Archiv für den Monat Dezember 2010

Kontinentale Träume

Annie Leibovitz. American Music

Jahrelang war die Ausnahmefotografin Annie Leibovitz für das Rolling Stone Magazine unterwegs und hatte sich bereits einen Namen gemacht. Ihr war es immer wieder gelungen, Musiker in Situationen festzuhalten, die mehr aussagten als der Act auf der Bühne oder die Konzentration im Studio. Mit dem Bildband American Music hat die Künstlerin, ja, als solche muss man sie unbedingt bezeichnen, eine Reise vom Süden in den Norden und vom Osten in den Westen der USA unternommen, um das Wesen dieser historischen wie musikalischen Wanderungsbewegung in Fotografien zu bannen. Schwer genug, wie immer, wenn ein anderes Medium etwas über wiederum fremde Welten erzählen soll. Aber es ist gelungen.

Die Aufnahmen erfassen die Protagonisten der amerikanischen Populärmusik ebenso wie die vielen Unbekannten, die mit einer Gitarre in der Hand in irgendeiner Kaschemme stehen oder auf dem Feld stehen und singen. Natürlich sind die Giganten vertreten, Johnny Cash genauso wie B.B. King, Bo Diddley wie Hank Williams, Aretha Franklin wie Etta James, Miles Davis wie Willy Nelson, Neil Young wie Patti Smith, Lou Reed wie John Lee Hooker. Obwohl man aufgrund der Namen das Gefühl haben könnte, ein optisches Who Is Who der zeitgenössischen amerikanischen Musik in die Hand zu bekommen, wird diese Vorahnung nicht eingelöst. Annie Leibovitz ist es gelungen, eine Faszination einzufangen, die jenseits der Zelebrität und des Starkultes liegt, ganz im Gegenteil werden selbst die ganz Großen auf den Fotografien ihrer mächtigen Aura entledigt und ihr Ausdruck auf das Wesentliche reduziert. Und dann sind sie nicht interessanter wie die unzähligen No-Names, die mit irgendwelchen selbst gemachten Instrumenten auf Autowracks sitzen und den Blues in den Himmel Louisianas schreien.

Wie überhaupt die Orte in starkem Maße dazu beitragen, aus den Musikern ganz normale Menschen zu machen. Man sieht sie nicht dort, wo das fertige Produkt die Produzenten verlässt, sondern dort, wo sie sich während der tatsächlichen Produktion aufhalten. Hinter den Bühnen, auf den Straßen, in Hotelzimmern, auf Fahrersitzen, in den Diners, an Tankstellen, überall dort, wo das große Paradigma der amerikanischen Siedlergesellschaft zuhause ist. Da ist kein Platz für die Pose, der herrscht Anstrengung oder Erschlaffung, oder es kommt zum essenziellen menschlichen Kontakt.

Das Große, Unglaubliche, Bewegende dieser Aufnahmen jedoch sind die Augen der Musikerinnen und Musiker. Annie Leibovitz ist es gelungen, den großen, kontinentalen Traum von Freiheit und Selbstverwirklichung mit seiner Anstrengung, seinem Scheitern, seiner Enttäuschung und seiner unglaublichen, unbegrenzten Intensität einzufangen. Da sind Texturen, die beigefügt und exzellent sind, dennoch überflüssig. Da sind Bilder, die aufwühlen und keiner Ruhe mehr Raum geben!

Das Toben der Kairophoben

Mit dem Niedergang von Systematik und Industrialismus beklagen viele Menschen den Rückgang des durch Fleiß, Disziplin und Anstrengung verursachten Erfolges. Das, was man in geordneten, überschaubaren Systemen ohne große Irritation messen konnte, ist auf vielen Feldern der menschlichen Arbeit nicht mehr vorhanden. Denn wie will man die einzelne Idee, wie den vernetzten Beitrag, wie das Apercu in einem größeren Produktionszusammenhang noch bewerten, und, schwieriger noch, wie will man ihn überhaupt noch erkennen? Die Zeiten gemessener Anschläge, bemalter Fläche oder zählbarer Formulierungen sind lange dahin und wir haben, vor allem in intelligenten Produktionszusammenhängen etwas, das auf einer ganz anderen Ebene zu einer erneuten Verzauberung der Welt geführt hat. Es gibt wieder Gesamtkunstwerke, die eine Aura versprühen, die jenseits der kleinlichen Messbarkeit liegt!

Da ist es kein Wunder, wenn sich bei vielen der verunsicherten Beobachtern der Eindruck immer gewaltiger Platz verschafft, dass der bloße Zufall dazu führt, inwieweit Menschen Erfolg haben. Oft, und nun seit geraumer Zeit auch unter einer Überschrift, wird kolportiert, man müsse nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um Erfolg zu haben. Und da man die Trivialität der Deutung nicht allein im Raume stehen lassen will, bemüht man natürlich auch gleich die antike Götterwelt, um die merkwürdige Idee zu untermauern. Der Gott Kairos, übrigens kein Protagonist in der griechischen Götterwelt, sondern eher eine Edelkomparse, muss nun herhalten, um den Zufall als Erfolgsprinzip auf den Thron zu heben.

Kairos selbst ist von seiner Beschaffenheit auch gut dazu geeignet, denn er trägt an der Stirn die volle Haarpracht, während der Hinterkopf kahl ist. Damit wird verdeutlicht, dass man ihn nur von vorne kommend, quasi von Angesicht zu Angesicht beim Schopf packen kann, lässt man ihn hingegen vorbeihuschen, weil man sich nicht ganz sicher ist, dann kann man ihn an der kahlen Stelle nicht mehr fassen.

Aufschluss über das Prinzip Kairos in der heutigen Zeit gewinnt man aber nur dann, wenn man die etymologische Entwicklung in die Psychologie gleich mit in Betracht zieht. Dort existiert nämlich der Begriff in dem Terminus der Kairophobie, die die Situations- und Entscheidungsangst beschreibt. Letzteres als Phänomen hingegen ist in unseren Zeiten eine Massenerscheinung, denn Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen, das möchten selbst die nicht, die den Zufall als Erfolgsrezept zu verkaufen suchen.

Die moderne Kairologie ergibt erst dann einen Sinn, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Mut des Handelns zumeist bei denen liegt, die sich auf ein solides Können stützen können. Ergreifen sie die Gelegenheit, oder besser gesagt den Gott Kairos am Schopf, dann ist das ein göttliches Ereignis, weil sich daraus etwas Gutes entwickeln kann. Scharlatane greifen auch nach ihm, doch verflüchtigen sie sich genauso schnell, wie er vorbeirauscht.

PISA: Kulturtechniken und Bildung

Angesichts immer virulenter werdender Probleme bei der Beantwortung der Frage, was zu den Bildungsgrundlagen einer komplexen Gesellschaft gehören sollte, ist es sinnvoll, eine Differenzierung vorzunehmen. Denn eine Gesellschaft generiert sich aus verschiedenen zivilisatorischen Schichten. Dazu gehören Werte und soziale Fertigkeiten, dazu gehören Kulturtechniken und dazu gehört Bildung. Der Vorteil einer derartigen Schichtenbetrachtung liegt in der Ermöglichung einer Ursachenzuordnung, die bei einer bloßen Aufteilung in Bildung und Soziales nicht mehr stattfinden könnte. Genau in letzterem liegt nämlich das Dilemma, denn bei den Testaten über mäßige Leistungen bei der Bildung wird die Unterscheidung zwischen Kulturtechnik und Bildung schon gar nicht mehr vorgenommen und somit suggeriert, Maßnahmen gegen das Nichtvorhandensein oder die Erosion von Kulturtechniken seien bereits Meilensteine bei der Verbesserung der Bildung.

Eine Gesellschaft wie die unsere, die einen Weg hinter sich hat, der über die Religion zur Philosophie und über die Aufklärung zum Recht ging, deren Grundlage die cartesianische Logik des Westens ist, hat sich als kulturelle Basis bestimmte Techniken zur Bedingung gemacht, die mit den Begriffen Schreiben, Lesen und Rechnen minimalistisch beschrieben sind. Die Glieder unseres Gemeinwesens werden nur dann zu selben, wenn sie in der Lage sind, an der verschriftlichten Verkehrsform aktiv teilzunehmen und eine Vorstellung von der Mittelbarkeit von Messen und Bewerten besitzen. Beides ist die Grundbedingung der Teilhabe.

Bildung hingegen geht darüber hinaus. Bildung ist die Verfeinerung und qualitative Anreicherung der Kulturtechniken. Zu dem Können kommt Wissen, das dazu befähigt, Horizonte zu öffnen, zu vergleichen, zu abstrahieren, zu bewerten und zu reflektieren. Das Maß der jeweiligen Befähigung zu diesen Fertigkeiten bestimmt über den Grad und das Privileg der Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Bildung ist ohne Kulturtechniken nicht zu erlangen. Kulturtechniken selbst sind noch keine Bildung.

Bei den aktuellen Ergebnissen der von der OECD vorgelegten Vergleichsstudien zum Thema schulischer Bildung trifft man leider auf eine Unschärfe, die es ermöglicht, die Dramatik der immer noch schlechten Resultate deutscher Schülerinnen und Schüler, diesmal im Lesen, herunter zu spielen. Die Ergebnisse werden exklusiv als Bildungsthema kommuniziert und verleiten zu dem Trugschluss, wir befänden uns bereits auf dem Niveau von Bildung, obwohl wir über Defizite bei der Beherrschung von Kulturtechniken sprechen müssen.

Erst bei einer aufbauenden Analyse der aktuellen Studien taucht die Dimension der Abstraktion und Reflexion auf, bei der prompt die in Deutschland beobachteten Schüler noch einmal signifikant zurückfallen. Was logisch ist, denn bei Schwächen in den Kulturtechniken liegt eine Potenzierung des Problems bei der Bildung auf der Hand.