Archiv für den Monat Dezember 2010

Revolution in Germanistan

Für unsere, d.h. die deutschen Verhältnisse, ist es schon außergewöhnlich. In einem Land, von dem Lenin sagte, dass dort selbst Aufständische vor der Einnahme eines Bahnhofs noch ordnungsgemäß die Bahnsteigkarten lösten, in einem solchen Land ist etwas Undenkbares eingetreten. Das Volk, so jüngste demoskopische Befunde, fühlt sich verraten und verkauft und vertraut der Politik in Gänze nicht mehr. Da ist die Sozialdemokratie zu lau, der Liberalismus zu zynisch, die Christdemokraten zu einfältig, die Linken zu gestrig und die Grünen zu regulatorisch. Und allen sei gemein, dass sie nur an sich dächten und ihnen das Wohl des Ganzen völlig unberührt an der rechten Gesichtshälfte vorbei ginge. Es scheint, als sei unser kleiner Michel mit seinem Schlafmützchen mal wieder auf Krawall gebürstet, und das alles kurz vor dem Fest des Friedens.

Allen, die bereits den schwarzen Dampf des Aufstandes in der Nase haben, sei allerdings geraten, nicht alles gleich auf eine Karte zu setzen, denn es kann durchaus sein, dass sie plötzlich ganz alleine dastehen. Der Michel nämlich, der kann zwar mal den Aufstand proben, doch durchführen, durchführen tut er ihn meistens nicht. Da ist es ratsam in das kleine Lied zu hören, das da ein Barde aus dem strengen Ostdeutschland gesungen hatte, als noch ein Riss ging durch das Vaterland: „Der legendäre kleine Mann“, hieß es da, „der immer litt und nie gewann, der sich gewöhnt an letzten Dreck, kriegt er nur seinen Schweinespeck! Und träumt im Bett vom Attentat, den hab ich satt!“ Das waren nicht nur deutliche Worte, sondern sollte auch eine Warnung sein vor der zu ernsten Rezeption der Volksmeinung in Deutschland.

Aber, auch das sollten wir nicht aus den Augen verlieren, wenn es ein Volk gibt, das in theoretischen Spielen die Revolution und alles was dazugehört durchdekliniert, dann sind es auch wir. Wir kennen und formen jedes Theorem und noch ehe der erste Stein geflogen ist, wissen wir bereits, ob ihn ein wahrer Revolutionär, ein Sektierer, ein Defätist oder ein Romantiker geworfen hat. Und wenn es sein muss, entsteht darüber ein Streit, der dem revolutionären Elan des Steinewerfens in nichts nachsteht. Da sind wir engagiert und teilweise sogar fanatisch, weil es schließlich entscheidend ist, ob man auf der 100prozentig korrekten Seite steht oder von konterrevolutionärem Boden aus agiert, was einen in der zukünftigen Geschichtsschreibung nie mehr loslässt.

Begangene Anmerkungen selbst hätten etwas Reaktionäres, wenn sie es dabei beließen, einfach nur zu sagen, der deutsche Michel sei ein Papiertiger. Das wiederum ist er nicht! Wenn er sauer ist, vor allem auf die Politik, dann kann daraus auch etwas sehr Konstruktives entstehen. Wenn die Wut praktische Folgen nach sich zieht in Form von Foren, aus denen heraus eine Opposition organisiert werden kann, dann war sie eine nützliche Sache. Und vielleicht, so könnte man zu hoffen wünschen, ist die grottenschlechte Vorstellung, die uns das regierende Deutschland derzeit gibt, genau die Energie, derer wir bedürfen, um aus dem Winterschlaf zu erwachen und praktisch etwas zu unternehmen!

The Best Compendium Ever Since

Management Consulting. A Guide To The Profession. Fourth Edition. Edited by Milan Kubr. International Labour Office Geneva

Talking about a dictionary focussing on a whole professional range it would be wise to be cautious. Normally the approach is too full mouthed because the complexity of a serious profession extends to more than a book. Talking about the business of Management Consulting one ought to be even more careful than in other cases. The discipline of Management Consulting reaches back to the antique times when coaches told kings and tyrants how to optimize their business of ruling. Nevertheless it is desirable to have an overview on complex tools, methods and instruments which have a validity of different ages and organizations.

The Guide To A Profession of Management Consulting on behalf of the International Labour Office of ILO in Geneva now rule the market of these questions with an outstanding quality. For almost four decades the compendium has been a useful support for all who are in the business. Despite of the different degree of professionalism the book manages to scope the different necessities of support and gives a sharp prospect of different approaches.

Starting with the Management Consulting in perspective and touching essential chapters like the consultant-client relationship, it continues with the process of Consulting and the various areas of Consulting and it ends with the question how to develop Management Consultants themselves and the Consulting Profession. Each chapter has a range of essential tools, practical questions and an excellent summary. There is no dogmatism at all and the editor Milan Kubr had an eye on the didactical strength without appearing pedagogical in a disturbing way.

The genesis of this book has to be seen in the many challenging projects of international labour research all over the world for decades. There is not one shape of work organization overseen or a level of productivity excluded. And although the reader is facing almost thousand pages he will never get the impression to be confronted with a not manageable complexity. The content of the reader is measured by a deep understanding of the many small practical questions which are woven into a broad structure of understanding. One can learn that there is no miracle and no witchcraft in this serious profession. Anyone can learn where the charlatans are selling their illusions.

Who is involved in Management Consulting ought to have the knowledge of the existence of this book. Further he should know what it is about. Otherwise he will not have a sustainable chance in the business.

Kinder in der Hölle, Quoten an der Macht

The Wire. Die vierte Staffel

Nach der Inhaftierung des Drogenbarons Avon Barksdale übernimmt in der vierten Staffel Malo Stanfield die Herrschaft über den Drogenhandel Baltimores. Doch nicht er, der seine Herrschaft durch Massenmord ausbaut und sichert, dominiert die Handlung, sondern Schulkinder. Sie, zumeist Sprösslinge einsitzender Drogenhändler und Krimineller, werden gezeigt in ihrer Zerissenheit zwischen kindlicher Neugier und Lernwilligkeit und sozialer Verwahrlosung und dem Druck, den die Erwachsenenwelt aus dem Milieu auf sie ausübt.

Da sind Mütter, die ihre Kinder zum Drogenhandel zwingen, weil sie nicht auf ihren Pelzmantel verzichten wollen und ihr Mann im Knast sitzt, Jungs, die zurückkommende Väter nicht mehr sehen wollen und zu Auftragskillern gegen den eigenen Väter werden, weil sie die jüngeren Geschwister schützen wollen. Kids, die mit der Polizei kooperieren und damit selbst den Kopf riskieren, weil sich nicht wollen, das ihre Freunde in das System von Mord und Totschlag gezogen werden und Unzählige, die am meisten fürchten, ihre Gefühle zu zeigen.

Es breitet sich eine Welt der Verrohung aus, in der einige, die es geschafft haben, über den Weg der Bildung oder der Ausübung eines soliden Berufs aus dem Todeskreis zu entfliehen, versuchen, einzelne Kinder über pädagogische Programme oder individuelle Patronage zu retten. Allesamt sind sie schwarz, wie die zynischsten und korruptesten der Politiker, die wie eine Schleimschicht über der Stadt wabern und aggressiv daran interessiert sind, eine Politik, die auf Wahrheit basiert und die Probleme an der Wurzel fassen will, zu verhindern. Sie generieren sich aus Quoten, die nicht den Eindruck machen, der Demokratie gedient, sondern die Kriminalität legalisiert zu haben. Auch der neue, weiße Bürgermeister Carcetti, der zwar mit großem Enthusiasmus an ein Programm für ein besseres Baltimore gehen will, lernt schnell die Kunst der Mystifizierung und geschönten Darstellung.

Es bleibt dabei, dass die Handlung, wie auf einem Graffiti im Vorspann in Bodymore – Murderland spielt und ein Einblick vermittelt, wie es auf dem Hinterhof des Imperiums aussieht: Korrupte Politik, Verelendung, Kriminalisierung, Verfall der Bildung, Untergang der Zivilisation. Die Staffel wartet mit großartigen Bildern auf, um die Vergeblichkeit des Bemühens, daran etwas zu ändern, zu stilisieren. Wenn der entlassene Polizist Colvin, zusammen mit drei Jugendlichen aus einem Sonderschulprogramm zur Belohnung mit diesen in ein Restaurant in der Innenstadt fährt und ihnen im Wagen Billie Holiday vorspielt, jener Sängerin, die in einem Bordell in Baltimore aufwuchs, zu einer der größten Jazzsolistinnen aller Zeiten avancierte und daran zerbrach, und nach dem Essen, das die Jugendlichen aufgrund des zivilisatorischen Ambientes demoralisiert hat, auf der Rückfahrt gegen den Willen Colvins überlaut eine Rapnummer gespielt wird. Oder sich die Berater des Bürgermeisters Carcetti angesoffen nachts in einer Bar darüber mokieren, dass ausgerechnet so ein Scheißthema wie die Schulpolitik schlechte Schlagzeilen gemacht hat.

Die vierte Staffel von The Wire geht wie keine unter die Haut und sie ist ein grandioses Plädoyer gegen die Verlogenheit der political correctness, die entlarvt wird als ein zynisches Mystifizierungsmanöver der Saturierten.