Angesichts immer virulenter werdender Probleme bei der Beantwortung der Frage, was zu den Bildungsgrundlagen einer komplexen Gesellschaft gehören sollte, ist es sinnvoll, eine Differenzierung vorzunehmen. Denn eine Gesellschaft generiert sich aus verschiedenen zivilisatorischen Schichten. Dazu gehören Werte und soziale Fertigkeiten, dazu gehören Kulturtechniken und dazu gehört Bildung. Der Vorteil einer derartigen Schichtenbetrachtung liegt in der Ermöglichung einer Ursachenzuordnung, die bei einer bloßen Aufteilung in Bildung und Soziales nicht mehr stattfinden könnte. Genau in letzterem liegt nämlich das Dilemma, denn bei den Testaten über mäßige Leistungen bei der Bildung wird die Unterscheidung zwischen Kulturtechnik und Bildung schon gar nicht mehr vorgenommen und somit suggeriert, Maßnahmen gegen das Nichtvorhandensein oder die Erosion von Kulturtechniken seien bereits Meilensteine bei der Verbesserung der Bildung.
Eine Gesellschaft wie die unsere, die einen Weg hinter sich hat, der über die Religion zur Philosophie und über die Aufklärung zum Recht ging, deren Grundlage die cartesianische Logik des Westens ist, hat sich als kulturelle Basis bestimmte Techniken zur Bedingung gemacht, die mit den Begriffen Schreiben, Lesen und Rechnen minimalistisch beschrieben sind. Die Glieder unseres Gemeinwesens werden nur dann zu selben, wenn sie in der Lage sind, an der verschriftlichten Verkehrsform aktiv teilzunehmen und eine Vorstellung von der Mittelbarkeit von Messen und Bewerten besitzen. Beides ist die Grundbedingung der Teilhabe.
Bildung hingegen geht darüber hinaus. Bildung ist die Verfeinerung und qualitative Anreicherung der Kulturtechniken. Zu dem Können kommt Wissen, das dazu befähigt, Horizonte zu öffnen, zu vergleichen, zu abstrahieren, zu bewerten und zu reflektieren. Das Maß der jeweiligen Befähigung zu diesen Fertigkeiten bestimmt über den Grad und das Privileg der Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Bildung ist ohne Kulturtechniken nicht zu erlangen. Kulturtechniken selbst sind noch keine Bildung.
Bei den aktuellen Ergebnissen der von der OECD vorgelegten Vergleichsstudien zum Thema schulischer Bildung trifft man leider auf eine Unschärfe, die es ermöglicht, die Dramatik der immer noch schlechten Resultate deutscher Schülerinnen und Schüler, diesmal im Lesen, herunter zu spielen. Die Ergebnisse werden exklusiv als Bildungsthema kommuniziert und verleiten zu dem Trugschluss, wir befänden uns bereits auf dem Niveau von Bildung, obwohl wir über Defizite bei der Beherrschung von Kulturtechniken sprechen müssen.
Erst bei einer aufbauenden Analyse der aktuellen Studien taucht die Dimension der Abstraktion und Reflexion auf, bei der prompt die in Deutschland beobachteten Schüler noch einmal signifikant zurückfallen. Was logisch ist, denn bei Schwächen in den Kulturtechniken liegt eine Potenzierung des Problems bei der Bildung auf der Hand.
