Joe Lovano. Celebrating Sinatra
Joe Lovano, einer der unangefochtenen und großen Jazz Tenorsaxophonisten der USA, Sohn des legendären Big T Lovano, seinerseits bereits eine Nummer 1 des Jazz, sozialisiert nicht mehr in dreckigen Schuppen und öligen Bordellen, sondern auf den Konservatorien im Norden Amerikas, in denen der Jazz schon lange zum Kulturerbe der großen Nation gehören, Joe Lovano, der mit Werken wie From the Soul und Folk Art demonstriert hat, wie das Saxophon den zeitgenössischen Jazz am dreistesten und feinfühligsten phrasiert, dieser Joe Lovano besitzt die Chuzpe, sich Frank Sinatras Songs vorzunehmen und in die hastige Moderne zu werfen.
Mit Celebrating Sinatra ist Joe Lovana etwas sehr Seltenes gelungen. Er hat es vermieden, nostalgisch zu interpretieren und ist nicht dem nahe liegenden verfallen, die Melodie der Sinatralieder lediglich als Etüde für das Präludium einer Totalverfremdung zu nehmen. Das Geniale an Lovanos Experiment ist die gelungene musikalische Erzählung der Integrationsleistung der Italiener in der Neuen Welt.
Sinatra, dessen Generation die duale Übung zwischen Assimilation und wirtschaftlicher Parallelwelt zumeist gelungen ist, etablierte sich mit diesem Kunststück. Lovanos Generation hingegen hat längst den eigenen amerikanischen Rhythmus gefunden und internalisiert. Die Einwanderung der katholischen Vorfahren, die ihre eigene Küche und Kirche mitbrachten, ist zwar immer noch präsent, aber als eine kollektive Geschichte eines amerikanischen Bewusstseins. Joe Lovano zitiert die noch so präsente Geschichte nach der Erzählung Sinatras und bringt es fertig, sie in zeitgenössische Weisen zu transponieren.
Egal, welche Songs man aus dem Sortiment nimmt, die Spannung zwischen den Hits aus Sinatras Zeit und einer Jazzimprovisation aus dem Nach-Bebop ist immer präsent. Bei Yo´ll never Smile Again wirkt das noch kakophonisch, bei Chicago dominiert der Rhythmus der Neuen Welt die verträumte europäische Melodie, bei Imagination hört die Neue Welt der Alten noch einmal artig zu, aber dann zerfließen die Bewegungsabläufe der alten europäischen Immigration. Spätestens bei South Of The Border dirigiert eine neue Weise das Geschehen und bei den Bearbeitungen von I´ve Got You Under My Skin oder The Song Is You existieren mehr Analogien zu der Partitur von Porgy and Bess als zu einer klassischen Wiedergabe der tatsächlichen Sinatra Hits.
Joe Lovano selbst spielt das Tenorsaxophon mit einer Virtuosität, die große Schlichtheit erlaubt. Fast spärlich setzt er es ein, mal kehlig rau, mal wimmernd, mal krachend, aber meistens betörend lyrisch intoniert, eben so, wie es nur einer kann, der sein Instrument beherrscht und die Geschichte kennt, die er erzählen will. Zudem, und das ist der Glücksfall, teilt Lovano die großen Gefühle, die hinter den erzählten Geschichten stecken.
