Archiv für den Monat Dezember 2010

Amok, die Zeit und die Weite des Landes

No Country For Old Men. Regie Ethan & Joel Coen

Die Verfilmung von Corman McCarthys Roman wäre ohne große Interpretationsleistung möglich gewesen, denn der Text entspricht in seiner spröden, sehr schnittartigen Anlage durchaus einem Drehbuch. Die wesentliche Aussage des Romans dreht sich um die Erosion der Werte in einer sich wandelnden Zeit. Nicht nur der Polizist Bell, sondern auch dessen Vater symbolisieren unterschiedliche Alterungszustände von Männern, deren Werte keine Rolle mehr spielen. Während Bell, selbst noch im Arbeitsleben, heftig über den Verfall der Sitten räsoniert, hat sein scheinbar verwahrloster Vater, seit langem nicht mehr im Arbeitsleben, bereits das Stadium der zynischen Vernunft erreicht und bewegt sich jenseits des schmerzhaften Erkenntnisprozesses, keine wesentliche Rolle im gesellschaftlichen Leben mehr zu spielen.

Die Coen Brüder haben mit ihrer filmischen Inszenierung zwei Akzente gesetzt, die latent zwar in der Romanvorlage immer am Lesehorizont flimmern, aber nicht explizit thematisiert werden. Durch die Darstellung des scheinbaren Amokschützen Wells, der mit einer Sauerstoffflasche und einem daran angeschlossenen Schlagbolzen sein Killergeschäft verrichtet, ist es gelungen, die Eigendynamik der technischen Entwicklung in ihren teilweise absurden Varianten als eine Form der Normalität darzustellen, die sprachlos macht. Für Wells ist sein Vorgehen wie die Hinrichtungsmethode bereits das Gewöhnliche, während die Beobachter von Entsetzen geschüttelt werden.

Der zweite Akzent ist die Gleichförmigkeit der historischen Bewegung, die sich nirgends besser darstellen lässt wie im Texas an der mexikanischen Grenze, wo man 24 Stunden am Tag geradeaus fahren kann, ohne von der Straße abzukommen. Die Weite des Landes, die Gleichförmigkeit der Bewegung und die scheinbare Leblosigkeit ertasteter Horizonte führt zu der Illusion der Ereignislosigkeit. Und gerade diese Illusion wird durch die Schnelllebigkeit der Handlung brutal zerstört.

Die Titel No Country For Old Men suggeriert an sich ein metropolitanes Handlungsfeld, in dem die Rasanz der Bewegung zur kollektiven Metapher gehört. New York, Tokio, Shanghai wären Plätze, die man ad hoc dem Titel zuordnen würde. Der Film besteht vor allem mit seiner vermeintlichen Langsamkeit der Handlung und den Bildern der texanischen Landschaft aus einem grandiosen Verfremdungseffekt. Der Einzug der Moderne in das Szenario der archaischen Siedlergesellschaft erhält durch die Filmregie eine verstörende, teilweise absurde Note, die das hilflose Betrachten dieser Entwicklung durch die alternden Männer symbolisiert. Daher eignet sich der Film auch dazu, über das Phänomen im Allgemeinen nachzudenken. Was machen die Protagonisten, wenn sie keine Rolle mehr spielen und zunehmend um ihre eigene Bedeutungslosigkeit wissen? Großes Kino, gespickt mit verschlüsselten Botschaften!

Die toten Augen des Liberalismus

Die durch die Globalisierung verursachte wachsende Komplexität hat auf die Modelle politischer Steuerung von Nationalstaaten unterschiedlich gewirkt. Als natürlicher Reflex auf eine wachsende Diffusion hatten sich zunächst Initiativen entwickelt, die unter dem Stichwort der Standardisierung die erste große Welle der modernen Globalisierung begleiteten. Wie die Pilze schossen Standardisierungsprogramme und –prozesse aus dem Boden, durch Zertifizierungen wuchs ein Markt, der Wachstumsraten aufwies wie kaum ein anderer. Staatliche und supranationale Regulierungsbehörden wie z.B. die Brüsseler Euronormierungen hatten zur Folge, dass die produktive Seite einer Liberalisierung der Märkte zumindest auf unserem Kontinent in Vergessenheit geriet.

Noch restriktiver wurde die Angelegenheit, als neben einer vermehrten staatlichen Zentralisierung und Normierung noch der Gerechtigkeitsaspekt dieses Dirigismus mit in die Debatte geworfen wurde. Obwohl mit dem Niedergang der bipolaren Welt der Supermächte in Ost und West zunächst das Gefühl eines kräftigen Freiheitsschubes aufgekommen war, hatten sich nach knapp einem Jahrzehnt die nationalen Zuchtmeister der Ordnung durchgesetzt, die auch die letzten Sonnenstrahlen mit dem Aufspannen einer tief dunklen Bürokratie vertrieben.

Wie von selbst tauchte da der Wunsch nach mehr Liberalität und eigener Entscheidungsfreiheit auf. Der immer stärker werdende Wunsch bei vielen Völkern Europas war der nach mehr Individualität, mehr Freiheit und weniger Reglementierung. Die politische Form dieses Wunsches ist traditionell der Liberalismus. Letzterer profitierte denn auch eo ipso aus dem Überdruss gegen die zertifizierte Regulierung und liberales Gedankengut reüssierte, der politische Einfluss wurde zählbar.

Wie immer übernahm die angelsächsische Welt die Vorreiterrolle bei der Renaissance des Liberalismus, und zwar zunächst in Bezug auf die Geldpolitik. Sie entpuppte sich allerdings nicht als Liberalismus, sondern als Libertinage und trägt massiv die Verantwortung für die Weltfinanzkrise von 2008, auch wenn die Jacqueteros aus den Staatsmonopolen des zentraleuropäischen Etatismus bei dem Desaster maßgeblich mit beteiligt waren. Aber wenn die Bombe ins Haus geliefert wird, identifiziert man nach der Explosion meist nur noch den Besteller.

Nun, da in Deutschland wie in Großbritannien die Liberalen auch in der Regierungsverantwortung stehen, wird eine weitere Enthüllung zum Gemeingut: Der Liberalismus ist ein vermeintlicher. Der große Wunsch nach Freiheit verhalf Politikern zum politischen Mandat, denen es um die Umverteilung von Reichtum, aber nicht um eine rationalere und freiheitlichere Organisation des Gemeinwesens ging. In Deutschland bediente man Branchen und Berufsgruppen mit Steuererleichterungen, in England verriegelte man das universitäre Bildungswesen zugunsten des alten wie des neuen Adels. Von beidem werden die Staatswesen nicht profitieren.

Das Maß zwischen Drangsalierung und Libertinage

Der Föderalismus unseres Landes erschien allen, die mit den Ereignissen des Faschismus und Krieges noch konkrete Erinnerungen verbindet, als eine potente und patente Lösung gegen ungezügelte Machtakkumulation. Der Zentralismus, ohnehin eine in deutschen Landen historisch nicht gefestigte Erscheinung, konnte von der Psychologie her spielend angegriffen werden. Der Föderalismus hatte seine Tradition, Vielstaaterei war das eigentliche Charakteristikum bei der stolperhaften, bruchstückartigen und unvollkommenen Nationenbildung Deutschlands. Die legitimierte Kleinstaaterei hatte nach dem Faschismus zum ersten Mal die Aura des Fortschritts, wir konnten unsere para-nationalen Marotten beibehalten und uns mal als nordische Protestanten, mal als südliche Katholiken oder als westliche Lebemänner fühlen, ohne auf einen eigenen Nationalstaat verzichten zu müssen.

Erst im Laufe der Jahrzehnte wurde vielen deutlich, dass der Föderalismus nicht in Gänze nach vorne wies, sondern in vielerlei Hinsicht eher das Schlechte überwiegen ließ. Angefangen mit dem Länderfinanzausgleich, der von den heutigen Gebern enthistorisiert wurde und zu einer Kampfschrift gegen die ehemaligen Spender benutzt wird, über die leidige Frage von Flüchtlingsaufnahmen, die politisch motiviert waren, über den Streit um Mülldepots bis hin zu der desolaten Handhabung von Bildungspolitik in einer globalen Welt ist aus dem ehemaligen Antifaschismus des Föderalismus nicht selten ein selbst redendes Plädoyer für einen aufgeklärten Zentralismus geworden. Denn worüber, bitte schön, wollen wir eigentlich noch ernsthaft streiten, wenn die Länderkammer zwar mit überwältigender Übereinstimmung die Einführung der Winterreifenpflicht beschließt, aber sich über Jahrzehnte nicht auf einheitliche Bildungsstandards einigen kann?

Und trotzdem befinden wir uns vom Gefühl her in einer Lage, die eher den Eindruck einer zentralistischen Schreckensherrschaft vermittelt. In den Ländern ist von einer systematischen Drangsalierung der Länder durch den Bund die Rede. Die Kehrseite der Medaille ist die Unzufriedenheit der Regierenden über die nahezu anarchische Libertinage in den Ländern, die kleinliche Kirchturmspolitik und die damit verbundene Unfähigkeit zu einer national abgestimmten Politik. So wie es scheint, ist der Umzug der Regierung vom katholischen Bonn in das protestantische Berlin nicht nur eine physische Übersiedlung gewesen, sondern auch eine Kampfansage des leistungsethischen Zentralismus an die barocke Genusssucht der Provinzen.

Die hohe Kunst der Politik besteht bekanntlich darin, den Grat zwischen Freiheit und Ordnung zum Wohle der Gesamtheit zu finden und zu beschreiten. In einer Zeit, in der sich jedoch neue Schichten dazu aufmachen, ihre Partikularinteressen gegen eine wie auch immer geartete Majorität zu mobilisieren, ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass der Föderalismus zu einem weiteren Bacchanal bläst und die nationalen Interessen in einer globalisierten Welt hinten an stellt. In solchen Zeiten, da zwingt die Staatsräson dazu, sich für den Zentralismus stark zu machen, denn alles andere wäre ein Argument für die Auflösung, zumindest im Moment.