoch, im Gesamtarrangement wirkt heute vieles missraten und deplatziert.

Die gegenwärtige Stadtregierung hat sich zur Aufgabe gemacht, dieser Nachkriegslandschaft einen neuen Impuls zu geben, der der Heimat eines Welthafens angemessen ist. Mit einem im Rekurs auf das Bombardement und die erwähnte Skulptur kreierten Slogan: Horch, hier schlägt das neue Herz von Rotterdam, wummert die wohl größte metropolitane Baustelle Europas ihrem Ziel entgegen, Rotterdam ein neues, eine Gesamtkonzeption verratendes Zentrum zu geben, das dem aktuellen Zeitgeist entspricht und in die Zukunft weist.

Der Preis, mit dem die Erneuerung einhergeht, ist die Gentrifizierung von an die zweite Hafenlinie angrenzenden, nicht zerstörten Wohngebieten, die von dem Hafenproletariat bewohnt wurden und nun durch die Heuschrecken der kreativen Klasse geräumt und befriedet werden. Vieles deutet darauf hin, dass das neue Herz aufgrund der sozialen Sterilität ein artifizielles sein wird. Ob es in der Lage sein wird, irgendwann von alleine zu schlagen, steht in den Sternen. Es wird abhängen von dem sozialen Ensemble, das es umgibt.