Archiv für den Monat Dezember 2010

Konsenserfordernisse im Kommunikationszeitalter

Michael Tomasello. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation

Wenn es einen Konsens in Bezug auf die Attributierung unseres Zeitalters gibt, dann ist es der, dass wir uns im Kommunikationszeitalter befinden. Was wir damit meinen, ist dann meistens schon nicht mehr so konsensfähig, denn die Vorstellungen darüber driften sehr weit auseinander. Auffallend ist nur, dass die meisten Deutungen sich auf die Medien und deren technischer Architektur beziehen und weniger auf die Grunddisposition humaner Kommunikation. Vielleicht ist es genau diese technokratische Version, in der wir von Schnittstellen und Servern, von technischen Codierungen und terristischen Vernetzungen reden, die das Tohuwabohu um die Kommunikation und das vermeintlich passende Maß so komplettieren.

Michael Tomasello, seinerseits Kodirektor am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, hat das Ergebnis einer Forschungsreihe unter dem Titel Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation veröffentlicht und damit einen überaus wichtigen Beitrag geliefert, der helfen könnte, von der technokratischen Monothematisierung wegzuführen und die humane Dimension beim Thema Kommunikation wieder ins Zentrum der Betrachtung zu ziehen. In einer kurzen methodologischen Note weist Tomasello gleich zu Anfang des Buches darauf hin, dass es sich um eine Arbeit handelt, in der anthropologisch verwertbare Ergebnisse angestrebt werden und dass er einen Schlüssel für gelungene Kommunikation in geteilter Intentionalität sieht.

Über Studien mit Primaten kommt er zu Kooperations- und Kommunikationsformen der Menschen, deren ontogenetischen Voraussetzungen zu finden sind in der Sozialität und der Bedingung von gemeinsamer Sprache. Trotz aller Unterschiede in der Entwicklungsgeschichte sieht Tomasello diese Grundlagen als die essenziellen Bedingungen für menschliche Kommunikation an. Er hinterlegt dieses immer wieder mit Beispielen und lässt darüber keinen Zweifel aufkommen. Ob es eines ganzen Buches bedarf, um diese Erkenntnis zu Tage zu fördern, sei dahin gestellt. Allerdings existieren noch andere Leseinteressen als die an der Quintessenz. Sie beziehen sich auf die Methodik und die Erkenntnis leitende Fragestellung des Forschers. Und auch in dieser Hinsicht wird der Leser reichlich entlohnt.

Sollte man hingegen von den endlosen, fruchtlosen und zum Teil demagogisch geführten Diskussionen um eine unzureichende Kommunikation genug haben und seit langem nach einer Erklärung für die kontraproduktiven Positionen von Gegnern einer gestaltenden Entwicklung suchen, so führt die Quintessenz Tomasellos durchaus zu einer kognitiven Bereicherung: Wenn es an einer psychologischen Infrastruktur geteilter Intentionalität fehlt, scheitert jede Kommunikation. Das Fehlen selbst ist nicht mit kommunikativen Quantitäten, sondern an anders gearteten Interessen zu erklären. Und die liegen nicht selten bei denen, die sich an der gescheiterten Kommunikation verlustieren. Insofern muss man die Mystifikation enthüllen, um die Kommunikation zu ermöglichen.

Rough Home, Chicago!

Buddy Guy. Living Proof

Buddy Guy, der in der ganz großen Tradition des Electric Blues steht, muss heute als einer der wenigen Vertreter dieses Genres gesehen werden, die noch etwas mitbekommen haben von der Atmosphäre, als die Habenichtse aus dem Mississippi-Delta mit nichts anderem in Chicago ankamen als ein paar Äpfeln in der Tasche und einer abgetakelten Gitarre über den Schultern. Robert Johnson hatte dem Reiseziel mit Sweet Home, Chicago eine Hymne dargeboten, bevor man ihn erschoss. Keine Musikrichtung weist in ihren Annalen soviel Leid, soviel Abenteuerliches und so viele Revolvergeschichten auf wie der Electric Blues, der in Chicago entstand. Buddy Guy, nun 74, natürlich noch viel zu jung, um die Gitarre in die Ecke zu legen, hat jetzt mit Living Proof ein erstes musikalisches Resümee seiner eigenen Biographie in dieser Stadt und in diesem Blues vorgelegt.

Mit dem ersten Song, 74 Years Young, erleben wir nicht nur beide musikalische Seiten, indem Guy sowohl die akustische als auch eine heftig elektrisch verstärkte Gitarre einsetzt, sondern auch die textliche Ankündigung seines Programms. Ganz in der Tradition des Blues sind es die Frauen, die in seinem Leben immer noch so dazu gehören wie die Luft zum Atmen, es ist die Musik wie die Wanderung vom Mississippi in die Windy City. Diese Geschichte ist es, die uns in der Stadt Chicago erzählt wird. Die wirklich beeindruckende Nachricht dieses Albums insgesamt ist die Tatsache, dass Buddy Guy gänzlich ohne musikalische Nostalgie auskommt. Er erzählt die Geschichte vom Endpunkt des Electric Blues, verstärkt, schnell, heftig, temperamentvoll, zuweilen unterstützt von aggressiven Bläsersätzen und mit einer Stimme, die immer noch im Kampf zuhause ist.

Da kommen dann neben erzählerischen Stücken wie On The Road und Stay Around A Little Longer ganz beiläufig ein Blues wie Key Don´t Fit vor, der sich von Intensität wie Virtuosität nicht hinter Red House von Jimi Hendrix verstecken muss. Wie schon bei dem Stones Konzert im New Yorker Beacon Theatre, als Buddy Guy als Special Guest für den Muddy Waters Song Champaign & Reefer auf der Bühne erschien, macht er auch auf dieser CD deutlich, dass da noch einer unter uns weilt, der aus einer ganz anderen Zeit stammt, der aber überhaupt nicht gewillt ist zu schweigen, sondern seinen Platz mit Glanz behauptet.

Im Titelsong Living proof wird dieses überdeutlich, indem er, unterstützt von einem amazonenhaften Chor der Welt entgegen schreit, dass er der beste Beweis dafür ist, dass noch was geht, mit dem Blues wie mit seiner so geliebten Heimatstadt Chicago. Und mit einem Shuffle, der schlechthin steht für die Vorwärtsbewegung, unterstreicht er seine Parole, die jede Form der Kapitulation ausschließt mit: Too Soon! Obwohl, und auch das ist Buddy Guy, er natürlich weiß: Everybody´s Got To Go! Buddy Guy ist besser denn je, und wer den Blues liebt, der wird mit Living Proof seinen Spaß haben.

Verhängnisvolle Wahrnehmungsfehler

Schon in der Antike trug es sich zu, dass die Phantasien der Herrscher als eingetroffen zu gelten hatten, wenn diese sich durch eine strukturelle Vorbereitung darauf einstellten. Das Personal war dafür bestes Indiz. Man galt schon als Vertreter des göttlichen Willens, wenn man Diener Gottes in seinem Gefolge ansiedelte, deren Aufgabe es war, die Göttlichkeit des weltlichen Handelns zu deuten und dem Herrscher dadurch vor dem Volke zu attestieren, wenn nicht Gott selbst, so doch Liebling der Götter zu sein.

Die Aufklärung, jener grausame Prozess der Entzauberung der Welt, machte mit dieser Verfahrensweise zumindest für einige Jahrhunderte Schluss. Die cartesianische Logik, deren Wesen es war und ist, eine Kausalität zwischen verschiedenen qualitativen Zuständen herzustellen, hat dem Wunschdenken, welches eben so sehr die Realität in der Niederkunft des Scheines sieht, mit der Guillotine des scharfen Verstandes ein jähes Ende gesetzt.

Dass wir uns heute, am Fuße des so verhängnisvollen 21. Jahrhunderts, nicht in einer Blütezeit der Aufklärung befinden, wird uns täglich zur trauervollen Gewissheit. Der Schein hat die Herrschaft übernommen und das tatsächliche Sein unterliegt dem Verdacht, nichts anderes im Sinn zu haben als den flüchtigen Gemütern die gute Laune zu verderben. Qualitative Aussagen machen die meisten Zeitgenossen schon nahezu hilflos und numerische Größen verstrahlen einen Glanz, in dessen Vergleich sich sogar die Sonne schämt.

Betrachten wir das Handeln in der Öffentlichkeit, welche durch das Informations- und Kommunikationszeitalter immens gewachsen ist, so stellen wir zunehmend fest, dass die epistemologische Anlage antiker Herrscher längst in den grauen Alltag der Postmoderne wieder Einzug gefunden hat. Immer wieder hören, sehen und lesen wir, wie die Ankündigung einer Maßnahme gleichgesetzt wird mit der Erreichung des erstrebten Zustandes, den die Maßnahme bewirken soll. Ob es sich dabei um die Unterbindung von Finanzspekulationen durch gewisse Regulierungsverfahren, die Verbesserung der schulischen Bildung durch kleinere Klassenteiler oder die gesündere Volksernährung durch Informationen auf der Verpackung handelt – der antike, vor-aufklärerische Glaube dominiert, durch die regulierende Maßnahme das Ziel erreichen zu können oder bereits erreicht zu haben.

Man könnte sagen, so hat jedes Zeitalter seine eigenen, Mythen stiftenden Paradigmen, was übrigens wohl so ist, man muss allerdings auch sagen, dass die Mythen sich irgendwann auf die Psyche auswirken, wenn sie nämlich die Trennung von Schein und Sein zu einer sich ständig wiederholenden, existenziellen Erfahrung machen. Dann fängt es an zu spuken in Kopf und Seele, und diejenigen, die das dann gar nicht mehr aushalten, werden gar gewalttätig und dann wird es richtig ungemütlich. Wir sollten also ständig daran denken, wenn die Gurus des Scheins über unsere Displays schimmern, dass sie auch als Vorboten böser Auseinandersetzungen mit Fug und Recht zu interpretieren sind.