Wer in Deutschland aufgewachsen ist, weiß ein Lied davon zu singen, wie groß die Ängste vor dem bloßen Dasein sein können. In kaum einer anderen westlichen Massendemokratie wird soviel von Sicherheit hier und Angst dort geredet und geschrieben. Das geht soweit, dass in anderen Sprachen sogar von the german angst gesprochen wird, weil sich die Form der psychotischen Übersteigerung im eigenen Vokabular gar nicht findet. Alles erregt Angst, und redet man gar von bevorstehenden Veränderungen, brechen alle Dämme. Da ist es nicht unbedingt beruhigend, dass es noch andere Gesellschaften und Kulturen gibt, wo es ähnlich zugeht. Fakt ist nämlich, dass mit der Angst und dem Unsicherheitsgefühl eines Großteiles der Population seit jeher Politik gemacht wird. Und zwar eine Politik, die auf irrationalen Gefühlen basiert, und nicht auf Einsicht und Vernunft.
Didaktisch war es immer schwer, den Deutschen die Relativität der Lebensängste zu verdeutlichen. Letztere galten immer als absolut und unteilbar. Obwohl, und an dieser Stelle findet sich vielleicht der Schlüssel für die Lösung des Problems, obwohl die Geschichte der Bundesrepublik eine Variable freilegt, die sehr gut einen Konnex beschreibt. Es ist nämlich statistisch belegbar und valide, dass die Unsicherheit in den großen Städten dieses Landes im Laufe der Existenz der Bundesrepublik drastisch gesunken ist. Das heißt, legt man die Anzahl pro Kopf der Kriminaldelikte, derer die Zivilbevölkerung in den Großstädten zum Opfer fiel, zugrunde, dann sind die Ballungszentren im Jahr 2010 weitaus sicherer gewesen als noch 1965 oder 1975. Befragt man hingegen die Bevölkerung, dann bekam man in den Jahren weitaus höherer Kriminalzahlen ein wesentlich ausgeprägteres Sicherheitsgefühl berichtet als in den jüngsten Jahren, in denen es objektiv sicherer zuging.
Ein Faktum, das zwischen diesen unterschiedlichen Empfindungen liegt, ist sicherlich das durchschnittliche Lebensalter der Befragten. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass mit der Alterung unserer Gesellschaft die Ängste drastisch zugenommen haben, auch wenn sowohl die Polizeidichte stieg als auch deren Ausrichtung sehr stark modernisiert wurde. Diese Ergebnisse vor Augen wird ebenfalls sehr schnell deutlich, warum die großen, gegenwärtig am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt, in denen der darwinistische Daseinskampf ungeheure Formen angenommen hat, von den jeweiligen Bewohnern als relativ sicher empfunden werden: Die dortige Bevölkerung ist wesentlich jünger und sieht sich selbst sehr selbstbewusst in einem noch ausstehenden Verteilungskampf, während in unseren Ballungszentren überalterte Kohorten um Besitzstände zetern.
Bei den Diskussionen um die Sicherheit der Gesellschaft sollten wir uns vergegenwärtigen, dass das Unsicherheitsempfinden in Bezug auf die zu erwartende alltägliche Kriminalität durch biologistische Funktionsmechanismen maßlos überbewertet werden, während tatsächliche Bedrohungspotenziale wie durch internationale Terrorkartelle eher tabuisiert sind. Das stimmt, so könnte man sagen, hinten und vorne nicht. Und, da wagt mal wieder keiner, die Wahrheit zu formulieren, sondern ganz im Gegenteil, es werden kostspielige Placebos aufgefahren.
