und Bob Dylan wird im nächsten Jahr 70!
Obwohl wir schon lange wissen, dass die Verleihung des Nobelpreises für Literatur sehr viel mit Geschäft und Politik zu tun hat und selten mit der literarischen Qualität, sollten wir nicht kampflos jede neue Scharlatanerie hinnehmen. Zwar ist dieser Preis schon an vielen Giganten vorbeigezogen, als seien sie kleine Komparsen im Spiel der Worte, und vielleicht wurden die Großen manchmal nur dadurch groß, dass sie, als der große Wagen des Tantalus mit seinen schwarzen Rossen vorfuhr, diesen Preis nicht im Gepäck auf die letzte Reise dabei hatten. Sie zogen wie der berühmte Wayfaring Stranger ins Jenseits, um den geschmähten Seelen des Diesseits eine letzte, erlösende Lesung zu bescheren. Trotz alledem, unter uns sind noch Wenige, und die wollen wir mit dem Lorbeerkranz noch sehen, weil sie alle Ketten gesprengt haben und deren Werk mehr bewirkt hat als jede Zellteilung oder Kernspaltung.
Das Gesamtwerk Bob Dylans kann nicht rezipiert werden wie eine Diskographie oder Lyrikbände. Allein der Umstand, dass wir es nicht nur mit der verbalen Komposition zu einem lyrischen Werk zu tun haben, sondern auch noch mit dessen Vertonung, zeigt, dass zweierlei Qualitäten zur Disposition stehen. Hinzu kommt eine Attitüde, die nicht nur rebellisch, sondern tief modern ist. Die Offenheit Dylans für Neues und die stete Weigerung, sich an ein Klischee binden zu lassen, hat immer wieder dafür gesorgt, dass seine Anhängerschaft tief irritiert und enttäuscht wird. Die Verweigerung der Verstetigung war das Produktionsprinzip seines Lebenswerkes, welches einzelne Poeme hervorbrachte, die als die Hochlyrik des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden müssen.
Von den vielen Liedern, die als Beleg angeführt werden könnten, sei hier exklusiv All Along The Watchtower genannt. Nicht nur, weil es in dem Scheidejahr 1968 erschien, sondern weil es wie kein anderes die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichsten Bewegungsformen verkörpert. Der Dialog des Jokers mit dem Dieb, wie die Kulisse allgemein, waren dem Mittelalter entlehnt, diente allerdings einer Metaphorik für den Wertverlust der Moderne und die Irrationalität der Handelnden. Dass gerade die rituellen Korrektive der Gesellschaft diejenigen wurden, die deren Zustand am nüchternsten analysierten, gehört zu den großen dramaturgischen Erkenntnissen der Moderne. Dass diese dann noch nach einem Ausweg aus dem Schlamassel riefen, war die Krönung einer Komposition, die ganz beiläufig daher kam, aber wie nichts anderes die Verfestigung des technologischen Zeitalters hinterfragte.
Zu den großen Glücksfällen dieser lyrischen Geschichte gehörte die Interpretation eben dieses Songs durch den Innovator des Electric Blues per se, Jimi Hendrix, der dieser grandiosen Lyrik eine kosmisch-moderne Stimme gab. Da war Großes im Gange, und das wäre doch einfach mal ein Nobelpreis wert!
