Besinnungslos im Weltgetöse

Mit dem Wunsch nach besinnlichen Weihnachtstagen verbindet sich die Hoffnung, dass die Zeitgenossen nach der ganzen vorweihnachtlichen und Jahresendhektik die Gelegenheit nutzen mögen, um zur Ruhe zu kommen und grundsätzlich einmal über ihr Dasein nachzudenken. Besonders letzteres ist in unserer Zeit zu einer Rarität geworden. Das, was man auch Selbstreflexion nennt, wird sogar zunehmend bewusst gemieden, weil es zumeist nur zu unbequemen Erkenntnissen führt. Da ist es kein Wunder, dass der Wunsch nach einer besinnlichen Zeit zumeist zur Floskel verkommen ist. Kaum sind die Geschenke ausgepackt, blinken schon wieder irgendwelche digitalen Geräte, die uns mit ihrer enervierenden Aufmerksamkeitskonkurrenz den letzten autonomen Gedanken vergraulen und uns wieder in den hektischen, aber nichts sagenden Alltag der Kommunikation ohne nennenswerte Botschaften zerren.

Und wenn wir schon, ausnahmsweise, ein wenig räsonieren, dann sollten wir uns von der Illusion lösen, dass nur wir, die graue, unförmige Masse, weit ab vom Wege der kritischen Rollenreflexion seien. Denn in der Politik, die existenziell unser Dasein doch so sehr in vielen Punkten des Lebens beeinflusst, dort scheint es gar nicht anders zu sein. Zum einen ist das verständlich, denn warum sollten die Akteure der Politik von den Gravitationskräften des Alltags verschont bleiben? Auch sie sind aus Fleisch und Blut, und auch ihnen wurde ein Großteil der möglichen sinnlichen Erfahrung einfach genommen. Auch sie werden getrieben von elektronischen Terminkalendern, von dem Druck schneller Floskelproduktion und dem Wettlauf um die mediale Präsenz. Lustig ist das nicht, und manch einer wird bitter böse sein, weil keine Zeit ist, um mal anständig nachdenken zu können.

Sympathy, is all we need my friend, könnte man da sagen, wenn es nicht um mehr ginge als die Gleichbehandlung von Individuen, jenseits ihrer gewählten Profession. Nein, angesichts der rasanten Entwicklung auf dieser Welt ist die Reflexion der politischen Rolle von Staaten und Nationen eine extrem wichtige und zuweilen auch hoch explosive Angelegenheit. Nach dem Untergang der bipolaren Welt der Supermächte USA und UdSSR in den Neunziger Jahren hat sich sehr viel getan. Die verbliebene Supermacht USA, die sich seit dem II. Weltkrieg als Patron der Deutschen verstanden hatte, befinden sich nach den grandiosen Irrtümern der Bush- Administration in einem überaus schmerzhaften Prozess der Neudefinition, China und Indien sind als ökonomische Giganten erwacht, die konjunkturelle Musik spielt in der Pazifikregion, die arabischen Ländern blasen zu einem finalen religiös-ideologischen Gefecht, weil absehbar die Ölquellen versickern werden und in einzelnen Nischen Europas entstehen Produktivkräfte, die den alten Zentren an den Lebensnerv gehen.

Da wäre eine gute Portion Besinnung mehr als angebracht. Und wir sind schlecht beraten, wenn wir uns dabei als unbeteiligte Beobachter fühlten und an einem solchen Prozess nicht aktiv teilnähmen. Denn das Zutrauen zu denen, die das beruflich tun müssten, hat in den letzten Jahren schwer gelitten. Und wenn wir schon anfangen zu reflektieren, sollten wir uns deutlich machen, dass unsere eigene Passivität vielen Überdruss mit verursacht hat!